21. Januar 2013, 13:48

Kapitalmarkt 2013 – Friede, Freude, Eierkuchen?

Die Halver-Kolumne: Wir befinden uns im Jahr sechs der Finanzkrise. Jedem dieser Jahre kann man wohl ein charakteristisches Attribut beifügen. 2013 scheint endlich ein Jahr der guten Nachrichten zu werden.

Robert Halver

Robert Halver, Baader Bank

Aufgrund der schockartigen Pleite von Lehman würde ich für 2008 „Panik“ wählen. Auf 2009 passt „Die Staaten retten die Banken“. 2010 begann die unsägliche „Euro-Krise“. 2011 steht für „Die Notenbanken retten die Staaten“. „Die Stabilität ist tot, es lebe die In-Stabilität“ ist die Überschrift für 2012. Und 2013? Also ganz spontan fällt mir “Friede, Freude, Eierkuchen” ein. Denn es scheint ein Gute-Nachrichten-Jahr zu werden. So halten selbst die Dauernörgler von den Rating-Agenturen das neue Jahr für den Wendepunkt der Krise in Euroland. Es kann keine höheren Weihen geben.

 

Stabilitätspolitik wie bei Hempels unterm Sofa – na und?

Sicherlich kann niemand behaupten, dass die vielen stabilitätspolitischen Schmutzflecken der Finanzwelt beseitigt wären. In der Eurozone wurde Meister Proper nie gesichtet. Im Gegenteil, wer Augen im Kopf hat, erkennt mühelos, dass die Staatsverschuldungen weltweit weiter munter zunehmen, die Reformbegeisterung in vielen Euro-Ländern ähnlich groß ist wie die Vorfreude auf den Besuch der Schwiegermutter am Wochenende und die Notenbanker müssten eigentlich – wenn sie das Wort Stabilität in den Mund nehmen – eine lange Nase wie Pinocchio bekommen, mindestens aber knallrot werden.

Dennoch scheint die internationale Finanz- und Geldpolitik eine geradezu professionelle Fertigkeit erlangt zu haben, den real existierenden Unrat unter den Teppich zu kehren. Denn mit einer de facto Staatsfinanzierung zum geldpolitischen Nulltarif wird es niemand – ein Euro-Spekulant schon gar nicht – wagen, unter eben diesen zu schauen. Gegen die marktbestimmende Allmacht der Notenbanken kann man sich nur eine blutige Nase holen.

Überhaupt ganz vorne im Showroom der Eurozone werden die Probleme durch kollektive Freuanfälle der Euro-Politik einfach weggelächelt. Und auch eine wahrscheinlich Große Koalition nach der Bundestagswahl unter Führung unserer Mutter Courage der Eurozone wird die allgemeine euroländische Friedensbewegung sicherlich nicht aus dem Rhythmus bringen, nein sie wird genau diesen im Blut haben.

Notenbanken bleiben die Maskottchen der Finanzmärkte

Tatsächlich scheint die Krisenpolitik der Notenbanken auch 2013 die süßesten Früchte hervorzubringen. So sprechen die Finanzmärkte eine liebevolle Sprache: Der Euro holt gegenüber nahezu jeder anderen, selbst starken Währung auf, die Risikoprämien oder vielleicht besser die Zerfallsprämien der früheren euroländischen Underdogs schmelzen wie Schnee in der Sonne dahin und die Aktienmärkte in Italien, Spanien, Portugal und auch Griechenland laufen seit Jahresanfang dem DAX davon, obwohl unsere Unternehmen im Vergleich tatsächlich harte und stabile Fundamentalfakten und nicht nur Visionen abliefern.

Ab und zu vernimmt man zwar stabilitätspolitische Zuckungen der Notenbanken, die anmerken, ihre Völlerei durch Diät zu ersetzen. Für mich ist dies eher Verbalerotik, mit der EZB & Co. dem Geist der geldpolitischen Stabilität publikumswirksam frönt. Denn niemand wird die Staatsanleihemärkte oder die Konjunktur dem Risiko eines erneuten Krisenbefalls aussetzten. Schließlich nimmt man ja auch ein Antibiotikum bis zum Schluss. Nein, die nach vielen, vielen Mühen wieder hergestellte Statik der Finanzwelt wird niemand frühzeitig gefährden wollen. Draghi und Bernanke bleiben die Schutzpatrone der internationalen Finanzmärkte.

2013 schaltet die Liquiditätsschwemme sogar den Turbo ein. Gasgeber ist Japan, das mit aller Macht seine Währung schwächen will, um auch über den Export seiner chronischen Dauerdeflation zu entfliehen. So wurde die japanische Notenbank durch die neue japanische Regierung administrativ entmannt, d.h. ihrer Unabhängigkeit beraubt. So ist sie gezwungen, die Druckerpressen auf Höchstleistung einzustellen und massiv Staatsanleihen ausländischer Staaten aufzukaufen, was deren Währung gegenüber dem Yen stärkt.

Druck erzeugt jedoch Gegendruck, da auch China, die USA und Euroland dringend auf den Export als Konjunkturstütze angewiesen sind. Der zukünftige Ex-Euro-Gruppenchef Juncker hat sich bereits besorgt über die Euro-Stärke geäußert. Dabei fällt der Blick auf die Notenbankzinsen der EZB mit 0,75 Prozent gegenüber Nullkommanix in Japan und den USA. Wer den Euro schwächen will, weiß eigentlich, was zu tun ist, oder? Im drohenden Währungsabwertungswettlauf „Wer ist am billigsten“ wird die globale Liquiditätsmühle sich also noch schneller drehen.

Happy Hour der Geldpolitik beendet, wenn der Flughafen Berlin öffnet

Aus heutiger Sicht ist noch kein Ende der geldpolitischen Rettung von Konjunktur und Finanzmärkten abzusehen. Müsste ich einen Zeitpunkt angeben, würde ich sagen, die Liquiditätshausse endet ungefähr dann, wenn der Flughafen in Berlin seinen Betrieb aufnimmt. Das kann noch dauern.

Und was heißt das für die Anlegerinnen und Anleger? Nutzen Sie die Zeit, die Ihnen die Notenbanken schenken weiter für Sachkapital, insbesondere Aktien.

 

Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieranalyse und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums 1990. Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator und ist durch regelmäßige Medienauftritte bei Fernseh- und Radiostationen, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie durch Fachpublikationen präsent.

Foto: Baader Bank



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1 Kommentar

  1. Geldpolitik

    Preis (P) = Geldmenge (G) x Umlauffrequenz (fu) / Warenmenge (W)

    Die Währungspolitik kann den Faktor G durch Mehrausgaben oder Einzug von Geld regulieren. Mindestens nach oben kann man die Geldmenge begrenzen. … Allerdings kann man nicht verhindern, dass Teile der ausgegebenen Geldmenge gehortet werden. Man hat auch die effektive Umlauffrequenz (fu = BIP / Zentralbank-Geldmenge) nicht in der Hand. Nur wenn man die Kaufkraft des Geldes ständig pendeln lässt (Währungspfusch), kann man darauf einen Einfluss nehmen. Die Umlauffrequenz folgt nämlich in der Regel der Preisbewegung nach. Steigende Preise reizen die Kauflust, fallende lähmen sie. Die Kauflust ihrerseits ist der wesentlichste Motor der Umlauffrequenz des Geldes.

    Erreicht man also durch Veränderung von G eine Bewegung von P, so ändert sich fu entsprechend. Dieser – im Übrigen nicht ungefährliche, leicht zur Schraube ohne Ende werdende – Mechanismus versagt aber bei stabiler Kaufkraft, die doch das Ideal sein sollte. … Eine Währungspolitik, welche die Preise in leichter Aufwärtsbewegung hält (schleichende Inflation), hat sich als recht erfolgreich erwiesen. Wie das kommt, wird am ehesten klar, wenn man vom Gegenteil, der allmählichen Preissenkung, ausgeht. … Alle Käufe, die nicht dem dringlichen Bedarf dienen, werden bei sinkenden Preisen verzögert in der Hoffnung, durch Ausnutzung des Preisfalls Gewinne zu erzielen. Das hat Absatzstockungen und Arbeitslosigkeit zur Folge. Die Wirtschaftsgeschichte hat das erwiesen. … So populär die Forderung nach Preissenkung ist, so nachdrücklich muss eine verantwortungsbewusste Wirtschaftspolitik sie gerade im Interesse der Arbeiterschaft ablehnen. Erhält man die Preise stabil, so kann einem die Hortbarkeit des Geldes leicht einen Streich spielen. … Sie wird einsetzen, sobald bei Sättigung des Kapitalmarktes der Zins sinkt.

    Nun kann man die Hortung ausgleichen durch Ausgabe neuen Geldes an Stelle des gehorteten. Das wird aber in dem gleichen Augenblick gefährlich, wenn durch irgendwelche Einflüsse das gehortete Geld zum Vorschein kommt. Dann laufen die Preise leicht davon, bevor man durch Geldeinzug die Entwicklung bremsen kann. Leicht ansteigende Preise aber halten den Geldumlauf in ständiger Bewegung. Der allmähliche Kaufkraftverlust vertritt beim Geld den Lagerverlust der Waren und unterwirft das Geld wie die Ware dem Angebotszwang. Der Nachteil aber ist, dass dieser Kaufkraftverlust nicht nur das Geld betrifft, sondern auch alle auf Geld lautenden Schuldverträge (langfristige Geldansprüche). Dadurch wird langfristiges Sparen behindert, sodass besondere Maßnahmen zur Förderung der Investition nötig werden. Außerdem widerspricht es der Gerechtigkeit, dass Schuldverträge später mit einem minder kaufkräftigen Geld erfüllt werden.

    Stehen wir hier vor einem ausweglosen Dilemma der Marktwirtschaft?

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/01/geldtheorie.html

    Kommentar von Stefan Wehmeier — 23. Januar 2013 @ 17:52

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