11. Januar 2016, 08:45

“2015 haben Staatsanleihen ihre Unschuld verloren”

Alwin Schenk, Portfoliomanager Investmentstrategie bei Sal. Oppenheim, blickt voraus auf die Anleihenmärkte 2016.

Schenk-Alwin-Sal -Oppenheim in 2015 haben Staatsanleihen ihre Unschuld verloren

Alwin Schenk, Sal. Oppenheim

Das Umfeld für Staatsanleihen war 2015 eigentlich ideal: relativ niedriges Wachstum, zunehmende Deflationssorgen und eskalierende geopolitische Krisen. Derartige Szenarien hätten in der Vergangenheit immer einen massiven Run auf Safe-Haven-Anlagen ausgelöst. Dass dies nicht eintrat, lag sicherlich auch daran, dass im Zuge des geldpolitischen Interventionismus das Universum für risikoarme Anlagen dramatisch geschrumpft ist. Die Erträge von Staatsanleihen waren im vergangenen Jahr niedrig und für 2016 sind die Aussichten kaum besser.

Richtungswechsel

Rückblickend betrachtet haben Staatsanleihen 2015 ihre Unschuld verloren. Durch die massiven Interventionen der Notenbanken sind die Kapitalmarktzinsen in vielen Ländern nochmals gesunken. Damit weisen riesige An- leihebestände mittlerweile eine negative Rendite aus. Am Markt für Bundesanleihen beginnt der positive Renditebereich bei fünf Jahren und in der Schweiz muss man sogar eine 15-jährige Anleihe erwerben, um eine positive Fälligkeitsrendite (Yield to Maturity) zu erzielen.

Damit haben Schuldner und Gläubiger quasi ihre Rollen getauscht: Gläubiger zahlen dafür, dass sie Kapital zur Verfügung stellen und Schuldner werden dafür belohnt, dass sie Kapital aufnehmen. Gleichzeitig ist die Volatilität an den Rentenmärkten auf ein zuvor nicht für möglich gehaltenes Niveau gestiegen. Dies alles sind Indizien für Fehlbewertungen an den Anleihemärkten.

Themenwechsel

2015 ist aber auch das Jahr der einschneidenden Themenwechsel. Während in den Jahren zuvor die Eurokrise und vor allem Griechenland die alles beherrschenden Themen waren, sind im vergangenen Jahr China, die Rohstoffmärkte und das Timing der Fed in den Fokus der Anleger geraten. In diesem Zusammenhang haben auch die Deflationsängste zugenommen und der primär geldpolitisch induzierte Renditerutsch erhielt einen zusätzlichen makroökonomischen Impuls.

Gleichzeitig zeichnet sich das Ende der geldpolitischen Konvergenz ab, mit ersten Bremsversuchen in den USA und Großbritannien und einer weiteren Beschleunigung durch die EZB. Aber auch in der Politik nehmen die Divergenzen zu. So wächst die Euro-Skepsis in Osteuropa und in diesem Jahr steht die Abstimmung über den Verbleib der Briten in der EU an. Die Losung könnte somit lauten: “Nach dem Grexit ist vor dem Brexit.”

Strategiewechsel

Das Universum für risikoarme Anlagen ist in den letzten Jahren geschrumpft und dieses geänderte Kapitalmarktumfeld zwingt die Anleger zu einem Strategiewechsel, den uns die japanischen Investoren schon längere Zeit vorexerzieren. Dieser berücksichtigt mehr Aktien- und weniger Renteninvestments und innerhalb der Rentenanlagen mehr Kredit- und weniger Staatsanleihen. Auch Fremdwährungsanleihen dürften bei vielen zu einem dauerhaften Portfoliobestandteil werden.

Gleichzeitig wird die Nachfrage nach Anleihen mit einem geringen Durationsrisiko steigen, denn trotz der anhaltenden Anleihekäufe durch die EZB spricht schon allein das aktuelle Bewertungsniveau für ein hohes Zinsänderungsrisiko. Das gilt umso mehr, je weniger man die dramatische Entwicklung an den Rohstoffmärkten fortschreibt bzw. mit steigenden Zinsen in den USA rechnet. Seit dem Ende der Rohstoffhausse 2008 sind die Rohstoffpreise um fast 70 Prozent gesunken und bewegen sich mittlerweile schon wieder auf dem Niveau von 1998. Die Zinsdifferenz zu den USA kann zudem nicht kontinuierlich steigen, ohne eine Sogwirkung bei Bundesanleihen zu entfalten.

Foto: Sal. Oppenheim


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