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5. April 2013, 11:48
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„Grenzen werden noch fließender“

Professor Dr. Jochen Ruß vom Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften (ifa) in Ulm stimmt nicht in den Abgesang auf die klassische Lebensversicherung ein.

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Prof. Dr. Jochen Ruß, ifa: “Jede Lösung kann für gewisse Kunden eine gute Wahl sein.”

Cash.: Im Neugeschäft der Versicherer dominierte im ersten Halbjahr 2012 die klassische Lebensversicherung mit einem Marktanteil von 76 Prozent, während die Fondspolice nur 24 Prozent erreichte. Welche mittelfristigen Verschiebungen erwarten Sie?

Ruß: Es geht doch darum, dass man für unterschiedliche Kunden mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Risikopräferenzen auch unterschiedliche Produkte braucht. Daher wird es immer eine Vielfalt von sehr sicheren Produkten bis hin zu Produkten mit weniger Garantien und dafür mehr Chancenpotenzial geben.

Es gibt heute schon zahlreiche Mischformen, wie beispielsweise Hybridprodukte und Produkte, die in der Kundenwahrnehmung eher fondsgebunden beziehungsweise aktienindexgebunden sind, technisch aber vorwiegend als „Klassik“ gelten. Umgekehrt gibt es auch klassische Produkte mit verstärkt endfälligen Garantien, die gewisse Elemente von Fondspolicen haben. Die Grenzen werden in Zukunft vermutlich noch fließender werden.

Der Versicherer Zurich hat den Eigenvertrieb der hauseigenen „Klassik“ zu Jahresbeginn eingestellt. Wird die Entscheidung eine Signalwirkung für die gesamte Branche haben?

Ich bin der festen Überzeugung, dass der sogenannte „Risikoausgleich im Kollektiv und in der Zeit“ für die Kunden zu einer Stabilität der Erträge führt, die man bei vergleichbarer Rendite nirgendwo anders findet. Diese Möglichkeit hat man aber nur bei klassischen Versicherungen. Das kann kein Bank- oder Fondsprodukt in vergleichbarer Weise leisten. Das Verhältnis von Rendite zu Risiko war bei klassischen Produkten in der Vergangenheit aus Kundensicht daher einzigartig.

Umgekehrt sind die in bisherigen klassischen Produkten beinhalteten Garantien für den Kunden sehr hochwertig und daher für den Versicherer bei niedrigen und volatilen Zinsen riskant und somit teuer. Deshalb arbeiten viele Versicherer und auch wir – auch ohne ein zusätzliches Signal – hart daran, zukunftsfähige klassische Produkte zu bauen.

Über das Thema „Garantien“ in Lebensversicherungen wird seit geraumer Zeit diskutiert. Welche Trends beobachten Sie?

Wir sehen im Wesentlichen drei Trends: Erstens: Neue klassische Produkte, die den Risikoausgleich im Kollektiv und in der Zeit nutzen, für den Versicherer aber das Risiko beschränken, indem man sich auf diejenigen Garantien beschränkt, die der Kunde auch wirklich braucht und wahrnimmt.

Zweitens: Eine Weiterentwicklung verschiedener fondsgebundener Garantiemodelle und drittens: Neue Produkte für die Rentenbezugsphase, denn auch in der Rentenphase gibt es Kunden mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Daher brauchen wir auch hier mehr Produktvielfalt.

Wie sehen Sie die mittelfristigen Zukunftsaussichten der bestehenden Produkte?

Weder bei einer Bewertung von Produkten aus Kundensicht noch bei einer Risikoanalyse aus Versicherersicht darf man meiner Meinung nach in Produktkategorien denken. Dem konkreten Produktdesign kommt eine immer größere Bedeutung zu. Daher wehre ich mich gegen Aussagen wie „die klassische Versicherung ist für die Versicherer zu riskant“ oder „Garantiemodell XYZ ist für den Kunden zu teuer“.

Ganz im Gegenteil: Jede Lösung kann bei geeigneter Ausgestaltung für gewisse Kunden eine gute Wahl sein und für den Versicherer mit einem beherrschbaren Risiko einhergehen.

Interview: Lorenz Klein

Foto: Frank Seifert

3 Kommentare

  1. Die klassische Lebensversicherung hat durchaus ihre Berechtigung in der Finanzkrise, auch wenn sich die Zurich-Gruppe-Deutschland seit Anfang des Jahres von diesem Produkt verabschiedet hat und durch die Fondsprodukte, auch wenn Sie als Hybrid verkauft werden, das Risiko überwiegend auf den Kunden übertragen möchte. Es ist richtig, dass in Zeiten der Finanzkrise viele Kapitalanlagen gleichermassen von der niedrigen Rendite betroffen sind und diese speziell bei der Lebensversicherung gegenfinanziert werden müssen. Allerdings sind Versicherer auch allgemein dazu gegründet worden Risiken einzugehen, die auch von den Kapitaleignern mitgetragen werden sollten. Ich möchte daher die Diskussion nicht nur über das richtige Produkt in der Finanzkrise führen, sondern auch hierüber wie sich die Kapitaleigner von Versicherungsgesellschaften in der Finanzkrise verhalten, indem sie z. B. aus Ihren Mitteln das Eigenkapital der Gesellschaften erhöhen, damit auch die Versicherungsgesellschaften Ihre Kapitalanlage in verstärkt in renditestarke Anlagenformen (z. B Aktien oder Unternehmensanleihen) lenken können, um die Garantien weiterhin aufrechterhalten zu können. Dies wäre m. E. auch ein Beitrag zum Erhalt der klassischen Lebensversicherung. Sich einfach aus dem Geschäft zu verabschieden ist einfach zu kurz gesprungen und widerspricht dem Gedanken auch Risiken einzugehen, die aus meiner Sicht immer noch kalkulierbar sind.

    Kommentar von Claus-Dieter Wiegratz, Business-Analyst — 9. April 2013 @ 18:00

  2. Aus meiner Sicht hat Prof. Ruß die Vorteile der klassischen Lebensversicherung ausreichend begründet: Sie besteht, grob gesagt, im Risikoausgleich im Kollektiv und in der Zeit – so etwas gibt es bei keinem anderen Anlageprodukt. Auch ist der Hinweis auf die sinkenden Renditen von Frank Rindermann nicht ganz korrekt. Sicher sinken die Renditen; aber das tun sie gemeinsam mit sämtlichen Anlageformen des Kapitalmarktes, der durch einen niedrigen Leitzins geprägt ist. Daher muß man die Renditen stets mit alternativen Anlageformen vergleichen – und da sieht es eben bei allen schlecht aus: Tages- und Festgeld schaffen kaum den Inflationsausgleich und andere Anlageklassen haben zu hohe Risiken, so daß sie mit der Lebensversicherung erst Recht nicht zu vergleichen sind.

    Kommentar von Matthias Wühle — 9. April 2013 @ 17:12

  3. Klassische Altersvorsorgeprodukte sind wie destilliertes Wasser, dass man trinkt … und trotzdem verdurstet.

    Die Begründung des geschätzten Professors Dr. Ruß, ist mir persönlich zu schwammig. Ich kann in diesem Interview keinen exemplarischen Hinweis dafür finden, warum die klassischen Produkte eine Berechtigung für die Altersvorsorge haben sollen oder gar notwendig sind. Für das Ergebnis der Altersvorsorge zählt einzig und allein die Fähigkeit des Verbrauchers, für das Alter einen sinnvollen Betrag zur Finanzierung des Alters zu generieren. Die erzielbare Rente des Vertrages wird doch durch die Faktoren “Beitrag”, “Zeit” und “Rendite” bestimmt. Die Faktoren “Beitrag” (Begrenzt, da der Beitrag nicht beliebig gewählt werden kann, sondern an den finanziellen Möglichkeiten orientiert ist) und “Zeit” (Ansparphase bis Rentenbeginn ist begrenzt) sind kaum veränderbar. Einzig der Faktor “Rendite” bestimmt somit das Ergebnis der Sparphase. Auch dem Professor ist bekannt, dass die Renditen klassischer Produkte seit vielen Jahren deutlich und beschleunigt sinken. Eine Erhohlung des Zinsmärkte ist mittelfristig nich in Sicht; die Renditen der Lebensversicherer werden weiter sinken. Bei einer heute durschnittlichen Rendite klassischer Produkte von ca. 3,6% verbleibt nur noch eine minimale Nettorrendite nach Inflation. Auch Garantiemodelle ändern daran nichts; reduzieren die Renditend sogar noch.
    Für mich ist es Herr Prof. Dr. Ruß in diesem Artikel nicht gelungen, einen Vorteil der klassischen Produkte zu erläutern. Es verbleibt die provokante Frage, warum Herr Ruß hier versucht den klassichen Produkten eine Berechtigung zu verleihen, wenn doch die ifa in Ihren Produktanalysen regelmäßig aufzeigt, wie groß der positive Abstand fondsgebundener Produkte zu klassichen Produkten sind ?
    Wenn Verbraucher – wie in diesem kommentieren Artikel – aufgeklärt werden sollen, dann doch bitte auch auch allen Blickwinkeln. Wir haben das hier versucht: http://finanzblog-frf.de/versicherungen-uebersicht/lebensversicherungen/kapitallebensversicherungen_als_altersvorsorge
    Nur eine objektive Information aus der Betrachtung verschiedener Perspektiven kann einen Nutzen für den Verbraucher bei dem eklatant Dringlichen Thema Altersvorsorge bringen.

    Kommentar von Frank Rindermann — 8. April 2013 @ 09:40

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