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16. April 2013, 11:20
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Wege aus dem Zins-Dilemma

Das Zinsrisiko der Versicherer steigt. Die Gesellschaften werden bei ihren verzinslichen Anlagen selektiver vorgehen müssen als je zuvor. Neben illiquiden Anlageklassen werden auch börsennotierte Indexfonds (ETFs) und Dividendenstrategien wichtiger.

Gastbeitrag von Marcus Severin, Blackrock

Versicherer

“Die Versicherer müssen lernen, die neue Investmentwelt für sich zu nutzen.”

Lebensversicherungen sind eines der Lieblingsprodukte der deutschen Sparer: Insgesamt besitzen diese mehr als 90 Millionen entsprechender Verträge – das macht mehr als einen pro Kopf. Die große Nachfrage hat die Policen dank der damit verbundenen Provisionen auch bei den Finanzvertrieben zu einem der beliebtesten Produkte gemacht. Doch nun drohen Lebensversicherungen an Attraktivität zu verlieren, denn die Renditen schrumpfen zusehends.

Vor zehn Jahren lag der Höchstrechnungszins – umgangssprachlich als Garantiezins bezeichnet –, den die Versicherer für ihre Deckungsrückstellungen maximal zugrunde legen dürfen, noch bei vier Prozent. Die relativ hohe Verzinsung war für die Assekuranzen und Finanzvertriebe eines der wichtigsten Verkaufsargumente für Lebensversicherungspolicen. Doch in den vergangenen Jahren hat das Bundesfinanzministerium den Zinssatz Schritt für Schritt gesenkt: Seit Anfang 2012 dürfen Versicherer ihren Neukunden nur noch eine Verzinsung von höchstens 1,75 Prozent pro Jahr versprechen.

Der Grund dafür: Die Höhe des Höchstrechnungszinses für Lebensversicherungen berechnet sich nach der durchschnittlichen Umlaufrendite zehnjähriger Staatsanleihen, welche auf Euro lauten. Der Rechnungszins darf höchstens 60 Prozent der durchschnittlichen Rendite dieser zehnjährigen Staatsanleihen aus dem Euroraum betragen.

Niedrige Zinsen erschweren Erreichbarkeit des Garantiezinses

1,75 Prozent garantierte Verzinsung klingt nicht gerade üppig. Aber angesichts der Tatsache, dass die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen momentan nur knapp 1,5 Prozent beträgt, ist selbst dieser Satz schwer zu erwirtschaften. Hinzu kommen die Verpflichtungen aus Altverträgen: Zusätzlich zum Garantiezins haben die Versicherer oft Überschussbeteiligungen zum Ablauf der Versicherung prognostiziert, die längst nicht mehr zu halten sind. Angesichts dessen warnt der Bund der Versicherten (BdV) vor Einbußen von bis zu 30 Prozent gegenüber einer vor 20 Jahren berechneten Auszahlungssumme.

Solche Szenarien und die niedrigeren Höchstzinssätze belasten das Neugeschäft der deutschen Versicherer. Im Jahr 2011 haben sie in der Lebensversicherung (einschließlich Pensionskassen und -fonds) 3,9 Prozent weniger Beiträge eingenommen als im Jahr zuvor, zeigen Zahlen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). 2012 reduzierten sich die Einnahmen gegenüber 2011 nach vorläufigen Schätzungen um 0,7 Prozent auf 86,2 Milliarden Euro.

Rückzug von Banken eröffnet neue Möglichkeiten

Die Versicherer stecken in einem Dilemma: Einerseits sind sie verpflichtet, das Geld der Kunden sicher anzulegen, etwa in Staatsanleihen, Bundeswertpapiere oder Pfandbriefe. Knapp 90 Prozent der etwa 740 Milliarden Euro Versichertenvermögen in Deutschland sind dem GDV zufolge so investiert. Andererseits bieten diese Wertpapiere angesichts niedriger Zinsen nur magere Renditen. Und die aktuelle Aktienrallye dürfte an den meisten Versicherern nahezu spurlos vorübergehen. Denn nach Angaben des GDV ist die Aktienquote in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken: Lag sie 2007 noch bei 8,5 Prozent, waren Ende 2011 nur noch 2,9 Prozent in Dividendenpapieren investiert.

Diesem Dilemma können die Versicherer nur entkommen, indem sie ihre Strategien in der Vermögensverwaltung ändern. Dabei stehen ihnen zwei Stellschrauben zur Verfügung: Zum einen wird den Gesellschaften nichts anderes übrig bleiben, als höhere Risiken am Kapitalmarkt einzugehen. Sie sollten dies jedoch als Chance begreifen, denn der Markt bietet ihnen günstige Gelegenheiten. Zum anderen können die Assekuranzen ihre Vermögensverwaltungen effizienter gestalten.

Steigendes Risiko in vermeintlich sicheren Häfen

Die Kombination aus erhöhter Volatilität am Kapitalmarkt und höheren Eigenkapitalanforderungen wird Banken weiterhin zwingen, ihre Bilanzen zu verkürzen. Im Zuge dessen werden sie sich aus bestimmten Geschäftsfeldern verabschieden, Vermögenswerte verkaufen und Risiken verbriefen. Das bietet Versicherern, die es im starken Wettbewerb mit den Banken bislang schwer hatten, eine Chance: Sie können die Lücke, die der nachlassende Risikoappetit der Kreditinstitute hinterlässt, füllen.

Nach und nach werden immer mehr Versicherer erkennen: Das Risiko in den vermeintlichen sicheren Häfen wie etwa Bundesanleihen nimmt zu, wenn die Wahrscheinlichkeit für ein Ende der ultra-lockeren Zinspolitik steigt. Dann werden sie sich verstärkt in höher verzinsten Krediten engagieren. Wir erwarten, dass sie dabei über den traditionellen High-Yield-Bond hinausschauen und sich zum Beispiel Immobilienanleihen (Senior und Mezzanine), Leveraged Loans oder Collateralised Loan Obligations zuwenden werden. Denn dort winken höhere Zinsen und bessere Risiko-Rendite-Profile.

Anleihen aus Schwellenländern mit gutem Risiko-Rendite-Profil

Nicht nur was die Strukturen angeht werden die Versicherer ihr Anlagespektrum erweitern. Auch geografisch werden sie neue Bereiche des Anleihemarktes für sich erschließen. Schon jetzt beobachten wir eine starke Nachfrage europäischer und US-amerikanischer Versicherer nach Anleihen aus den Schwellenländern. Schließlich liegen die Renditen dieser Papiere deutlich über denen klassischer Staatsanleihen aus Europa und den USA.

Wir erwarten, dass das gute Risiko-Rendite-Profil dieser Papiere und das Streben nach breiterer geografischer Streuung für weitere Investitionen in diesem Marktsegment sorgen werden. Denn die Schwellenländer zeigen im Gegensatz zu den Industrienationen weiterhin ein starkes Wachstum. Zudem führen die steigende Emissionstätigkeit und die verstärkte Nachfrage zu einer höheren Liquidität bei den entsprechenden Papieren.

ETFs werden an Bedeutung gewinnen

Auch bei den Finanzinstrumenten, die zum Einsatz kommen, werden Versicherer neue Wege beschreiten. Im Anleihebereich werden sie ihre Strategien vermutlich vermehrt über börsennotierte Indexfonds (ETFs) umsetzen. Ein Grund dafür ist, dass der Primärmarkt für Bonds nicht mehr genug hergibt, um den Appetit aller Investoren zu stillen. ETFs bieten Investoren, die sich am Bond-Sekundärmarkt engagieren wollen, viele Vorteile. Dazu gehören schnelle Anpassungen in der Asset Allocation, ein kostengünstiger Zugang auch zu exotischeren Marktsegmenten sowie geringere Transaktionskosten im Vergleich zum außerbörslichen Handel der einzelnen Bonds.

In der Finanzkrise ist deutlich geworden, dass Liquidität einen echten Wert hat. Denn plötzlich haben Investoren illiquide Güter weitgehend gemieden. Inzwischen ist die Risikoprämie für Illiquidität so hoch gestiegen, dass es sich wieder lohnt, auf die ständige Verfügbarkeit aller finanziellen Mittel zu verzichten: Infrastrukturprojekte, Immobilien und Hedgefonds können das Anlagespektrum von Versicherern erheblich bereichern.

Die Verpflichtungen der Versicherer haben langfristigen Charakter, daher hatten Immobilien immer schon ihren Platz in der Asset Allocation der Gesellschaften. Aus dieser Erfahrung ergibt sich ein Wettbewerbsvorteil. Diesen sollten die Versicherer besser ausspielen, wenn es um Investitionen mit kalkulierbaren Cashflows geht, zum Beispiel bei Infrastrukturprojekten. Aktuell bieten langfristige Infrastrukturinvestitionen etwa zwei bis drei Prozentpunkte mehr Ertrag als vergleichbare US-Staatsanleihen.

Gelegenheiten im Bereich Infrastruktur, an denen sich die Versicherer beteiligen könnten, gibt es reichlich: Rund drei Billionen Dollar Investitionsbedarf erwartet die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) weltweit bis zum Jahr 2018. Versicherer können helfen, diese dringend benötigte Kapitalquelle aufzustocken.

Anlagestrategien müssen flexibler werden

Die geplanten Regulierungsänderungen durch Solvency II werden die Kapital- und Risikovorschriften für Versicherer verschärfen. Gleichzeitig wird die neue Investmentwelt mit erhöhter Volatilität dazu führen, dass die Risikobudgets der Gesellschaften je nach Zeitpunkt und dann herrschendem Marktumfeld in unterschiedlichem Maße strapaziert werden. Dies macht es schwierig, Risiken im Zuge konstanter Anlagestrategien zu budgetieren.

Daher werden die Versicherer ihre Anlagestrategien insgesamt flexibler gestalten müssen. Es bietet sich an, die Anlageportfolios künftig an zweierlei Maßstäben zu messen: zum einen wie bereits üblich an Kapitalmarktindizes, zum anderen an Risikobudget-Indizes. Um Letztere berechnen zu können, wird es notwendig sein, sämtliche Anlagebestände stets aufgrund aktueller Marktkonditionen zu preisen.

Sofern sich die Risikobudgets ändern, sollten die Versicherer ihre Anlagepositionen entsprechend anpassen. Das ist möglich, indem sie das Risiko in bestimmten Asset-Klassen durch Verkäufe oder Absicherungsstrategien herunterfahren oder indem sie in weniger riskante Vermögenswerte umschichten. Optimal wäre es, wenn diese Anpassungen automatisch abliefen, sobald sich die Risikoindizes bewegen.

Versicherer müssen neue Investmentwelt für sich nutzen

Die Versicherer müssen lernen, die neue Investmentwelt für sich zu nutzen. Denn nur so wird es ihnen gelingen, die Erwartungen der Sparer zu erfüllen. Ein Verlust des Vertrauens in Lebensversicherungen infolge unerwartet niedriger Renditen hätte nicht nur negative Folgen für das Geschäft der Finanzvertriebe. Weitaus dramatischer wären die Konsequenzen für die Altersvorsorge der Deutschen.

Autor Marcus Severin ist Leiter des Versicherungsgeschäfts in Deutschland und Österreich bei der US-amerikanischen Investmentgesellschaft Blackrock.

Foto: Blackrock

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