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Finanzprodukte: Standardisierung schafft Transparenz

Die digitale Revolution ist auch in der Finanzbranche angekommen, das dürfte niemanden mehr überraschen. Schließlich sind Finanzprodukte ihrer Struktur nach für den Online-Vertrieb geradezu prädestiniert.

Gastbeitrag von Dr. Ralf Kauther, vwd Vereinigte Wirtschaftsdienste AG

“Eine Standardisierung der wichtigsten Produkteigenschaften kann helfen, leichter geeignete Produkte zu finden.”

Speziell haptische oder optische Aspekte spielen bei Finanzprodukten – im Unterschied zu Konsumgütern – kaum eine Rolle. Ein Finanzprodukt ist ein Vertrag, der rechtssicher dokumentiert und abgeschlossen werden muss.

Wesentliche Herausforderung bei Finanzprodukten

Vieles, was es darüber zu erfahren gibt, lässt sich elektronisch übermitteln. Aber es gibt bei Finanzprodukten eine wesentliche Herausforderung: Finanzprodukte sind abstrakte Zukunftsversprechen, die mit einem Risiko behaftet sind. Es können sich also am Ende des Anlagehorizontes unterschiedliche Renditen ergeben.

Aufgrund der Abstraktheit von Finanzprodukten ist insbesondere die Frage schwer zu beantworten, ob der Kunde am Ende wirklich das bekommt, was er will. Die Antwort einiger Kunden, der Verbraucherschützer und Regulatoren lautet insbesondere seit der Finanzkrise ganz klar: nein.

Finden und Zuordnen geeigneter Produkte schwierig

Hierzu ist allerdings festzustellen, dass diese Frage nicht einfach zu beantworten ist, denn einerseits ist selbst die Formulierung eindeutiger Anlagepräferenzen aufwändig und kompliziert, andererseits gibt es für verschiedene Finanzprodukte – beispielsweise Fonds, Anleihen [1], Aktien [2] und Zertifikate – keine übergeordneten und vergleichbaren Kennzahlen. Das Finden und Zuordnen geeigneter Produkte stellt Anleger und Berater somit vor große Herausforderungen.

Mittlerweile ermöglicht die technologische Entwicklung die Standardisierung von Finanzproduktinformationen sowie die automatische Profilierung von Anlegern. Damit lässt sich der Beratungsprozess erheblich vereinfachen.

Standardisierung kann Abhilfe schaffen

Eine Standardisierung der wichtigsten Produkteigenschaften wie Risiko, Liquidität und Kosten kann Abhilfe schaffen und Anlegern sowie Beratern helfen, leichter geeignete Produkte zu finden. Es gibt zahlreiche Beispiele aus den verschiedensten Bereichen für die Bedeutung von Normierungen beziehungsweise Klassifikationssystemen, die eine Orientierung auch bei komplexen Produkten und Dienstleistungen erlauben.

Seite zwei: Klassifizierungen für ganze Portfolios [3]

Selbst bei relativ aufwändig zu bewertenden Dienstleistungsbetrieben – beispielsweise bei Restaurants – lässt sich so die Qualität über die Transparenz deutlich erhöhen. Eine solche Einordnung in einem Gesamtangebotsspektrum ist für den Verbraucher sehr eingängig und schafft einen stabilen Bezugsrahmen, in dem er seine Auswahl treffen kann.

Einfache Kennzahlen

Die Argumente für einheitliche Klassifikationsstandards lassen sich ganz unmittelbar auf Finanzprodukte übertragen. Bei Finanzprodukten sollten die Produktklassifizierungen – anders als bei klassischen Ratings und Qualitätsurteilen (Beispiel Restaurantführer) – auf Basis methodisch ausgeklügelter Verfahren und quantitativer Kennzahlen erstellt werden.

So kann das Risiko verschiedener Finanzprodukte, seien es nun Aktien, Anleihen, Fonds oder Zertifikate, in die Klassen 1 bis 5 eingeordnet werden. Das Kennzahlenspektrum lässt sich ohne Probleme um weitere Dimensionen wie die Liquidität erweitern, mit dem Ziel, alle wesentlichen Kriterien für private Anlageentscheidungen durch einfache Kennzahlen auszudrücken.

Klassifizierungen für ganze Portfolios

Grundsätzlich können solche Klassifizierungen nicht nur für einzelne Produkte, sondern auch für ganze Portfolios berechnet werden. Ein solches System erlaubt auch die Abbildung der Anlegerpräferenzen und Bedürfnisse und bringt diese mit den entscheidungsrelevanten Eigenschaften von Produkten und Portfolios in einer für den Verbraucher verständlichen Form auf einen Nenner.

So entstehen Standards, an denen sich auch weniger interessierte oder versierte Kunden orientieren können. Manch einer mag nun einwenden, dass solche Kennzahlen viel zu simpel seien, um die in der Realität vorhandenen Bedürfnisse und Wünsche wie auch die Produkteigenschaften adäquat zu erfassen.

Dem ist entgegenzuhalten: Selbst wenn das Ergebnis einfach und intuitiv ist – was es zwangsläufig sein muss, wenn der Verbraucher damit sicher umgehen soll – können Herleitung und Berechnung durchaus komplex sein.

Abbildung von Kundenpräferenzen

Ein Klassifizierungssystem für Finanzprodukte basiert beispielsweise auf finanzmathematischen Modellen und anspruchsvollen Produktbewertungen. Auch die Abbildung der Kundenpräferenzen im Kennzahlensystem kann sehr anspruchsvoll sein.

Seite drei: Berater schafft Differenzierung [4]Das sogenannte Profiling und die Bestandsaufnahme können zukünftig nicht mehr nur unmittelbar abgefragt werden, sondern lassen sich – bei vorheriger Zustimmung des Anlegers – auch aus seinem Nutzungsverhalten erschließen.

Mit der zunehmenden Verlagerung von Kommunikation und Transaktionen auf elektronische Wege eröffnen sich andere und auch bessere Möglichkeiten, die finanzielle Situation des Kunden präzise und zeitnah zu erfassen. Ein solches Profil würde sich zudem automatisch aktualisieren. Solche Entwicklungen können die Branche nachhaltig revolutionieren.

Berater schafft Differenzierung

Ein weiterer Einwand geht dahin, dass mit solchen Verfahren jegliche Differenzierung ausgehebelt würde. Die Frage ist nur, an welchen Stellen sich ein Finanzdienstleister in der Kundenbeziehung sinnvollerweise differenzieren kann.

Die oben angesprochenen standardisierten Kennzahlen geben dann Orientierung, wenn sie produkt- und anbieterübergreifend und zudem überregional identisch angewendet werden. Schließlich ist es für den Anleger verwirrend, wenn verschiedene Anbieter Risiken oder die Liquidität von Produkten unterschiedlich messen.

Neben standardisierten Klassifizierungen gibt es aber immer noch ein sehr weites Feld, auf dem der Finanzdienstleister seine Stärken ausspielen kann: Marktmeinungen müssen den Produkten zugeordnet, Risikoeinschätzungen können aufbauend auf den Standards verfeinert und das Gesamtportfolio muss mit dem Kunden abgesprochen werden. Dieser persönliche Service wird auch zukünftig im Wertpapiergeschäft nachgefragt und eine wichtige Rolle spielen.

Vergleichbarkeit und Verständlichkeit werden erhöht

Der Vorwurf, gemeinsame Standards würden jeden Raum für Individualität nehmen, ist daher unbegründet. Richtig ist allerdings, dass eine Standardisierung die Vergleichbarkeit und Verständlichkeit stark erhöht. Verbraucher werden so zunehmend in die Lage versetzt, konkret nachzuvollziehen, was ihnen an Nutzen angeboten wird und was sie dafür bezahlen sollen.

Sie können Produkte miteinander vergleichen und haben damit die Möglichkeit, die Funktionsweise von Produkten ganz anders zu verstehen, als dies über die heutigen Darstellungen und Produkterklärungen über die Assetklassen möglich ist.

Auch wenn die Berechnungen und Herleitungen der Produktklassifizierungen und Kundenprofile komplex und anspruchsvoll sind, so liegt es auf der Hand, dass sich diese Prozesse automatisieren lassen und maschinell erstellt werden können.

Seite vier: Anlageberater der Zukunft [5]

Die standardisierten Produktinformationen können bedarfsorientiert zur Verfügung gestellt werden. So gibt es heute bereits Webseiten, die Informationen abhängig von der Nutzungshistorie ein- und ausblenden. Informationen werden so zugespielt, wie sie für eine Entscheidung benötigt werden.

Auch das Navigationssystem im Auto funktioniert vergleichbar und nimmt die Rolle des Beifahrers ein, der das Kartenmaterial kennt und daraus konkrete Handlungsanweisungen für den Fahrer ableitet. Die Anlageberater der Zukunft werden ähnlich agieren.

Sie bereiten die relevanten Informationen bedarfs- und zeitgerecht auf und stellen diese ihren Kunden zur Verfügung. Dieser Prozess kann vollständig automatisiert erfolgen oder der Berater wird in seinen Aufgaben von den IT-Systemen unterstützt.

Technologische Umorientierung

Eine Automatisierung in der Erstellung von Produktinformationen und geeigneter Kennzahlen sowie der Anlegerprofile ist aber nicht das einzige Feld, in dem die technologische Innovation die Branche nachhaltig verändern wird. Auch an der technologischen Schnittstelle zum Kunden sind Finanzdienstleister gut beraten, konsequent in eine neue Infrastruktur zu investieren.

Der Verbraucher wird zukünftig über verschiedene Wertpapierverkaufskanäle – Anlageberatung in der Bank, Call- Center und im Internet bei einer Direktbank – bequem und jederzeit Verträge einsehen sowie Neuabschlüsse oder Änderungen vornehmen können und Zugriff auf begleitende Informationen erhalten. “Omni Channel” ist hier das Stichwort.

Hoher Kostendruck und regulatorische Anforderungen

Das stellt jedoch viele Banken und Versicherer vor große Herausforderungen, weil die vorhandene IT-Infrastruktur mit einer Vielzahl gewachsener Systeme komplex, die Sicherheitsanforderungen hoch und gerade in den in Deutschland verbreiteten Finanzverbünden die Vertriebsarchitekturen vielstufig sind.

Seite fünf: Vertrauen zurückgewinnen [6]

Hinzu kommen der hohe Kostendruck und die zunehmenden regulatorischen Anforderungen an die Produktauflage, den Wertpapiervertrieb und die Anlageberatung. Die Realisierung einer “Omni Channel”-Architektur wird nur mit technologischer Umorientierung zu leisten sein:

Kundenmanagementsysteme rücken in den Fokus, sie müssen an den Schnittstellen zum Kunden und Vertrieb eine Vielzahl von Funktionalitäten aufweisen, die zudem laufend an neue Anforderungen der Kunden und Regulatoren anzupassen sind.

Vertrauen zurückgewinnen

Zusätzlich müssen sie mit den Kernsystemen wie der Vertragsverwaltung, den Enterprise-Anwendungen des Rechnungswesens sowie insbesondere dem Portfolio- und Risikomanagement harmonieren. Eine effiziente Umsetzung der “Omni Channel”- Architektur erfordert hochkonfigurierbare, modulare Standardsoftwaresysteme, die geschickt in die bestehenden Systemlandschaften einzubauen sind.

Mit einer branchenübergreifenden, überregionalen und sachgerechten Standardisierung der wesentlichen Produktinformationen zum Risiko, zur Liquidität und zu den Kosten können Anbieter Vertrauen zurückgewinnen, was wiederum dem Markt der Anlageberatung und Vermögensverwaltung neue Wachstumsimpulse geben könnte.

Kundenprofil automatisch und fortlaufend entwickeln

Die nächsten Schritte der digitalen Revolution ermöglichen es Anlegern, einerseits ihr Kundenprofil automatisch und fortlaufend zu entwickeln und andererseits jederzeit über “Omni Channel” auf die Produktinformationen und Profile zuzugreifen.

Diese Entwicklungen eröffnet die große Chance, dass sie zukünftig besser und schneller zu den Produkten kommen, die wirklich zu ihnen passen. Anbieter können darüber hinaus über automatisierte und integrierte Prozesse Produktsynergien nutzen, ihr Produktangebot gezielt auf die Anlagepräferenzen der Zielkundschaft ausrichten und darüber auch die stetig steigenden regulatorischen Anforderungen erfüllen.

Damit können sie erhebliche Kosten sparen, was die Grundlage für ein langfristig profitables Wertpapiergeschäft ist.

Der Autor Dr. Ralf Kauther ist Vorstand der vwd Vereinigte Wirtschaftsdienste AG.

Foto: vwd AG