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AIF-Prospekte: Von wegen Transparenz

Mit der Regulierung sollte alles besser werden. Doch bei den Fondsprospekten ist das Gegenteil der Fall. Der Löwer-Kommentar

Stefan Löwer, Chefanalyst von G.U.B. Analyse sieht in AIF-Prospekten erhebliche Informationslücken.

Weiß sollte sie sein und schön: Die neue Welt der voll regulierten alternativen Investmentfonds (AIF). Der Grauschleier gelüftet, alles kontrolliert, hochwertig und transparent.

Von wegen. Zumindest hinsichtlich der Fondsprospekte ist der Schuss nach hinten losgegangen. Sie sind alles andere als transparent und informativ. Dass sie häufig keine Prognoserechnung enthalten [1], ist das eine. Dass bei einigen der AIF-Prospekte für Blind Pools sogar ein tabellarischer Investitionsplan fehlt, das andere.

In diesen Fällen bleibt der geneigte Leser nach der Lektüre von 80 oder 100 Seiten in staubtrockenem Juristendeutsch, die ihm ohne erkennbare Layout-Bemühungen präsentiert werden, mit nicht viel mehr zurück als einem Berg von Fragezeichen.

Mittelverwendung bleibt offen

Ungeklärt bleibt dann beispielsweise eine so zentrale Frage wie die genaue Finanzierungsstruktur des Fonds. Die Anlagebedingungen begrenzen regelmäßig lediglich das Fremdkapital auf die gesetzliche Höchstgrenze von 60 Prozent des Wertes der Vermögensgegenstände. Welche Fremdkapitalquote der Fondsplanung tatsächlich zugrunde liegt, bleibt hingegen offen.

Noch gravierender ist, dass ohne Investitionsplan auch die Mittelverwendung nicht vollständig ersichtlich ist. In den Anlagebedingungen müssen nur die direkten Fondsgebühren zum Beispiel für die Kapitalverwaltungsgesellschaft (KVG) und die Verwahrstelle fixiert werden.

Daneben fallen jedoch weitere Kosten etwa für externe Bewerter, Makler oder Rechtsberater an, deren Höhe dort nicht beziffert wird. Bei Immobilienfonds können diese zusätzlichen „Weichkosten“ – auch wegen der Grunderwerbsteuer – locker acht bis zehn Prozent des Eigenkapitals ausmachen. Entsprechend weniger fließt in die Substanz.

Offenes Tor für Anlegeranwälte

Das kann dann auch für den Vertrieb zum Problem werden. Schließlich ist laut Bundesgerichtshof (BGH) „… für die Anlageentscheidung von wesentlicher Bedeutung und damit aufklärungspflichtig, in welcher Höhe der Anlagebetrag nicht dem Kapitalstock der Anlage zufließt oder – wie hier – nicht in den Gegenwert an Immobilien investiert wird“ (Aktenzeichen: II ZR 404/12).

Dem Urteil zufolge ist die Gesamthöhe der Weichkosten sogar wichtiger als der separate Ausweis der Provisionen. Der Richterspruch erfolgte in Zusammenhang mit der Haftung eines Treuhänders, dürfte aber auf den Vertrieb übertragbar sein und öffnet bei Prospekten ohne vollständigen Investitionsplan ein weites Tor für Anlegeranwälte.

Für den Vertrieb bleibt dann nur zu hoffen, dass die bisherige Rechtsprechung mit der Regulierung und den neuen Vorschriften des KAGB obsolet ist. Doch das ist zweifelhaft, sagen Experten.

Seite zwei: Die Richtigkeit der Angaben im Prospekt untersucht die BaFin nicht [2]

Gleiches gilt für die Frage, ob für die Richtigkeit und Vollständigkeit des Prospekts und der wesentlichen Anlageinformationen (wAI) tatsächlich allein die KVG verantwortlich zu machen ist, sofern der Vertrieb nicht von etwaigen Fehlern oder Lücken wusste. Rechtsprechung zu dieser Frage steht jedenfalls noch aus, so Prof. Dr. Thomas Zacher in seinem Gastbeitrag für Cash.Online [3]. Verlassen sollte sich der Vertrieb darauf also nicht. Die BaFin-Prüfung hilft ebenfalls nicht weiter.

Die Behörde prüft die Prospekte nur auf formale Vollständigkeit. Dabei untersucht sie offenbar lediglich, dass die im KAGB konkret aufgeführten Mindestangaben enthalten sind. Viel mehr aber auch nicht.

Neben (bzw. vor) der Auflistung der erforderlichen Mindestangaben enthält das Gesetz jedoch eine Generalklausel. Demnach muss der Prospekt die Angaben enthalten, „die erforderlich sind, damit sich die Anleger … ein begründetes Urteil bilden können“. Dass die Mindestangaben dafür immer ausreichen, steht dort nicht.

Keine WP-Gutachten mehr

Die genaue Finanzierungsstruktur und ein vollständiger Mittelverwendungsplan zählen bei Blind Pools nicht explizit zu den KAGB-Mindestangaben. Doch können sich die Anleger ohne diese Informationen tatsächlich ein „begründetes Urteil“ bilden?

Für die BaFin wäre diese Frage eine inhaltliche Bewertung, die von der Behörde grundsätzlich nicht vorgenommen wird. Am Ende werden wohl wieder die Gerichte entscheiden müssen. Die Richtigkeit der Angaben im Prospekt untersucht die BaFin ohnehin nicht.

Verschärft wird die Situation noch dadurch, dass eine Reihe KVGen keine Prospektgutachten durch Wirtschaftsprüfer mehr in Auftrag geben. Das ist trotz der Hängepartie um die Neufassung des Prüfstandards IDW S4 ohne weiteres möglich, wie entsprechende Beispiele aus aktuellen Analyseverfahren von G.U.B. Analyse belegen.

So wird das nichts

Manche KVGen sind jedoch offenbar so beseelt von ihrem Eintritt in die „weiße“ Welt, dass sie es nicht für nötig halten, ihre Arbeit noch einmal von dritter Seite kontrollieren zu lassen. Manche scheinen sogar selbst zu glauben, mit der Vertriebserlaubnis durch die BaFin seien alle Zweifel beseitigt.

Doch über kurz oder lang wird auch einmal ein regulierter AIF gegen die Wand fahren. Dann wird nicht nur das Getöse derjenigen wieder gewaltig sein, die hinterher immer alles vorher wussten. Auch die Anlegeranwälte erhalten mit einigen der aktuellen Prospekte jede Menge Futter.

Es geht aber nicht nur um die juristischen Folgen. Schließlich war die Branche doch angetreten, mit der Regulierung die Skandale der Vergangenheit hinter sich zu lassen, Vertrauen zurück zu gewinnen und neuerliche Enttäuschungen zu vermeiden. Doch so wie bisher, liebe Leute, so wird das nichts.

Stefan Löwer ist Chefanalyst von G.U.B. Analyse und beobachtet den Markt der Sachwertanlagen als Cash.-Redakteur und G.U.B.-Analyst insgesamt schon seit mehr als 20 Jahren.

Foto: Anna Mutter