- Finanznachrichten auf Cash.Online - https://www.cash-online.de -

“Deutschland sollte seinen eigenen Weg gehen”

Ulf Niklas, Gründungsmitglied und erster Sprecher der Bundesinitiative der Honorarberater und Geschäftsführer der Berliner Honorarberater GmbH, hat mit Cash.Online über die Regulierung der Honorarberatung und deren Zukunft gesprochen.

Ulf Niklas: “Wir sind keine Verfechter eines klaren Provisionsverbots, da dies für die Etablierung der Honorarberatung auch nicht zwingend erforderlich ist.”

Cash.Online: Am 1. August 2014 ist das Honoraranlageberatungsgesetz in Kraft getreten. Wie bewerten Sie den Schritt des Gesetzgebers?

Niklas: Ganz klar: Ein erster wesentlicher Schritt ist mit Inkrafttreten des Honoraranlageberatungsgesetzes [1] erreicht. Der Kunde kann sich nach dem Willen des Gesetzgebers erstmals tatsächlich darauf verlassen, dass zugelassene Honorar-Anlageberater und Honorar-Finanzanlagenberater auch tatsächlich provisionsfrei beraten.

Trotz der gesetzlichen Pflicht zur Offenlegung von Zuwendungen ist der Mehrheit der Kunden in Deutschland unverändert noch nicht bewusst, dass der provisionsfinanzierte Berater von Produktanbietern oder Emittenten – und damit direkt aus dem anzulegenden Vermögen des Kunden – vergütet wird.

Der Honorarberater darf sich dagegen ausschließlich transparent vom Kunden bezahlen lassen. Ein möglicher Interessenkonflikt in der Beratung wird so von vornherein konsequent vermieden. Das Bewusstsein für diesen Unterschied muss in der erforderlichen Breite unverändert erst noch ausreichend transportiert werden – das Honoraranlageberatungsgesetz [2] ist ein wesentlicher Schritt hierfür.

Im Register der DIHK [3] sind derzeit knapp über hundert Honorar-Finanzanlagenberater gemäß Paragraf 34h Gewerbeordnung (GewO) eingetragen. Wieso ist die Resonanz bisher so gering?

Im November 2015 werden 17 Honorar-Anlageberater in dem entsprechenden öffentlichen Verzeichnis der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) geführt. Im DIHK-Register sind insgesamt 106 Honorar-Finanzanlagenberater geführt.

Häufig ist im Hinblick auf diese vergleichsweise geringen Zulassungszahlen zu hören, dass sich die Honorarberatung nicht aus Ihrer anfänglichen Nische heraus auch in der Breite habe ausreichend etablieren können. Der Kunde in Deutschland wolle also gar keine Honorarberatung. Doch diese Schlussfolgerung ist natürlich kurz gegriffen und nicht richtig.

Können Sie das näher erläutern?

Nicht erfasst sind in diesen Zahlen diejenigen vielen Berater, die nach derzeitigem juristischen Auslegungsstand der Gewerbeordnung als klassische Finanzanlagenvermittler mit Zulassung nach Paragraf 34f Gewerbeordnung [4] ihre Kunden im Rahmen so genannter Mischmodelle sowohl gegen Provision als auch gegen Honorar beraten.

Nicht erfasst sind in diesen Zahlen sämtliche Regelungstatbestände außerhalb der Anlageberatung – also zum Beispiel Versicherungen, Altersvorsorge, Finanzierungen oder Finanzplanung. Viele Beratungen werden hier bereits auf Honorarbasis unabhängig erbracht. Beim DIHK sind derzeit knapp über 300 Versicherungsberater nach Paragraf 34e GewO registriert. Hinzu kommen die Berater aus Banken und Haftungsdächern.

Seite zwei: “Die Etablierung der Honorarberatung schreitet voran [5]

Wird sich die Honorarberatung in Deutschland etablieren können?

Der ausschließlich kurzfristige Blick wird der sukzessiven Etablierung der Honorarberatung nicht gerecht. Er orientiert sich zu sehr am ursprünglich auch erwogenen, generellen Provisionsverbot, zu dem sich der deutsche Gesetzgeber aber nicht durchgerungen hat. Eine Änderung der Beratungslandschaft kann und wird deshalb aber dennoch sukzessive erfolgen.

Wir halten dies auch für den besseren Prozess, bei dem sich Produkt- und Servicewelt sowie Kundenverständnis parallel entwickeln können. Im Markt ist diese sukzessive Etablierung längst zu beobachten: Etablierte Serviceprovider öffnen sich seit vergangenem Jahr nun auch endlich für Honorarberater und provisionsfreie Produkte.

Fakt ist schließlich auch, dass trotz der geltenden gesetzlichen Vorschriften der Mehrheit der Kunden in Deutschland heute immer noch nicht bewusst ist, dass der provisionsfinanzierte Berater von Produkt-anbietern vergütet wird.

Dass sich der Honorarberater dagegen ausschließlich vom Kunden bezahlen lassen darf und ein möglicher Interessenskonflikt in der Beratung so von vornherein konsequent vermieden wird, muss in der erforderlichen Breite erst noch ausreichend transportiert werden. In diesem Umfang dürfte die Nachfrage nach Honorarberatung somit auch weiter steigen.

Es lässt sich also festhalten: Die Etablierung der Honorarberatung schreitet in Deutschland unbeirrt anderslautender Rufe sukzessive voran.

2013 trat in Großbritannien die “Retail Distribution Review” [6] (RDR) in Kraft, durch das Provisionen für Vorsorgeprodukte und Investmentfonds abgeschafft wurden. Wie hat die Regulierung in Großbritannien die Geschäftsmodelle der Berater und den gesamten Markt verändert?

In Großbritannien lässt sich die Bildung unterschiedlicher Marktsegmente beobachten: Einerseits mit kosteneffizienten Angeboten vorwiegend im Online-Bereich und andererseits Angebote mit umfassenderer Beratung für zahlungsbereite Kunden.

Das ist doch überhaupt kein Drohszenario. Im Gegenteil: Die Produktkosten sind durch das Provisionsverbot ja erheblich gesunken und der Kunde kann nun frei ent-scheiden, ob er vor dem Abschluss noch eine ergänzende Beratung wünscht. In anderen Bereichen klappt das doch auch längst: Wer keinen Steuerberater zahlen möchte, der greift auf kostengünstigere, webbasierte Beratungsformen zurück.

Die britische Regulierungsbehörde FCA (Financial Conduct Authority) scheint in einer ersten Evaluierung mit der Wirkung der RDR zufrieden zu sein: Sie stellt in ihrer jüngsten Veröffentlichung hierzu eine höhere Beratungsqualität und eine Professionalisierung der Branche fest. Das Ziel, eine ausschließlich auf das Anlegerinteresse ausgerichtete Beratung, habe man allerdings noch nicht erreicht.

Seite drei: “Wir sind keine Verfechter eines Provisionsverbots [7]

Sollte Großbritannien in Sachen Regulierung der Beratungsvergütung also ein Vorbild für Deutschland sein?

Wir sind keine Verfechter eines klaren Provisionsverbots, da dies für die Etablierung der Honorarberatung auch nicht zwingend erforderlich ist. Insofern kann und sollte Deutschland durchaus seinen eigenen Weg in Sachen Regulierung der Beratungsvergütung gehen, so wie das bisher mit der Einführung des Honoraranlageberatungsgesetzes ja auch geschehen ist.

Die Regierungsparteien im Deutschen Bundestag halten derzeit – und das ist im Koalitionsvertrag auch so fixiert – die Koexistenz beider Vergütungsformen für geeignet, den Wettbewerb um den Kunden entscheiden zu lassen. Das ist marktwirtschaftlich ein starkes Argument und mit Sicherheit auch aus Sicht des Verbraucherschutzes sinnvoll. Es sollte lediglich sichergestellt werden, dass der Kunde in einem Honorar-Provision-Mischmodell nicht übervorteilt werden kann.

Die Versicherungsberatung gegen Honorar ist bisher in Paragraf 34e GewO geregelt. Sollte eine weitere gesetzliche Regelung der Honorarberatung zu Versicherungen geschaffen werden?

Im Hinblick auf den bestehenden “regulatorischen Flickenteppich” ist aus unserer Sicht eine zukünftige Regelung für Honorarberater erforderlich, die ausnahmslos alle Finanzprodukte umfasst.  Die Vorschriften für den Honorar-Anlageberater und den Honorar-Finanzanlagenberater beziehen sich derzeit ja nur auf Wertpapiere und Vermögensanlagen, nicht aber auf andere Kapitalanlagen wie Versiche-rungen, Bausparpläne oder Einlagekonten.

Genau das hebelt die Ursprungsidee der Honorarberatung leider aus: Honorarberater sollen unabhängige Konzepte für eine vollumfängliche Finanzplanung ihrer Kunden erstellen. Hierfür ist eine vollumfängliche Beratung erforderlich. Deshalb soll ein Honorarberater auch zu allen Finanzprodukten provisionsfrei beraten können und müssen. Ein Oberbegriff „Honorarberater“ für Berater mit Zulassungen für all diese Tätigkeitsbereiche wäre wünschenswert.

Wie wird sich die Honorarberatung in Deutschland in den kommenden fünf bis zehn Jahren entwickeln?

Wir sind optimistisch, dass wir – eine fortlaufende Koexistenz von Provision und Honorarberatung unterstellt – in fünf bis zehn Jahren den Anteil der Honorarberatung auch in Deutschland auf 15 bis 20 Prozent erhöhen können. Wenn Sie sich in Europa und International umschauen, so ist die Honorarberatung zweifelsohne ein klassischer, starker Wachstumsmarkt in der Zukunft ähnlich der Digitalisierung etwa.

Die Umsetzung der Finanzmarktrichtlinie MiFID II [8] erfordert bereits im Laufe der kommenden zwei Jahre eine klare Unterscheidung zwischen unabhängiger und nicht-unabhängiger Beratung. Hierbei ist definiert, dass “unabhängige” Beratung in Zukunft vollständig provisionsfrei und damit ausschließlich gegen Honorar durchzuführen ist.

Ein Umstand, den derzeit eindeutig nur der “Honorar-Finanzanlagenberater” und der “Honorar-Anlageberater” erfüllen. Dennoch sind bei der Umsetzung der MiFID II in nationales Recht natürlich noch nicht alle Detailfragen geklärt – es bleibt also spannend.

Interview: Julia Böhne

Foto: Bundesinitiative der Honorarberater