- Finanznachrichten auf Cash.Online - https://www.cash-online.de -

“Recruiting muss heute online wie offline stattfinden”

Vertriebsexperte Andreas Buhr, Vorstand der Buhr & Team Akademie für Führung und Vertrieb AG, erläutert, was Berufseinsteiger heutzutage von Arbeitgebern erwarten und worauf Finanzvertriebe bei der Ansprache der jungen Generationen achten sollten.

Andreas Buhr: “Momentan kenne ich nur drei Vertriebe, die das Recruiting 3.0 wirksam umsetzen.”

Cash.: Warum müssen potenzielle Bewerber heute anders angesprochen werden?

Buhr: Die Gen Y [1] und Gen Z ticken anders als die Generationen früher. Für sie gilt: Sinn schlägt Status. Entsprechend müssen sich auch die Anreize der Unternehmen für die jungen Leute ändern. Die Finanzdienstleistungsbranche [2] ist zudem nicht ursprünglich attraktiv, es gibt kaum interessante Karriereangebote auf der Vertriebsseite.

Und eine Unternehmenskarriere ist ebenso nicht für viele geeignet. Das ist die eine Seite. Die andere ist: Demografie ist Schrittmacher dieser Branche. Heute erleben Eltern die Pensionierung ihrer Kinder. Es gibt also zum Thema Altersvorsorge jede Menge zu tun. Wer macht den Job, wenn auch die Banken es nicht tun? Ich bin gespannt.

Welche Anforderungen hat die junge Generation an zukünftige Arbeitgeber?

Die jungen Menschen möchten sich selbst verwirklichen, aber auch frei sein. Das heißt: Projektmentalität schlägt Arbeitnehmermentalität, mobiles Arbeiten schlägt feste Arbeitsplätze, Life-Work-Balance schlägt Work-Life-Balance. Nach diesen Wertemotiven suchen sie sich ihren Arbeitgeber aus. Den jungen Menschen, die jetzt ins Arbeitsleben streben, ist es wichtiger, im und mit ihrem Job glücklich zu sein, als viel Geld zu verdienen. Bloß mit monetären Anreizen sind sie nicht zu gewinnen.

Inwieweit können Finanzvertriebe [3] Ihrer Ansicht nach diese Erwartungen tatsächlich erfüllen?

Die Finanzdienstleistungsbranche als solche muss sich attraktiver darstellen, muss ins Employer Branding investieren. Bislang wirkt sie eher wie ein “old men network”, ist also nicht gerade attraktiv für die junge Generation. Die Finanzvertriebe müssen außerdem erstklassige Produkte und Dienstleistungen entwickeln und verkaufen wollen sowie klare Werte, Transparenz und Flexibilität vorleben. Was ganz wesentlich ist: Menschen die Chance auf eine faire Karriere zu ermöglichen. Hierfür ist es unter anderem wichtig, potenzielle Kandidaten frühzeitig anzusprechen und auch zweitberufliche Einstiege anzubieten.

Wie sollten sich die Unternehmen [4] präsentieren, um das Interesse potenzieller Bewerber zu wecken?

Sie sollten ihre Attraktion sichtbar machen, indem sie die entscheidenden Alleinstellungsmerkmale des Unternehmens deutlich machen. Success Storys zu veröffentlichen, ist außerdem immer hilfreich. Zudem können sie punkten, indem sie das Thema Altersvorsorge und dessen Bedeutung für uns alle bewusst machen.

Seite zwei: “Klare Prozesse in der Rekrutierung schaffen [5]

Sie haben ein Buch zum Thema Recruiting 3.0 verfasst. Was ist darunter zu verstehen?

In dem Buch beschreibe ich die “7 Wege des Recruitings”. Wie hat sich Recruiting verändert, und wie kann ich Bewerber für mich gewinnen? 3.0 meint dabei hybrid: Das Recruiting muss heutzutage online wie offline stattfinden. Mit 3.0 möchte ich aber auch einen Paradigmenwechsel ausdrücken. Denn heutzutage bewirbt sich nicht nur der Bewerber beim Unternehmen, aufgrund des demografischen Wandels und des damit einhergehenden Fachkräftemangels muss sich das Unternehmen quasi auch bei potenziellen Kandidaten bewerben.

Welche Rolle spielen hierbei die sozialen Netzwerke [6] aus Ihrer Sicht?

Die Social Media – insbesondere Xing, LinkedIn, Facebook, Google+ – spielen eine sehr große Rolle. Die Unternehmen müssen hier sichtbar sein, sie müssen in den sozialen Netzwerken nach Bewerbern suchen, und sie müssen umgekehrt von diesen dort auch gefunden werden. Denn hier hält sich die Generation Y und Z auf, hier hinterlassen sie ihre Spuren. Somit können die Unternehmen die Social Media auch hervorragend nutzen, um Informationen über Bewerber einzuholen und sich auf Gespräche mit diesen vorzubereiten.

Welche Recruiting-Kanäle sollten Finanzvertriebe [7] nutzen, um geeignete Bewerber zu finden?

Meiner Meinung nach sind Empfehlungen und die direkte Ansprache – sowohl intern, als auch extern – die Königsdisziplinen.

Gibt es ein Best-Practice-Beispiel aus der Finanzbranche – also ein Unternehmen, das erfolgreich Recruiting 3.0 [8] betreibt?

Momentan kenne ich nur drei Vertriebe, die das wirksam umsetzen. In den Finanzdienstleistungsunternehmen selbst wird sicher viel probiert, – der Erfolg ist aber noch nicht erkennbar.

Wenn Sie den Recruiting-Verantwortlichen in den Finanzvertrieben mit drei Tipps auf die Sprünge helfen sollten, was würden Sie ihnen empfehlen?

Ich bin nicht in der Lage, Tipps zu geben. Stattdessen hätte ich drei Anregungen: Erstens: Chancen erhöhen und auf hybride Prozesse setzen. Zweitens: klare Prozesse in der Rekrutierung schaffen. Und drittens: öfter “Nein” zu Kandidaten sagen. Wer öfter “Nein” sagt, beginnt zu rekrutieren!

Interview: Julia Böhne

Foto: Buhr & Team