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Die Flexi-Rente greift – und kaum einer weiß davon

Am 1. Juli wird das neue Flexi-Rentengesetz voll wirksam – allerdings ist das Regierungsvorhaben nur jedem dritten Deutschen bekannt, obwohl die Regelung alle Arbeitnehmer betrifft.

Die Weirich-Kolumne

Professor Dieter Weirich: “Die im Juli dann in der zweiten Etappe zur Verabschiedung kommende Flexi-Rente ist ein Schritt nach vorne.”

Die SPD betrachtet sie als uneheliches Kind und die Unionsparteien reden zu wenig darüber: Die sogenannte “Flexi-Rente [1]“, die in der letzten Etappe, also in sechs Wochen, ab dem 1. Juli dieses Jahres in vollem Umfang wirksam wird.

Zukunftsweisender Weg

Seit dem 1. Januar 2017 wirkt sich ein Weiterarbeiten neben der Rente auf Antrag steigernd auf das Alterseinkommen aus. Ab dem 1. Juli können Bezieher einer Altersrente [2] vor Erreichen der Regelaltersgrenze flexibler hinzuverdienen dürfen.

Auch wird ab diesem Zeitpunkt das Alter, in dem Sondereinzahlungen zum Ausgleich von Abschlägen vorgenommen werden dürfen, vom 55. auf das 50. Lebensjahr reduziert werden.

Diese Neuerungen sind ein zukunftsweisender Weg zur Stärkung der Altersvorsorge [3] im tiefgreifenden demographischen Wandel. Allerdings ist das Regierungsvorhaben nur jedem dritten Deutschen bekannt, obwohl die Regelung alle Arbeitnehmer betrifft.

Eine repräsentative Umfrage weist nicht nur auf diesen Umstand, sondern auch auf die unterschiedlichen Wünsche der Deutschen hin. Ein Drittel will über das 65. Lebensjahr hinaus weiter arbeiten, genau so viele Bürger wären aber an einer Teilrente ab 60 Jahren interessiert, wie sie der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) für Arbeitnehmer nach 35 Versicherungsjahren vorschlägt, was nach den derzeit geltenden Regelungen einen Abschlag von bis zu 25 Prozent der Alterseinkünfte bedeuten würde.

Dies könnte gemildert werden, wenn mit einer Teilzeitanstellung weiter in die Rentenkasse eingezahlt und ein höherer Nebenverdienst neben dem Bezug der Teilrente erlaubt wird, so der DGB.

Die Bundesregierung bleibt angesichts der immer älter werdenden Gesellschaft beim Ziel der Rente mit 67 [4] und begrüßt die Flexibilisierung des Renteneintrittsalters, bei dem mit der nach zähen Verhandlungen in der Großen Koalition verabschiedeten Flexi-Rentengesetz ein erster, zukunftsweisender Schritt gemacht wurde.

Höhere Rentenansprüche als Anreiz

Das “Gesetz zur Flexibilisierung des Übergangs vom Erwerbsleben in den Ruhestand und zur Stärkung von Prävention und Rehabilitation im Erwerbsleben” soll den Anreiz zum Arbeiten nach Erreichen des 67. Lebensjahres durch höhere Rentenansprüche steigern.

Zudem dürfen Arbeitnehmer zwischen dem 63. und 67. Lebensjahr mit der Flexi-Rente mehr hinzuverdienen, sofern sie das Modell der Teilrente wählen. Außerdem erhofft sich die Bundesregierung neue Impulse bei der Behebung des Fachkräftemangels, den sie nach der Rente mit 63 nach 45 Versicherungsjahren selbst verschärft hat.

Seite zwei: Dachdecker als Standard-Argument [5]

Frühe Renten sind für die Deutschen offenkundig noch immer stark verlockend. Seit Einführung der abschlagsfreien Rente mit 63 im Juli 2014 haben bundesweit über 720.000 Arbeitnehmer [6] einen Antrag für den Erhalt der vollen Altersrente bei frühzeitigem Ausstieg gestellt.

Dachdecker als Standard-Argument

Während die Arbeitgeber die Rente mit 63 mit als Ursache für den wachsenden Fachkräftemangel nennen, weist die SPD diese Kritik mit dem Hinweis zurück, wer viereinhalb Jahrzehnte körperlich gearbeitet habe, sei oftmals vom Gesundheitszustand her gar nicht in der Lage, länger zu arbeiten.

Ein beliebtes Beispiel dafür ist der Dachdecker, wobei verschwiegen wird, dass es für besonders belastete Arbeitnehmer zahlreiche Erleichterungen für einen frühzeitigen Ausstieg gibt.

Dass sich das Problem des Fachkräftemangels künftig noch verstärken wird, macht die jüngste Erhebung des Personaldienstleisters Randstad deutlich. 94 Prozent der Unternehmen in Deutschland beschäftigen nämlich aktuell Mitarbeiter, die mindestens 55 Jahre alt sind.

Folgt man dem Präsidenten des Zentralverbandes des deutschen Handwerks, Hans-Peter Wollseifer, läuft das Geschäft der Handwerksbetriebe aktuell zwar prächtig, doch klagen 50 Prozent darüber, dass sie frei werdende Stellen nicht mehr besetzen können. Die vielen neuen Migranten sieht er erst übermorgen als interessantes Potenzial, da sie erst qualifiziert werden müssten.

Chancen für längere Bindung

57 Prozent der von Randstad befragten Personalchefs glauben, dass die Flexi-Rente Chancen bietet, Mitarbeiter länger binden zu können. “Dass mit dem 65. Lebensjahr automatisch der Hammer fällt, die Zeiten sind vorbei” meinte ein führender Manager.

In einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt-und Berufsforschung, einer Einrichtung der Bundesarbeitsagentur, heißt es, dass Betriebe Ältere häufiger dann halten wollen,”wenn sie eine vergleichsweise höher qualifizierte Belegschaft haben oder wenn sie in Branchen tätig sind, in denen es Anzeichen für Rekrutierungsschwierigkeiten gibt”.

Seite drei: Schritt nach vorne [7]

Hohe Zustimmungswerte findet die Innovation auch bei Ökonomen. Jeder zweite befragte Volkswirt begrüßt das neue Angebot, 13 Prozent sind sogar für eine komplette Abschaffung des Rentenalters. Entscheidend bei jeder Flexibilisierung ist, dass die Belohnung für längere Arbeit auch genügend Anziehungskraft besitzt.

Schritt nach vorne

Die im Juli dann in der zweiten Etappe zur Verabschiedung kommende Flexi-Rente ist ein Schritt nach vorne.

Die Unionsparteien sollten ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen und in der Wahlkampagne für die Bundestagswahl deutlich machen, dass dies nur ein erster Schritt zur Liberalisierung ist.

Da nur ein Drittel der Arbeitnehmer überhaupt von der Flexi-Rente gehört hat, ist eine groß angelegte Informationskampagne eigentlich ein Gebot der Stunde. Die Vokabel “Ruhestand” passt so oder so gar nicht mehr in unsere Zeit.

Der Schweizer Publizist Ernst Reinhardt hat es so auf den Punkt gebracht: “Der Ruhestand [8] bedeutet kein Stehenbleiben, sondern ein Weitergehen”. Dazu kann erfüllende Arbeit gehören, die sowohl dem Einzelnen wie der Gemeinschaft dient.

Prof. Dieter Weirich ist neben Klaus Morgenstern Sprecher des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA), einer in Berlin angesiedelten Denkfabrik für Generationengerechtigkeit, die von Unternehmen der Finanzwirtschaft getragen wird. Der gelernte Journalist und ehemalige Bundestagsabgeordnete war früher Intendant der Deutschen Welle, des deutschen Auslansdsrundfunks.

Foto: DIA