Insurtechs: Keine technischen Altlasten

Foto: Pascal Messmer
Das Führungstrio von Hepster (v.l.): Alexander Hornung, Hanna Bachmann und Christian Range

In Zeiten pandemiebedingter Kontaktbeschränkungen lernen immer mehr Kunden die Vorteile rein online-basierter Versicherungsabschlüsse zu schätzen. Davon profitieren die Insurtechs, die digitalen Versicherer gelten als Gewinner der Coronakrise.

Es sind Zahlen, von denen andere Branchen derzeit nur träumen können: Im dritten Quartal 2020 wurden weltweit Investitionen in Insurtechs in Höhe von 2,5 Milliarden US-Dollar in insgesamt 104 Transaktionen getätigt. Das entspricht einem Anstieg gegenüber dem Vorquartal um 63 Prozent im Investitionsvolumen und 41 Prozent in der Transaktionsanzahl. Dies geht aus dem „Insurtech Briefing Q3/2020“ der Unternehmensberatung Willis Towers Watson hervor. „Damit hat die weltweite Finanzierungsaktivität nach dem Covid-19-bedingten Rückgang im ersten Quartal bereits ein halbes Jahr später einen neuen Höchststand erreicht“, sagt Michael Klüttgens, Leiter der Versicherungsberatung bei Willis Towers Watson. „Die aktuellen Zahlen unterstreichen, dass Investoren trotz der Covid-19-bedingten Umwälzungen großes Wachstumspotenzial für Insurtechs erkennen.“

Wachstumspotenzial trotz – oder gerade wegen der Covid-19-bedingten Umwälzungen. Schließlich lernen in Zeiten pandemiebedingter Kontaktbeschränkungen immer mehr Kunden die Vorteile rein online-basierter Versicherungsabschlüsse zu schätzen. Davon profitieren die Insurtechs, deren Wesensmerkmal es ja gerade ist, komplett digital aufgestellt zu sein. Sind die digitalen Versicherer also die großen Gewinner der Coronakrise? So pauschal würde Niki Winter, Director und Digitalisierungsexperte bei Willis Towers Watson, das nicht bejahen: „Fin- und Insurtechs haben sicherlich den Vorteil, ohne technische Altlasten agil auf Herausforderungen wie die Covid-19-Pandemie reagieren zu können. Allerdings muss man anerkennen, dass sich die große Mehrheit der etablierten Unternehmen sehr schnell an die Gegebenheiten der Pandemie angepasst hat.“ Dies zeige, dass der richtige Einsatz von Technologie die Resilienz eines Unternehmens deutlich verbessern könne. Die „analogen“ Mitbewerber holen also auf, klassische Versicherer und Vertriebe verstärken – gezwungenermaßen – ihre digitalen Bemühungen.

Dass sie dadurch ihr Alleinstellungsmerkmal verlieren könnten, befürchten die Fin- und Insurtechs aber nicht. Dort wird vielmehr der Kooperationsgedanke betont. Es sei eindeutig, dass die Corona-Pandemie die digitale Transformation in der Versicherungswelt beschleunige, stellt Sebastian Langrehr fest, CSO des digitalen Versicherungsmaklers Friendsurance. Seiner Einschätzung nach stehen Versicherer jedoch vor dem Problem, dass die Entwicklung eigener Lösungen sehr zeit- und kostenintensiv ist. „Insurtechs sind und bleiben attraktive Kooperationspartner, weil sie über die Technologie, das digitale Know-how und die regulatorischen Möglichkeiten verfügen, um in kurzer Zeit und mit vertretbarem Kostenaufwand digitale Lösungen zu entwickeln und umzusetzen. So kommt auch der ‚World Insurance Report‘ des Beratungsunternehmens Capgemini zu dem Schluss, dass etablierte Versicherer dann Erfolg haben werden, wenn sie mit ausgereiften Insurtech-Unternehmen zusammenarbeiten, um innovative Lösungen zu entwickeln.“ Und noch etwas komme hinzu: „Nur weil der Digitalisierungs-Druck durch die gesteigerte Kunden-Nachfrage wächst und Versicherungen und Banken das erkennen, bedeutet das ja noch nicht, dass auch der Fachkräftemangel auf magische Art und Weise verschwunden ist. Da sind Fin- und Insurtechs von Haus aus viel besser mit technischer Expertise ausgestattet“, betont Langrehr.

„Die Insurtechs haben die Lösungen“

Hanna Bachmann, COO und Co-Founder des Rostocker Insurtechs Hepster, beschreibt es so: „Die klassischen Versicherer haben die Kunden – die Insurtechs haben die Lösungen. So plakativ lässt sich am Ende zusammenfassen, was in den letzten und nächsten fünf Jahren am Markt passiert ist und passieren wird.“ Die Reaktionszeiten der Konzerne und tradierten Anbieter seien zu lang, selbst neue technische Infrastrukturen aufzubauen sei für sie zu teuer. „Am Ende wird es auf Kooperationen hinauslaufen: Junge Unternehmen bringen ihre Systeme, Produkte, Prozesse und ihr Mindset mit an den Tisch, klassische Versicherer ihr Wissen, ihren langen Atem und am Ende auch eine breitere Kundenbasis.“ Es ist ein selbstbewusster Blick auf die eigenen Stärken, doch dieses Selbstbewusstsein können sich die Insurtechs in Zeiten eines immer höheren Digitalisierungstempos durchaus leisten.

Die Stärke der Fintechs wird auch durch die Tatsache unterstrichen, dass trotz der Coronakrise weniger junge Finanzfirmen durch Pleiten und Übernahmen vom Markt verschwunden sind. Die starke Auslese unter den Fintechs sei vorerst gebremst, heißt es in einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC). In den ersten neun Monaten des Jahres 2020 gab es demnach 26 Geschäftseinstellungen, im ganzen Vorjahr waren es 57. Einige große Fintechs hätten auch in der Krise viel Geld von Investoren bekommen, sagt Sven Meyer, Fintech-Experte bei PwC. „Sie sind inzwischen etablierte Größen in der Finanzbranche und entsprechend krisenfest.“ Jüngstes Beispiel: Der digitale Versicherungsmanager Clark konnte in einer „Series-C“-Finanzierungsrunde 69 Millionen Euro einsammeln. Die Finanzierungsrunde wird von dem chinesischen Internetunternehmen Tencent angeführt.

Reger Zuspruch von Investoren

Zu den etablierten Größen gehört auch der digitale Sachversicherer Neodigital, bei dem im letzten Jahr der Unternehmer und Ex-AWD-Vorstandsvorsitzende Carsten Maschmeyer mit seiner Venture-Capital-Firma Alstin Capital eingestiegen ist. Mit ihm als Partner will sich das Insurtech noch breiter aufstellen. „Die Pandemie beschleunigt gerade die Transformation. Weniger in den Unternehmen, sondern vielmehr in den Köpfen“, sagt Vorstand Stephen Voss. „Viele Unternehmen stehen vor der Herausforderung, dass der analoge Vertrieb einbricht und die Unternehmensführungen händeringend nach digitalen Lösungen suchen. Hinzu kommt, dass die IT solcher Unternehmen eigentlich jetzt vertriebliche Lösungen liefern müsste, dies aber erst in einigen Jahren kann. Weil sie nicht entsprechend aufgestellt ist.“ Es wäre zwar nicht fair, sich als Pandemie-Gewinner darzustellen, betont Voss. „Aber dadurch, dass wir komplett digital aufgestellt sind, haben wir schon gemerkt, dass die anfängliche Distanz auch von klassischen Maklern, die mit dem digitalen Medium Schwierigkeiten hatten, gewichen ist.“

Auch der digitale Versicherer Getsafe kann sich über regen Zuspruch von Investoren freuen. Das Insurtech hat gerade in einer „Series-B“-Finanzierung 30 Millionen US-Dollar eingesammelt. Angeführt wird die Finanzierungsrunde von iptiQ, der digitalen Plattform des Rückversicherers Swiss Re. Seit der Gründung im Jahr 2015 hat Getsafe nach eigenen Angaben über 53 Millionen US-Dollar von Investoren erhalten. „Die Krise und das soziale Isolationsgebot zwingen uns, möglichst alles von Zuhause aus zu erledigen. Bankgeschäfte und der Abschluss von Versicherungen verlagern sich immer mehr ins Digitale. Die Pandemie begünstigt insofern Fintechs und Insurtechs mit einem rein digitalen Geschäftsmodell“, sagt Christian Wiens, Gründer und CEO von Getsafe. Einige Unternehmen hätten jedoch auch Probleme, ihre Finanzierung zu sichern. „Das Risikokapital im Markt ist zwar nicht weniger geworden, fließt aber vor allem in jene Unternehmen, die schon länger am Markt sind“, so Wiens. Für neue Player sind das keine guten Aussichten.

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der aktuellen Cash. Ausgabe 2/2021.

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