27. Juli 2020, 00:01
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„Altersvorsorge muss erlebbar werden“

Das Thema Altersvorsorge ist essenziell, um den Lebensabend möglichst unbeschwert gestalten zu können. Doch nicht wenige Deutsche stellen sie immer häufiger zur Disposition. Sechs Experten aus den Segmenten Versicherungen, Investmentfonds und Immobilien diskutieren – coronabedingt per Videokonferenz –, wie sich dem wichtigen Thema wieder mehr Schwung verleihen lässt und was für die Altersvorsorge vom Megatrend Nachhaltigkeit zu erwarten ist.

 

Henzler-1 in „Altersvorsorge muss erlebbar werden“

Jürgen Henzler, Vertriebsdirektor und Leiter Dezentraler Vertrieb, Alte Leipziger Lebensversicherung

 

In einer aktuellen Umfrage von YouGov hat für 30 Prozent der Deutschen während der Corona-Pandemie die Absicherung der eigenen Altersvorsorge an Bedeutung gewonnen. Auf der anderen Seite hat das Deutsche Institut für Altersvorsorge ermittelt, dass im März und April viele Deutsche ihre bestehenden Altersvorsorgeverträge gekürzt haben. Wie nehmen Sie die aktuelle Situation wahr, was bekommen Sie aus dem Vertrieb gespiegelt?

Henzler: Als der Lockdown kam, war es natürlich sehr spannend. Die Vermittler konnten ihre Kunden nicht mehr besuchen, wir durften alle nicht mehr reisen. Eine solche Situation kannten wir in Deutschland bis dato nicht. Rückblickend auf die letzten drei, vier Monate lässt sich feststellen, dass die Sparquote in Deutschland von 9,7 auf mittlerweile 20 Prozent gestiegen ist.

Unsere Kunden haben keine Panik bekommen, als die Kurse eingebrochen sind. Die Börsen haben sich mittlerweile vom Tiefstand im März wieder sehr deutlich erholt und die Zuversicht nimmt zu. Krisenzeiten waren auch in der Vergangenheit immer Zeiten, in denen sich die Kunden vermehrt um Sicherheit gekümmert haben. Das ist auch jetzt so und es betont noch einmal diesen Trend in der privaten Altersvorsorge, das zeigen auch die Zahlen.

Ich hätte nie gedacht, dass wir bisher so stabil durch diese Corona-Zeiten gehen. Natürlich liegt das auch ein gutes Stück weit am Digitalisierungsschub. Wir als Versicherer, aber auch draußen die Vermittler finden ganz neue Formen der Zusammenarbeit und der Kommunikation.

Gaßner: Bei uns ist die Situation ähnlich. Wir hatten im Haus der WWK zunächst auch die Sorge, ob wir unsere Kunden und Vermittler weiterhin wie erforderlich erreichen und bedienen können. Deswegen haben wir innerhalb weniger Tage Maßnahmen entwickelt, um allen Marktteilnehmern zu zeigen, dass wir als Service-Versicherer auch in Krisenzeiten der gewohnt verlässliche Partner sind.

Mit pragmatischen Lösungen wollten wir an der Seite von Vermittlern und Kunden stehen. Dazu gehörten für Kunden eine Beginnverlegung bei Neuanträgen, Beitragsfreistellungen, Beitragsstundungen, Beitragspausen und Beitragsreduzierungen – alles ohne zusätzliche Kosten. Vermittler haben wir zudem effektiv mit sofortigen Liquiditätshilfen unterstützt. Ein Blick auf die Zahlen belegt im Rückblick, dass unsere Strategie gut funktioniert hat.

Wir beobachten bisher eine leicht erhöhte, aber keineswegs dramatische Zahl an Beitragsfreistellungen im Vergleich zum „Normalbetrieb“. Bei der Produktion haben wir bis dato tatsächlich gar keinen Einbruch erlebt. Allerdings lässt eine detailliertere Betrachtung des Neugeschäfts eine Zweiteilung des Vermittlungsmarktes vermuten. Auf der einen Seite hatten viele, meist kleinere Vermittler durchaus hohe Einbrüche zu verkraften.

Auf der anderen Seite konnten insbesondere Großvertriebe, die offensichtlich technisch sehr affin sind und eher eine junge Klientel bedienen, in den letzten drei Monaten sogar sehr starke Zuwächse verzeichnen. Für die WWK haben sich diese Effekte unter dem Strich weitgehend ausgeglichen.

Arndt: Ich würde es zusätzlich noch von einem übergeordneten Standpunkt aus betrachten. Die plötzliche Veränderung der Lebenssituation infolge der Corona-Pandemie hat den Menschen bewusst gemacht, wie wichtig eigentlich Sparen bzw. die Bildung einer Rücklage ist. Zusätzlich wurde das Bewusstsein geschärft, dass auch die Flexibilität einer Vorsorgelösung ganz entscheidend ist; beispielweise wenn man bei unerwarteten Ereignissen Liquidität benötigt oder im Gegenteil dazu niedrige Kurse zum Nachinvestieren nutzen möchte.

Diese Erkenntnis ist sicherlich während des Lockdowns, in dem sämtliche Aktivitäten sehr eingeschränkt waren, vielen bewusst geworden. Insofern hat dieses veränderte Verhalten bei Kunden und Beratern während der Corona-Zeit bei uns als Anbieter von kostengünstigen, transparenten und flexiblen Produkten zu einer enormen Nachfrage geführt. Mit einer Steigerung des Neugeschäfts um 30 Prozent im Vergleich zu den ersten sechs Monaten des erfolgreichen Vorjahres ziehen wir eine sehr positive Halbjahresbilanz.

Herr Kaplan, gab es bei Ihnen ein Corona-Downside?

Kaplan: Nein, und das, obwohl wir ein sehr aktienlastiges Haus sind. Selbst zum Höhepunkt der Krise hatten wir kaum Nettomittelabflüsse gehabt, im Gegenteil, wir hatten teilweise sogar sehr substanzielle Nettomittelzuflüsse, noch bevor wir die Talsohle der Börsen erreicht hatten. Insbesondere unsere Sonderstellung als Spezialist für Kapitalanlagen mit nachhaltigem Fokus hat uns in unserem Handeln bestätigt.

Das zeigen auch einige nachhaltige Indizes, die in dieser Krise noch sehr gut abgeschnitten haben. Wir haben weder Banken noch Öl- und Gasversorger in den Portfolios, die massive Kursrückgänge erlitten haben. In der Summe sind wir deshalb wirklich sehr, sehr gut durch die Krise gekommen und haben bei den Assets under Management bereits wieder Vorkrisenniveaus erreicht. Und auch bei unseren Assets sind wir in der Betrachtung seit Jahresbeginn zu etwa 95 Prozent in positivem Terrain.

 

Seite 2: Warum Arbeitnehmer ohne private Vorsorge ihren Lebensstandard nicht halten können

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