26. Mai 2020, 04:51
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“Gefährliche Abhängigkeit von China“

Billiger, noch billiger und dann gar nicht mehr: In der Krise rächt sich die Verlagerung der Industrieproduktion in Billiglohnländer wie China. Ein Beitrag von Benjamin Kühn, Geschäftsführer der Adcada Unternehmensgruppe.

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Benjamin Kühn, Adcada

Stell Dir vor, alle empfehlen Masken und niemand kann sie besorgen. Was wie Satire klingt wurde im März zu einem weltweiten Problem. Regierungen verordneten Gesichtsmasken zum Schutz vor dem neuartigen Coronavirus. Doch kaum ein Händler oder Hersteller konnte liefern. Textilproduzenten, Autozulieferer und andere Fabrikanten begannen schnell, einfache Mund-Nase-Masken herzustellen. Wer konnte, nähte die Masken selbst. Trotzdem dauerte es mehr als vier Wochen, bis zumindest einfache so genannten Community-Masken wieder verfügbar waren. Diese schützen – wenn überhaupt – nur die Mitmenschen des Trägers vor Ansteckung.

Wer sich selbst vor Covid-19 sichern will, braucht dreilagige OP-Masken oder – noch besser – nach dem Filtering Face Piece FFP Standard 2 und 3 zertifizierte Gesichtsmasken. Diese filtern die Luft, bevor man sie einatmet. Vor allem FFP-Masken sind allerdings weiterhin nur schwer zu bekommen.

Das Nachsehen haben Pflegekräfte und Ärzte. Am 16. Mai meldete das Robert Koch Institut (RKI)11.780 infizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter medizinischer Einrichtungen in Deutschland. Die Preise für die begehrten Schutzmasken gingen durch die Decke. So kostete vor der Corona-Krise ein Kilo FFP-Masken etwa 18 Euro. Ende März verkauften Händler dieselbe Ware für fast 400 Euro. Den Bedarf an Masken in Deutschland beziffert Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auf zehn Millionen Stück pro Woche. Die Schweiz mit ihren 8,6 Millionen Einwohnern benötigt eine Million Masken – am Tag.

Lieferengpass bei Masken: Gefährliche Abhängigkeit von China

Wie die meisten Massenprodukte werden auch FFP-Masken fast ausschließlich in China produziert. Nach einem Bericht des McKinsey Global Institutes ist die Weltwirtschaft heute drei Mal abhängiger von China als noch vor 20 Jahren. Der Anteil der Volksrepublik am Welthandel stieg in dieser Zeit von 1,9 auf 11,4 Prozent. Die Folge: Wenn China nicht liefern kann(oder will), steht der Rest der Welt auf dem Schlauch. Hinzu kommt, dass Lieferanten, die ein weltweit knappes Gut liefern, Preise und Bedingungen fast alleine bestimmen können.

Oft lässt auch die Qualität der aus China gelieferten Waren zu Wünschen übrig. Ende März rief das niederländische Gesundheitsministerium 600.000 FFP2-Masken zurück. Sie erfüllten nicht einmal den niedrigeren Standard FFP1. Ähnliche Probleme gab es in Österreich und nun auch in Deutschland: Ende April warnte zum Beispiel die kassenärztliche Vereinigung(KV)Nordrhein vor der Benutzung von FFP2-Masken auch China. Das europäische Schnellwarnsystem RAPEX habe Masken verschiedener chinesischer Hersteller zurückgerufen, weil diese „nicht der europäischen Norm EN 149“ entsprächen und deshalb „einen Schutz versprechen, den nicht gewährleisten“. Das Portal produktwarnung.eu warnte bereits Ende April vor FFP2 Masken, die – auch in Apotheken – mit ungültigen oder falschen Zertifikaten verkauft würden. Am 13. Mai wies die Seite auf weitere unsichere „Halbgesichts-Filtermasken der Kategorie FFP2“ hin.

Die Abhängigkeit von chinesischen Herstellern wirkt bis in die Politik. Während sich die chinesische Regierung in Italien mit Lieferungen von Corona-Schutzausrüstung beliebt machte, stritten sich die EU-Staaten um die wenigen auf dem Markt verfügbaren Masken. Frankreich zum Beispiel verhängte im März ein Exportverbot.

Medizinprodukte: Lieferengpässe kein neues Problem

Lieferprobleme sind in der Medizin nichts Neues. So gehen seit etwa 2012 europäischen Apotheken immer wieder wichtige Medikamente aus, wenn die wenigen chinesischen oder indischen Werke pharmazeutische Grundstoffe oder komplette Antibiotika nicht liefern können. Allein elf der 500 gefragtesten Wirkstoffe kommen aus Fabriken in der Provinz Hubei. Dort hat zum vergangenen Jahreswechsel die Corona-Pandemie ihren Anfang genommen. Die Folgen sind gravierend: 2019 verzeichnet ein Bericht des Deutschlandfunks 280 Lieferengpässe für wesentliche Medikamente.

„Europa verlässt sich zu sehr auf andere“, stellte im März angesichts des Mangels an FFP-Masken EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton fest. Die Bundesregierung hat Herstellern, die eine Produktion von FFP-Masken in Deutschland aufbauen, nun einen Zuschuss von bis 30 Millionen Euro je Fabrik versprochen. Sie will die Abnahme der Produkte staatlich garantieren.

Doch kurzfristig lässt sich der Mangel so nicht beheben. Bevor neue Masken verkauft werden dürfen, müssen sie von Fachleuten geprüft werden. Diese Tests bieten bisher nur die DEKRA Testing and Certification GmbH und das Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Normalerweise dauert die Prüfung nach Angaben des Instituts mindestens 60 Tage. Am 15. Mai meldete das Institut auf seiner Internetseite, dass es bis 2. Juni keine Prüfungsaufträge für FFP-Masken mehr annehme.

Nationale Maskenproduktion eine „Herkulesaufgabe“

Mitte April nannte der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie den Aufbau einer Schutzmasken-Produktion in Deutschland „eine Herkulesaufgabe“. Man müsse dafür „Lieferketten neu aufbauen, die Kapazitäten bei Vliesstoffherstellern vergrößern und ganze Produktionslinien umstellen“.

Seit den 70er Jahren haben europäische Hersteller die Produktion einfacher Industriegüter ins vermeintlich billige Ausland verlagert. Von der einst starken Textilindustrie in Europa sind nur wenige Marken und Produzenten übriggeblieben. Fast alle Produkte am Markt tragen längst den Aufdruck „Made in China“.

Chinesische Arbeiter*innen kosten die Produzenten nur etwa 250 Euro im Monat. Dafür arbeiten sie im Mehrschichtbetrieb sieben Tage die Woche. Auch Umweltschutz- und Sicherheitsauflagen gibt es für chinesische Fabriken kaum. Hohe staatliche Subventionen ermöglichen es den Herstellern zudem, ihre Produkte weit unter Weltmarktpreisen anzubieten. Beispielrechnungen der Zeitung „Die Welt“ ergaben kürzlich, dass etwa Kopfhörer, Stofftiere oder Strumpfhosen bis zu dreieinhalb Mal teurer wären, wenn sie statt in China in der EU hergestellt würden.

Auch die Produktionskosten für FFP-Masken lägen in Deutschland und den Nachbarländern deutlich über den normalen Weltmarktpreisen. Der Staat muss also einspringen. Die Vorteile einer Herstellung wichtiger Produkte in Europa überwiegen – trotz Mehrkosten – die Nachteile: Kürzere Lieferwege, hohe Qualitätsstandard, deren Einhaltung kontrolliert wird, Rechtssicherheit und weniger Fälschungen.

„Die Adcada Group hilft dabei, den europaweiten Bedarf an Mund-Nasen-Masken langfristig abzudecken. Dafür wird in Bentwisch an sieben Tagen der Woche im 24/7 Betrieb gearbeitet. Der Fokus der Belieferungen ist klar auf Einrichtungen und Menschen gerichtet, die tagtäglich gegen die Weiterverbreitung der Viren ankämpfen. Bis Ende des Jahres wird eine weitere Produktionshalle mit zwei Etagen auf dem Firmengelände errichtet“, sagt Benjamin Kühn, Geschäftsführer und Ideengeber von Adcada.healthcare.

Foto: Adcada

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