Im ‚grünen Dschungel‘: Wie die Fondsbranche ihre Portfolios begrünt

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Laut Votum ist auch in der Zukunft mit einer dynamischen regulativen Entwicklung zu rechnen.

Seit Anleger vermehrt nach nachhaltigen Finanzprodukten fragen, ist die Zahl vermeintlich grüner Fonds durch die Decke gegangen. Weil aber verbindliche Standards fehlen, entscheiden Anbieter meistens selbst, wie grün ihr Fonds schimmern darf. Auch die schärferen Regeln der sogenannten EU-Taxonomie dürfte daran wenig ändern - zumindest vorerst.

Grün, grüner, am grünsten: Wer im Juni über das Branchentreffen der Fondsanbieter in Mannheim spazierte, vorbei an Pavillons von Blackrock, Carmignac und Co., der könnte denken: Hier ist eine Branche im Umbruch. Und zwar im grünen Umbruch. Kaum ein Anbieter, der sich den Klimaschutz nicht auf die Fahnen schreibt. Kaum ein Fondsmanager, der nicht zumindest ein oder zwei „grüne“ Fonds in petto hat. Mit eigener Prüfung, externen Siegeln und EU-Regeln wie der Taxonomie will die Branche beweisen, dass das Geld der Anleger Gutes bewirkt – und sich nebenbei vermehrt. Doch was steht hinter den „grünen“ Fonds? Und können die EU-Taxonomie und andere Regeln die Anleger zum passenden Investment führen?

Die drei Buchstaben – ESG

Die drei Buchstaben, um die sich alles dreht, lauten ESG. Zu Deutsch stehen sie für Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Wer sein Geld in ESG-Investments steckt, hofft, damit etwas Gutes zu bewirken. Oder zumindest nichts Schlechtes anzurichten. Weil das Thema bei Anlegern immer wichtiger wird und Regulierer Druck machen, stieg zuletzt auch die Anzahl der Finanzprodukte explosionsartig.

Allein im vergangenen Jahr steckten private Anleger in Deutschland mehr als dreimal so viel Geld in nachhaltige Fonds wie im Vorjahr – insgesamt 131 Milliarden Euro. Das geht aus einem Bericht des Forums für Nachhaltige Geldanlagen hervor. Seit 2019 hat sich die Summe mehr als versiebenfacht. Auch bei institutionellen Investoren, die deutlich mehr Geld bewegen als private, stieg die investierte Summe 2021 um rund ein Viertel. Zusammen waren somit 364 Milliarden Euro in nachhaltigen Fonds investiert – also ein knappes Zehntel des gesamten Fondsvermögens in Deutschland.

Doch was gilt in der Fondsbranche überhaupt als nachhaltig? Viele Anbieter werben damit, dass ihr Fonds nach Artikel acht oder neun der EU-Offenlegungsverordnung klassifiziert ist. Das Regelwerk zielt darauf ab, Transparenz herzustellen, wie nachhaltig die Anlagen sind, in die ein Fonds investiert. Fonds nach Artikel sechs haben keine expliziten Nachhaltigkeitsziele, solche nach Artikel acht gelten als „hellgrün“ und solche nach Artikel neun als „dunkelgrün“.

Allein: Seit Einführung der Klassifizierung im März 2021 ist die Zahl nach Artikel acht oder neun klassifizierter Fonds sprunghaft angestiegen. Ende 2021 gab es bereits mehr vermeintlich grüne Fonds als solche ohne Nachhaltigkeitsziel.

Artikel sechs, acht oder neun?

„Ob ein Fonds nach Artikel sechs, acht oder neun klassifiziert wird, entscheiden die Anbieter meistens selbst“, sagt Andreas Göttfert, ESG-Experte bei Kepler Fonds. Ähnlich äußern sich andere Fondsanbieter auf dem Branchentreffen. Göttfert warnt: Die Offenlegungsverordnung der EU reiche nicht aus, um Fonds auf Nachhaltigkeit zu prüfen. Zusätzliche Analysen und Kennzahlen seien notwendig.

Grundsätzlich würde die Branche von einer strengen Regulierung profitieren, ist von vielen Portfoliomanagern zu hören. Denn klare Regeln machen es jenen Anbietern schwer, die „Greenwashing“ betreiben – also ihre Portfolios als nachhaltig anpreisen, obwohl sie es nicht sind. Mahnendes Beispiel für die Branche bleibt die Deutsche-Bank-Fondstochter DWS, deren Geschäftsräume Ende Mai von der Staatsanwaltschaft durchsucht wurden. Dabei ging es um den Verdacht des Kapitalanlagebetrugs im Zusammenhang mit „Greenwashing“. Die DWS hatte die Vorwürfe stets bestritten.

Einen neuen Anlauf für eine passende Regulierung hat die Europäische Union mit der heiß diskutierten Taxonomie gemacht. Das Klassifizierungssystem soll Klarheit schaffen, welche Investments nachhaltig sind, und so die ökologische Transformation finanzieren. Kritik gibt es aber nicht nur, weil auch Gas und Atomkraft den grünen Stempel bekommen sollen.

„Grundsätzlich finden wir es gut, wenn die EU eine Referenz schafft in der Frage, was überhaupt grün und förderungswürdig ist“, sagt Maria Kahane, ESG-Spezialistin bei Edmond de Rothschild Asset Management. Doch der bürokratische Aufwand durch die Taxonomie sei bereits jetzt enorm. Und: „Ab nächstem Jahr sollen wir das Taxonomie-Reporting machen – aber die Unternehmen stellen die Daten noch nicht zur Verfügung“, sagt Kahane. Zudem betreffe die Taxonomie bis dato weniger als fünf Prozent der Wirtschaft. „Wenn ein Kunde nach einem nachhaltigen Investment fragt, aber jedes Portfolio zu maximal fünf Prozent taxonomiekonform ist, kann er das nicht verstehen“.

Weniger als fünf Prozent der Wirtschaft seien betroffen, weil die Taxonomie zum einen sehr streng gehalten sei und nur auf besonders förderungswürdige Umweltlösungen abziele. Zum anderen habe die EU erst für zwei der sechs Taxonomie-Ziele konkrete Kriterien festgelegt.

Wichtig wäre in den Augen der Expertin, dass die Regeln aus der EU leicht anzuwenden sind. Die USA etwa arbeiteten an ESG-Regeln, die zwar weniger streng, dafür aber pragmatischer sind. „Deshalb treibt uns die Sorge um, dass der Weltstandard mal wieder nicht aus Europa kommt, obwohl wir den USA in puncto Nachhaltigkeit voraus sind“. Denkbar wäre Kahane zufolge ein EU-Siegel, das die Nachhaltigkeit der Fonds bescheinige – so wie sie auf nationaler Ebene bereits existieren. „Ein einheitlicher europäischer Ansatz könnte dem Greenwashing so den Wind aus den Segeln nehmen“.

Die drei Dimensionen von ESG

Was bleibt, ist die Schwierigkeit, komplett unterschiedliche Unternehmen nach ESG-Gesichtspunkten zu vergleichen. Hier unterscheiden Betreiber grob in drei Dimensionen: Erstens geht es um Ausschlüsse, die etwa Öl-, Tabak und Alkoholkonzerne aus dem Fonds filtern. Zweitens geht es um das sogenannte Best-in-Class-Prinzip, in dem aus jeder Branche nur die nachhaltigsten Konzerne in das Portfolio kommen. Und drittens gibt es das sogenannte Impact-Investment, in dem konkrete Ergebnisse des Investments messbar werden sollen – etwa ein CO2-Fußbadruck. Datenanbieter wie Carbon4Finance oder die Deutsche-Börse-Tochter ISS errechnen dabei zum Beispiel, ob ein Investment mit dem Pariser Klimaschutzabkommen oder den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung konform ist.

Dringlich sind klare Regeln auch, weil die Nachfrage nach Fonds mit ESG-Anspruch weiter zunehmen dürfte. Schon jetzt zeigen Umfragen, dass den meisten Anlegern Nachhaltigkeit wichtig ist. Ab August müssen Anlageberater in der EU ihre Kunden zudem fragen, ob – und wenn ja, wie – nachhaltig sie investieren wollen. Und schließlich könnten die schwierigen Zeiten an den Aktienmärkten auch aktiv gemanagte Fonds generell wieder interessanter machen, nachdem in dem Niedrigzinsumfeld zuletzt passive Investments wie börsengehandelte Fonds (ETFs) floriert hatten.

Skeptischer Blick auf die Nachfragewelle

Skeptisch blickt Martin Dilg vom Fondsanbieter AllianceBernstein auf die Nachfragewelle. Dem Hype um ESG-Anlagen liege eine „riesige Marketingmaschinerie“ zugrunde, meint der Experte. „Und wie in der Branche üblich: Wenn ein Trend Profite bringt, wird er ausgeschlachtet bis zuletzt“. Damit aber tue die Branche sich selbst keinen Gefallen. Man müsse schlicht abwarten, bis sich einheitliche ESG-Standards durchsetzen, auf die auch Verlass sei. Die Offenlegungsverordnung jedenfalls sei viel zu lasch und deshalb keine Hilfe.

In der Diskussion um vermeintlich ökologische Fonds stört ihn zudem das Schwarz-Weiß-Denken. „Wenn wir als Fondsmanager unsere Milliarden nur noch in grüne Unternehmen stecken, wird der Übergang in den anderen Branchen nicht gelingen“, ist sich Dilg sicher. Wichtiger sei es, auch dort investiert zu bleiben – und mit dem Stimmrecht Einfluss auf das Management zu üben. (jcf/dpa-AFX)

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