- Finanznachrichten auf Cash.Online - https://www.cash-online.de -

2012 wird ein Jahr der Entscheidungen

Die Löwer-Kolumne: Im zu Ende gehenden Jahr erlebten die Akteure im Markt der geschlossenen Fonds ein Wechselbad der Gefühle, insbesondere bei Schiffsbeteiligungen. Auch 2012 wird die Branche vor enorme Herausforderungen stellen.

Im Frühjahr 2011 noch schien die Krise überwunden. Die Charterraten für Containerschiffe näherten sich wieder einem auskömmlichen Niveau, die Restrukturierungskonzepte waren weitgehend umgesetzt und entgegen allen Unkenrufen hatten sämtliche großen Emissionshäuser überlebt. Eine gewaltige Leistung aller Beteiligten.

Cash-Kolumnist Stefan Löwer

Um so größer war der Frust im zweiten Halbjahr. Mit der erneuten Eskalation der Euro-Schulden-Krise rauschten die Charterraten wieder in den Keller. Der Höhenflug des Schweizer Franken brachte nicht wenige Immobilienfonds mächtig in die Bredouille. Auch die Banken kämpfen abermals um die eigene Existenz und scheinen weder den Spielraum noch den Willen zu haben, Fonds und Emissionshäuser weiterhin zu stützen. Hinzu kommt: Die Anleger sind seit Mitte des Jahres im Käuferstreik, nicht nur bei Schiffsbeteiligungen. Die wenigsten Initiatoren verdienen derzeit im Neugeschäft wirklich Geld.

Krisen-Routine macht eine Pleitewelle unwahrscheinlich

Die Stimmung erinnert an die Situation Ende 2008, als niemand wusste, wie es weitergehen soll. Doch anders als vor drei Jahren sind die Kassen leer, die Manager ausgelaugt und durch den erneuten Einbruch am Ende ihrer Kräfte. Zu kurz war der Aufschwung, um die Lücken auf den Konten zu füllen, die Akkus aufzuladen oder gar neue Reserven zu bilden.

Immerhin haben sich die Emissionshäuser, soweit bekannt ist, ihrer Projekt-Pipelines weitgehend entledigt, die Kostenstrukturen angepasst und eine gewisse Krisen-Routine entwickelt. Eine Pleitewelle auf Anbieterseite ist insofern unwahrscheinlicher als 2008. Nicht auszuschließen ist jedoch eine deutliche Zunahme von Notverkäufen und Insolvenzen einzelner Fonds. Ob es dazu kommt, hängt von der weiteren Entwicklung des allgemeinen Umfelds und insbesondere der Schifffahrtsmärkte ab.

Spätestens seit Anbieter wie KGAL und Dr. Peters die Insolvenz jeweils eines ihrer Fonds nicht verhindern konnten, sind jedoch zwei Dinge klar: Erstens können auch renommierte Häuser nicht jeden ihrer Fonds retten, wenn die Bank nicht mitspielt. Zweitens scheinen diesen Umstand auch die schärfsten Kritiker zu akzeptieren. Jedenfalls haben beide Initiatoren die Fondspleiten ohne größeren Image-Schaden überstanden.

Seite 2: Banken und Initiatoren unter Druck [1]

Regulierung setzt Banken und Initiatoren unter Druck

Verschärft wird der Druck einmal mehr durch die Politik. Da sind zum einen die Banken. Sie müssen nach dem Willen der Europäischen Bankenaufsicht ihre Kernkapitalquote deutlich erhöhen. Das geht entweder durch eine Erhöhung der Eigenmittel oder aber durch eine Reduzierung der Kreditsumme. Betroffen davon ist vor allem die in der Schiffsfinanzierung stark engagierte Commerzbank, zu der auch die Deutsche Schiffsbank gehört. Sie scheint vor allem auf die Reduzierung des Kreditvolumens zu setzen, was derzeit nicht wenige Fonds zu spüren bekommen. Es ist wohl kein Zufall, dass die Commerzbank in die Fondspleiten sowohl bei KGAL als auch bei Dr. Peters involviert war.

Die zweite regulatorische Herausforderung des kommenden Jahres ist das jüngst verabschiedete Vermögensanlagengesetz, das Anfang Juni 2012 in Kraft tritt. Es bringt für die Initiatoren anders als für den Vertrieb zwar noch keine grundlegende Umwälzung, aber eine Reihe von Veränderungen in Zusammenhang mit den Prospekten. Dazu zählen einige Details der Prospektinhalte, das Vermögensanlageninformationsblatt („Beipackzettel“) sowie die Prüfung des Prospektes durch die BaFin auch auf Verständlichkeit und Widerspruchsfreiheit („Kohärenz“).

Vor allem letzteres scheint Initiatoren Sorge zu bereiten. Sie befürchten durch die erweiterte Prüfung und eine veränderte Regelung zur Bearbeitungsfrist unkalkulierbare Verzögerungen. Die Sorge scheint jedoch unbegründet. Ähnliche Vorbehalte gab es auch 2005, als die gesetzliche Prospektpflicht eingeführt wurde. Doch die Abläufe haben sich damals schnell eingespielt.

BaFin setzt auf Transparenz

Die Behörde zeigt sich zudem durchaus kooperativ. So informierte die BaFin schon unmittelbar nach der Verabschiedung des Gesetzes rund 300 Interessierte auf einem Workshop in Frankfurt über die notwendigen Anpassungen. Zudem bietet sie an, Fragen im Vorfeld zu beantworten und veröffentlichte in ihrem jüngsten BaFin-Journal gar eine Liste der insgesamt zehn Ansprechpartner mit direkter Durchwahl und E-Mail-Adresse. Kein schlechter Service für eine Behörde.

Auch werden die Beamten unmittelbar nach dem 31. Mai 2012 vermutlich nicht sonderlich viel zu tun haben. Anders als 2005 dürfen alle Prospekte, die vor dem Stichtag nach dem bisherigen Gesetz gestattet wurden, weiter verwendet werden. Nicht wenige Initiatoren werden wohl die Gestattung der für das zweite Halbjahr geplanten Fonds nach Möglichkeit vorziehen. Die BaFin befürchtet bereits einen Stau im Mai und appelliert an die Anbieter, sie möglichst frühzeitig über geplante Anträge zu informieren.

Seite 3: Engpass Prospektnachträge [2]

Prospektnachträge könnten zum Engpass werden

Eine weitaus größere Unsicherheit als in Bezug auf die Prospekte selbst entsteht hinsichtlich der Prospektnachträge, die im Fall wichtiger neuer Umstände während der Emission veröffentlicht werden müssen. Anders als bisher müssen auch die Nachträge vor der Veröffentlichung von der Bafin geprüft und gebilligt werden, wofür die Beamten zehn Tage Zeit haben. Dadurch wird nicht nur die Platzierung entsprechend verzögert.

Vielmehr haben die bereits beigetretenen Anleger das Recht, die Zeichnung innerhalb von zwei Werktagen nach der Veröffentlichung eines Nachtrags zu widerrufen, „sofern noch keine Erfüllung eingetreten ist“, so der Gesetzestext. Was genau das zu bedeuten hat, ist noch offen. Möglicherweise können die Initiatoren aber erst dann sicher sein, über das Anlegergeld wirklich verfügen zu können, wenn ein Fonds voll platziert ist. Das allerdings wäre eine große Bürde, insbesondere vor dem Hintergrund der zurzeit stark eingeschränkten Möglichkeiten der Eigenkapital-Vorfinanzierung und der langen Platzierungszeiträume.

Ein weiteres Regulierungs-Thema wird die Branche im kommenden Jahr beschäftigen: Die Umsetzung der EU-Richlinie AIFM für „Alternative Investment Fonds Manager“ in nationales Recht, mit der gravierende Veränderungen für die Emissionshäuser verbunden sein werden. Die Vorschriften sollen zwar erst Mitte 2013 in Kraft treten, aber sie werden im Laufe des kommenden Jahres diskutiert und wohl zum großen Teil auch verabschiedet werden. Der Ausgang ist offen. Noch ist nicht sicher, dass es dem Branchenverband VGF gelingen wird, bei der Konkretisierung der „Level 2“-Maßnahmen wirklich praktikable Vorschriften durchzusetzen, vor allem für kleinere  Emissionshäuser.

2012 wird für die Branche also ein Jahr der Entscheidungen, nicht nur hinsichtlich der Bewältigung der erneuten Marktverwerfungen. Denn erst Ende des kommenden Jahres werden wir wissen, ob es den geschlossenen Fonds in seiner heutigen Form in drei Jahren noch geben wird.

Stefan Löwer ist Chefanalyst der G.U.B., Deutschlands ältester Ratingagentur für geschlossene Fonds, und begleitet den Themenbereich geschlossene Fonds in der gesamten Cash.-Unternehmensgruppe. Als Cash.-Redakteur und G.U.B.-Analyst beobachtet Löwer die Branche und ihre Produkte insgesamt bereits seit mehr als 15 Jahren.