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Schrumpfkur durch Vertriebsregulierung?

Die Löwer-Kolumne

Die Einteilung geschlossener Fonds und ihrer Anleger in Risikoklassen [1], die sich aus der geplanten Gesetzesnovelle zur Vertriebsregulierung ergibt, dürfte Vermittlern die Arbeit deutlich erschweren.

Cash-Kolumnist Stefan Löwer

Zum einen wird es nicht wenige Anleger abschrecken, wenn die Fonds tatsächlich im Regelfall in die zweithöchste Risikokategorie eingestuft werden müssen, wie TPW-Anwalt Jörg Mühlenkamp sagt. Schließlich argumentieren vor allem Immobilienfonds meist mit dem Punkt “Sicherheit”. Zum anderen ist es künftig schlicht untersagt, einem Anleger ein Produkt außerhalb seiner Risikoklasse zu vermitteln.

In diesem Fall darf der Anleger wohl allenfalls dann zeichnen, wenn er unterschreibt, dass er sich gegen den ausdrücklichen Rat des Vermittlers an dem Fonds beteiligt. Der Verzicht auf die Beratung, die Erfassung der Vermögensverhältnisse und die Dokumentation ist auch auf Kundenwunsch nicht mehr möglich. Das dürfte den Vertriebserfolg nicht eben beflügeln.

Daraus resultiert ein weiteres Problem für den Vertrieb: Die Risikoeinstufung muss der Vermittler selbst erledigen und dokumentieren. Wenn er dabei einen Fehler macht oder bewusst eine falsche Klassifizierung vornimmt, um Kunde und Produkt in Einklang zu bringen, droht wiederum die Haftung. Das Motto “Was nicht passt, wird passend gemacht” birgt hohe Risiken. Dabei gibt es künftig wohl keine Unterscheidung zwischen Vermittlern und Beratern mehr – ein breites Einfallstor für Anwälte von Anlegern, die Verluste aus ihren Investments auf Dritte abwälzen wollen.

Gleiches gilt in Zusammenhang mit den Vermögensanlagen-Informationsblättern (VIB), die künftig zu jedem Fonds auf maximal drei Seiten die wesentlichen Merkmale und Risiken zusammenfassen müssen. Anders als die Prospekte werden diese „Beipackzettel“ nicht von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) geprüft und gebilligt, sondern müssen lediglich dort hinterlegt werden.

Daraus ergibt sich ein weiteres Spielfeld für Anlegeranwälte. Bei Verlustfonds werden sie die Prospekte im Nachhinein haarklein durchflöhen und behaupten, dieser oder jener Umstand sei im VIB falsch oder unvollständig dargestellt worden, der Vermittler hätte das merken und den Anleger darüber aufklären müssen. Diese Gefahr droht dem Vertrieb vor allem dann, wenn bei dem für den Beipackzettel verantwortlichen Initiator – wie nicht selten bei fehlgeschlagenen Fonds – nichts mehr zu holen ist.

Seite 2: Bafin-Prüfung wird keine Rechtssicherheit bringen [2]

Es ist kaum anzunehmen, dass die Prüfpflicht der Bafin im weiteren Gesetzgebungsverfahren noch auf die Beipackzettel ausgedehnt wird. Schließlich müsste die Behörde in diesem Fall eine inhaltliche Bewertung und Gewichtung insbesondere der Risiken vornehmen, wogegen sie sich stets mit Händen und Füßen sträubt. Trotz der Erweiterung auf die Widerspruchsfreiheit und innere Schlüssigkeit („Kohärenz“) des Prospektes bleibt die Bafin-Prüfung formaler Natur. Die von Vertrieben und ihren Verbänden erhoffte Rechtssicherheit durch die Regulierung könnte sich damit als Trugschluss erweisen.

Einziger Trost für den freien Vertrieb: Künftig ist eine Vermögensschadenhaftpflichtversicherung gesetzlich vorgeschrieben, die bei Beratungsfehlern [3] einspringt. Dem Vernehmen nach hat die Versicherungswirtschaft der Bundesregierung zugesagt, entsprechende Policen anzubieten. Ob diese angesichts der weiterhin sehr hohen Risiken der Berater allerdings tatsächlich für die von der Regierung veranschlagte Prämie von 800 bis 1.200 Euro pro Jahr zu haben sein werden, bleibt abzuwarten.

Offen ist auch noch die Frage, wie viele freie Vermittler sich wegen der Kosten, des hohen Aufwands für das Beratungsprotokoll und die Dokumentation sowie der bevorstehenden Sachkundeprüfung von geschlossenen Fonds verabschieden werden. Nicht auszuschließen ist, dass dem Markt durch die Regulierung nicht nur auf Kunden-, sondern auch auf Vertriebsseite zunächst eine Schrumpfkur bevorsteht.

Stefan Löwer ist Chefanalyst der G.U.B., Deutschlands ältester Ratingagentur für geschlossene Fonds, und begleitet den Themenbereich geschlossene Fonds in der gesamten Cash.-Unternehmensgruppe. Als Cash.-Redakteur und G.U.B.-Analyst  beobachtet Löwer die Branche und ihre Produkte insgesamt bereits seit mehr als 15 Jahren.

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