- Finanznachrichten auf Cash.Online - https://www.cash-online.de -

Crowdinvesting 2020: Der Weg in die Crowd wird mehrspurig

In den Jahren nach der Finanzkrise ist ein Schwall an Regularien für die Kapitalmärkte und zum Schutz von Privatanlegern hereingebrochen. Für Gründer oder kleine Unternehmen ist die Kapitalbeschaffung dadurch nicht einfacher geworden.

Gastbeitrag von Johannes Ranscht, Seedmatch

Johannes Ranscht: “Für kleinvolumige Crowdinvesting-Projekte hat sich eine Art natürliche Wasserscheide von 2,5 Millionen Euro etabliert.”

Für sie stellt das Crowdinvesting [1] eine attraktive und komfortable Finanzierungsalternative dar – zumindest bis zu einem bestimmten Volumen.

Gegen den Trend hat die Bundesregierung im Sommer 2018 nun eine regulatorische Lockerung beschlossen, die auch für das Crowdinvesting Folgen haben wird: das Gesetz zur Ausübung von Optionen der EU-Prospektverordnung.

Verordnung lässt Spielraum

Im Kern geht es darum, dass bei der Emission von Wertpapieren [2] seit dem 21. Juli 2018 erst ab einem Volumen von acht Millionen Euro die Erstellung eines umfangreichen Wertpapierprospekts erforderlich ist. Bei geringeren Beträgen genügt ein dreiseitiges Wertpapierinformationsblatt.

Die EU-Verordnung ließ den nationalen Gesetzgebern einen gewissen Spielraum, den die Bundesregierung an dieser Stelle vollumfänglich ausgeschöpft hat – überraschenderweise, denn im ursprünglichen Gesetzesentwurf war nur von einer Million Euro die Rede gewesen.

Seite zwei: Kostenfaktor Prospektpflicht nicht unterschätzen [3]

Was hat das mit der Zukunft des Crowdinvesting zu tun? Kurzfristig ändert sich für den Privatanleger zunächst einmal nichts. Doch die Neuregelung ist ein weiteres Mosaiksteinchen, das zur Evolution des Crowdinvestings beiträgt. Finanztechnisch sind Crowdinvestments entweder Nachrangdarlehen, gegebenenfalls partiarische Nachrangdarlehen, oder Anleihen.

Für beide Vehikel galt bislang die Prospektpflicht [4] – mit einer Ausnahme: Um das Crowd-finanzierte Startup-Geschehen nicht abzuwürgen, wurden Nachrangdarlehen bis zu einem Volumen von 2,5 Millionen Euro von der Prospektpflicht befreit.

Der Kostenfaktor Wertpapierprospekt sollte nicht unterschätzt werden: Die Anforderungen der Aufsichtsbehörden sind streng. Die Prospekte sind deutlich mehr als 100 Seiten lang und werden von Anwälten und Wirtschaftsprüfern unter die Lupe genommen. Das kostet Zeit und Geld – unabhängig vom Emissionsvolumen.

Lücke bei mittelgroßen Finanzierungen

Für relativ kleinvolumige Crowdinvesting-Projekte [5] hat sich damit eine Art natürliche Wasserscheide etabliert: Bis zu einer Summe von 2,5 Millionen Euro greifen die Initiatoren so gut wie immer auf das prospektfreie Nachrangdarlehen zurück.

Darüber hinaus muss für beide Instrumente ein Prospekt erstellt werden – dann kommt auch die Anleihe infrage. Allerdings lohnt sich die Emission – nicht zuletzt wegen der Prospektpflicht – erst ab einem Volumen, das deutlich über 2,5 Millionen Euro liegt.

Mittelgroße Schwarmfinanzierungen zwischen 2,5 Millionen und etwa fünf Millionen Euro sind deshalb Raritäten. Hier tut sich eine Lücke auf.

Seite drei: Lücke wird sich langsam schließen [6]

Diese Lücke wird sich nun langsam schließen, wenn Anleihen auch bis acht Millionen Euro prospektfrei emittiert und über die Crowd vertrieben werden können.

Damit eröffnen sich Privatanlegern völlig neue Investmentchancen über die Crowd [7], und zwar in zweifacher Hinsicht: Zum einen liegen Anleihen in der Haftungskette hinter Nachranganleihen und sind somit etwas sicherer.

Dafür ist die Rendite in der Regel auch etwas niedriger. Der Anleger bekommt somit neue Wahlmöglichkeiten, sein Crowd-Portfolio zu diversifizieren und den Rendite-Risiko-Mix anders auszutarieren.

Crowd wird attraktiv für etablierte Unternehmen

Zum anderen werden auch neue Finanzierungsobjekte den Weg über die Crowd zu ihren Investoren finden. Bei Unternehmensfinanzierungen haben bislang vor allem Gründungen [8] oder junge Unternehmen in einer relativ frühen Wachstumsphase Kapital über die Crowd aufgenommen.

Für Unternehmen in einem etwas späteren Stadium ihres Entwicklungszyklus lohnte sich die Crowd kaum – es sei denn für einen recht kleinen Anteil an ihrer Gesamtfinanzierung.

Dabei haben Unternehmen gerade in diesem Expansionsstadium besonders steile Wachstumskurven, gleichzeitig aber die Phase eines besonders hohen Risikos bereits hinter sich. Dank der höheren Schwelle dürften sich nun bald mehr solcher Unternehmen in der Crowd tummeln – zur Freude der Investoren.

Seite vier: Crowdinvesting differenziert sich aus [9]

Vor diesem Hintergrund zeichnet sich eine Differenzierung in verschiedene Segmente ab – wie bei anderen etablierten Kapitalmarktinstrumenten auch. Damit wird die Crowd der Zukunft wieder ein Stück weit professioneller und erwachsener.

Ein Wermutstropfen bleibt

Dass die Bundesregierung gleichzeitig die Höchstanlagesummen je Anleger [10] mit 10.000 Euro stark reglementiert hat, ist allerdings ein kleiner Wermutstropfen an der ansonsten erfreulichen Gesetzesänderung aus dem Sommer dieses Jahres.

Autor Johannes Ranscht ist CEO der Crowdfunding-Plattform Seedmatch.

Foto: Seedmatch

 

Mehr Beiträge zum Thema Crowdinvesting:

Lasst den Anleger selbst entscheiden! [11]

Immobilieninvestments: Am Markt partizipieren [12]

Studie: Jeder vierte Projektentwickler plant Crowdfunding [13]