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Herausforderung Urbanisierung: Von den USA lernen

Weltweit zieht es die Menschen in die Städte – die Metropolregionen boomen. Diese Entwicklung zeigt sich auch in Deutschland. Oft fehlen schlüssige Konzepte für diese Situation. Ein Blick in die USA gibt Anregungen.

John Bothe, Silverlake: “Wie gehen Städte wie New York und San Francisco mit dem angespannten Wohnungsmarkt um?”

Wir tun uns in Deutschland mitunter schwer, in globalen Kontexten zu denken. Wir stellen uns unser Land – historisch, politisch und wirtschaftlich – als ein besonderes Konstrukt vor.

Wir sprechen nicht von Nationalstolz, sondern von Schicksalsgemeinschaft. Wir haben nicht Sozialismus, nicht Kapitalismus, sondern die Soziale Marktwirtschaft. Mit dieser „Einzigartigkeit“ fahren wir in Deutschland ganz gut. Allein in den letzten dreieinhalb Generationen ist unser Bruttoinlandsprodukt um den Faktor neun gestiegen.

Die Urbansierung erfasst auch Deutschland

Und doch gibt es im freien, weltweiten Markt Strömungen und Entwicklungen, vor denen sich Deutschland nicht wegducken kann: Die Welt wird städtischer, die Metropolen [1] und Metropolregionen boomen, die Urbanisierung der Welt wird voranschreiten. Und das hat Auswirkungen auf den Bedarf und den Umgang mit Wohnraum [2].

Als Immobilieninvestor scheue ich daher nicht zurück vor schwierigen internationalen Vergleichen. Gewiss, Berlin ist nicht New York. Und Rhein-Ruhr erst recht nicht, obwohl die größte Metropolregion Deutschlands es mit über zehn Millionen Einwohnern auch unter die Top 40 der Metropolregionen weltweit schafft.

Wie bewältigen amerikanische Metropolen den Andrang?

Dennoch sollten wir uns nicht zu schade sein, ab und an einen Blick nach Übersee zu werfen. Wie gehen Städte wie New York und San Francisco mit dem angespannten Wohnungsmarkt um?

Wenn deutsche Bürgermeister und Manager nach Kalifornien fliegen, um sich von den dortigen Internet-Start-Ups zu inspirieren, warum sollten wir nicht auch bei anderen Themen von deren Erfahrungen lernen – oder, wenn es sein muss, die Fehler von dort rechtzeitig zu erkennen, um sie nicht zu wiederholen?

Umwälzungen in San Francisco

Die Region San Francisco steht zum Beispiel vor der gewaltigen Herausforderung, Welthauptstadt der Digitalisierung [3] zu sein. Die großen Internetkonzerne beschäftigen Hunderttausende gutbezahlte Angestellte, hinzu gesellen sich dynamische Start-Ups und digitalen Zuliefererunternehmen. Sie alle eint neben dem Zukunftsdrall eine ökonomische Kraft, gegen die das „analoge“ San Francisco nicht mithalten kann.

Seite 2: New York – Lösungsansätze für die Wohnungsknappheit [4]

Die Folge: Ganze Stadtviertel werden disruptiert und transformiert. Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern private Busdienste an, um sie in die digitalen Hubs zu bringen. Und dort verbringen die Menschen dann den ganzen Tag: Sie arbeiten, essen, treiben Sport, geben ihre Kinder in die Kita, kaufen ein – alles auf dem konzerneigenen Campus.

Den Wandel nicht bremsen, sondern gestalten

Dass dies Auswirkungen auf die lokalen Geschäfte und Restaurants hat, liegt auf der Hand. Die Stadt San Francisco versucht daher, Unternehmen den Betrieb eigener Kantinen zu untersagen, damit die Beschäftigten gezwungen sind, auf die Straße zu gehen. Aber liegt die Rettung der alten analogen Welt tatsächlich in der Überregulierung des digitalen Fortschritts?

Ich befürchte, dass sich San Francisco mit solchen Lenkungskonzepten nur ausbremst. Ich meine, dass wir uns genau anschauen müssen, welche politischen und gesellschaftlichen Maßnahmen dazu beitragen, dass Wohnraum in den begehrten Metropolen bezahlbar [5] bleibt oder es wieder wird. Dazu gehört auch, wie man eine soziale Durchmischung erhält, um Geisterstraßen, wie es sie etwa in London gibt, zu vermeiden.

New York: Innovative Wohnungsprojekte

In New York zum Beispiel versucht die Stadt, mit modularen Mikroapartments [6] der Lage Herr zu werden. Was als Pilotprojekt vor wenigen Jahren begann, sollte auch in deutschen Ballungsgebieten Schule machen.

Die einzelnen Apartments wurden außerhalb von Manhattan in einem Hangar vorgefertigt und dann Stück für Stück zusammengestapelt. Ein wenig muss man sich das vorstellen wie Lego für Erwachsene.

Seite 3: Stadtplanung muss kreativer werden [7]

Entstanden ist so ein bunt gemischtes Hochhaus mit Wohnungen für sozial Bedürftige, Studenten und Singles, mit unterschiedlichen Ausstattungen zu unterschiedlichen Preisen.

Idee und Konzept haben aber dazu beigetragen, dass die Stadt sowohl von der Projektentwicklung als auch von der sozialen Strahlungskraft des Gebäudes profitieren konnte.

Neue Konzepte auch in Deutschland notwendig

Derartige Konzepte benötigen wir auch in Deutschland. Dafür müssen aber die beteiligten Kommunen ganz klar das Feindbild ablegen, das sie von der Wohnungswirtschaft propagieren. Nur wenn Städte, Unternehmen und Investoren kooperativ vorgehen, wird man Quartiere und Häuser mit gutem Wohnwert und hoher Lebensqualität schaffen.

Bleibt es indes bei den verhärteten Fronten, dann werden sich die Innenstädte weiter verteuern und am Rand neue Plattenbauhochburgen entstehen – mit allen sozialen Konsequenzen.

Autor John Bothe ist Geschäftsführer der Silverlake Gruppe.

Foto: Silverlake Gruppe