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Reform der Altersvorsorge für die Rentenphase

Das Konzept der Altersvorsorge in Deutschland muss dringend runderneuert werden. Notwendige Anpassungsschritte sollten aber mit Augenmaß erfolgen. Gebraucht werden vor allem nachhaltige Rahmenbedingungen. Ein Gastbeitrag von Ekkart Kaske und Dr. Christian Hott

Ekkart Kaske, Executive Director des European Justice Forum (links), und Dr. Christian Hott, Economic Advisor.

Die demographische Entwicklung erzeugt einen anhaltenden sowie langfristig orientierten Reformbedarf bei der Altersvorsorge [1]. Dabei konzentrieren sich die Reformmaßnahmen der staatlichen Vorsorge (Säule 1) meist auf die Stellschrauben Beitragssätze, Rentenniveau und Rentenalter. Zuweilen fallen Vorschläge für nötige Anpassungsschritte jedoch zu groß aus, als dass sie gesellschaftlich gewünscht und politisch durchsetzbar wären.

Stattdessen wird versucht, die drohende Lücke durch eine Stärkung der betrieblichen Altersvorsorge (Säule 2), wie in 2017 durch das verabschiedete Betriebsrentenstärkungsgesetz, oder der privaten kapitalgedeckten Vorsorge (Säule 3), siehe Riesterrente in 2000, zu schließen. Diese Reformschritte sind grundsätzlich zielführend und zu einem großen Teil auch unvermeidbar. Es ist jedoch zu bedenken, dass die mangelnde Effizienz der einzelnen Elemente der Alterdvorsorge entscheidend zum Ausmaß der derzeit benötigten Reformschritten beiträgt. Der Vorsorgeansatz muss daher verstärkt in Richtung nachhaltiger Rahmenbedingungen gehen.

Die Umlagefinanzierte Altersvorsorge muss breiter abgestützt werden

In einem Umlagesystem gibt die Erwerbsbevölkerung einen Teil ihres Einkommens an die Rentner ab und erhält damit das Versprechen, einen Teil des Einkommens der nächsten Generation zu erhalten wenn sie selbst in Rente ist. Dies macht das System anfällig für demographische Veränderungen. Die anhaltende Erhöhung des Verhältnisses von empfangenden Rentnern zu einzahlender Arbeitsbevölkerung erzeugt hier einen laufenden und unpopulären Reformbedarf.

Vor 25 Jahren gab es in Deutschland für jeden Menschen im Rentenalter noch über vier im Erwerbsalter. Heute sind es bereits nur noch knapp drei und in 25 Jahren werden es nach Prognosen der Vereinten Nationen (bei konstantem Rentenalter) nur noch rund 1,6 Menschen im Erwerbsalter sein die einen Menschen im Rentenalter finanzieren müssen. Dies bedeutet, dass sich die Beiträge knapp verdoppeln oder das Rentenniveau fast halbieren müsste.

Seite zwei: Besonderheiten im deutschen Umlagesystem [2]

Es gibt einige Besonderheiten im deutschen Umlagesystem, welche zusätzliche Ansatzpunkte für Reformen liefern. Zum einen wird die Rente nicht nur durch Beiträge finanziert, sondern auch durch steuerfinanzierte Zuschüsse. Letzterer wird immer größer, da sich so der Anpassungsdruck politisch bequem verzögern lässt. Zum anderen nehmen nicht alle am staatlichen Umlagesystem teil. Dies betrifft Arbeitnehmer mit einem höheren Gehalt als auch Selbständige und Beamte.

Gerechtigkeitsfragen hinsichtlich des Umlagesystems

Der erste Punkt (Steuerfinanzierung) führt dazu, dass auch Bevölkerungsgruppen das Umlagesystem finanzieren die nicht daran teilnehmen (dürfen). Dies sorgt zwar für eine breitere und damit stabilere Finanzierungsgrundlage, wirft aber auch Gerechtigkeitsfragen auf. Insbesondere da es auch Selbständige mit einem geringeren Einkommen gibt. Letztlich wird durch die steuerfinanzierten Zuschüsse die Nachhaltigkeit des bestehenden Umlagesystems verschleiert und Handlungsspielräume für andere (Zukunfts-)Investitionen aus dem Budget zunehmend eingeschränkt.

Verhältnis von Beitragszahlern zu Leistungsempfängern ungewiss

Der zweite Punkt (eingeschränkter Teilnehmerkreis) erhöht die Unsicherheit hinsichtlich der Entwicklung des Verhältnisses von Beitragszahlern zu Leistungsempfängern. So ergibt sich neben dem rein demographischen Risiko die Gefahr, dass sich z.B. der Anteil der Selbständigen erhöht und so die Beitragsbasis unerwartet stark wegbricht. Die Liberalisierung des Arbeitsmarktes und die zunehmenden neuen Formen der Arbeit sind bereits Entwicklungen in diese Richtung.

Ziele für das Umlagesystem 

Ziel muss es sein, das staatliche Umlagesystem breiter abzustützen und den Teilnehmerkreis zu erweitern. Dies gilt für Angestellte mit einem höheren Einkommen genauso wie für Selbständige. Dadurch würde die Unsicherheit bezüglich der “Teilnehmerdemographie“ reduziert und die Finanzierungsgrundlage stabiler gestaltet. Auch eine zusätzliche Steuerfinanzierung sollte in diesem Zusammenhang weitestgehend abgeschafft werden.

Einführung eines gesamteuropäischen Umlagesystems

Ein weiterer, sehr visionärer Schritt könnte darin bestehen, ein gesamteuropäisches Umlagesystem einzuführen. Deutschland befindend sich gegenwärtig in einer guten wirtschaftlichen Situation und kann dadurch viele Arbeitskräfte aus anderen EU Mitgliedsländern anlocken. Dies dürfte sich jedoch ändern, wenn andere EU-Staaten sich wieder besser entwickeln. Das hierdurch entstehende Risiko für die einzelnen staatlichen Rentensysteme könnte in einem gesamteuropäischen Umlagesystem besser abgefangen werden. Zudem würde es die Altersvorsorge [3] grenzüberschreitender Karrieren sicherer und transparenter machen.

Seite drei: Kapitalgedeckte Altersvorsorge benötigt eine effizientere Risikoverteilung [4]

Genauso wie bei der umlagefinanzierten Altersvorsorge gibt man bei der kapitalgedeckten Altersvorsorge im Erwerbsleben einen Teil des Einkommens ab und erhält dafür im Ruhestand einen Teil des Volkseinkommens, welches dann produziert wird. Während man grob gesehen beim Umlageverfahren einen Teil des zukünftigen Lohneinkommens erhält, erhält man bei der kapitalgedeckten Altersvorsorge einen Teil des zukünftigen Kapitaleinkommens.

Unterschiede bei finanziellen und biometrischen Risiken

Entscheidende Unterschiede ergeben sich bezüglich der finanziellen und biometrischen Risiken. Natürlich wirkt sich eine anhaltende schwache wirtschaftliche Entwicklung auch auf die verteilbare Beitragssumme im Umlageverfahren aus, Kapitalanlagen unterliegen jedoch deutlich stärkeren Wertschwankungen. Diesem Marktrisiko kann über Garantien oder Diversifizierung seitens der Anbieter entgegen gewirkt werden. Während biometrische Risiken im Umlageverfahren automatisch abgesichert (individuelles Langlebigkeitsrisiko) oder zumindest abgefedert werden, ist dies bei Sparprodukten für die kapitalgedeckte Altersvorsorge [1] nicht unbedingt der Fall. Die Absicherung dieser Risiken bildet Ansatzpunkte für eine effizientere Altersvorsorge.

Finanzielle Risiken durch Garantiezins abdecken?

Für einen Risikoaversen Sparer kann es durchaus attraktiv sein, wenn eine andere Partei (zum Beispiel ein Versicherer) die finanziellen Risiken mittels eines Garantiezinses übernimmt. Hierbei sind jedoch verschiedene Punkte zu beachten:

Seite vier: Finanzielle Risiken individuell tragen [5]

Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, dass finanzielle Risiken einer Kapitalgedeckten Altersvorsorge im größeren Ausmaß individuell getragen werden (diese Entwicklung ergibt sich bereits bei sogenannten “Unit Linked”-Produkten). Die Anlage für die Alterssicherung ist sehr langfristig orientiert und deshalb bei ausreichender Diversifizierung weniger durch die kurzfristigen Preisschwankungen beeinträchtigt.

Arbeitsunfähigkeit ist gut versicherbar

Im Gegensatz zu finanziellen Risiken sind Lebensrisiken wie Arbeitsunfähigkeit [6] oder ein langes Leben in Rente relativ gut versicherbar. Die Absicherung dieser Risiken ist bei einer privaten kapitalgedeckten Altersvorsorge unerlässlich. Um dies zu unterstützen ist es sinnvoll, den Abschluss dieser Versicherungen zu unterstützen.

Neue Technologien als Unterstützer

Für eine effiziente Entwicklung der Spar- als auch Versicherungsprodukte gilt, dass Versicherer [7] attraktive, kostengünstige und transparente Produkte anbieten. Neue Technologien – Vorreiter sind hier FinTechs beziehungsweise InsurTechs – können helfen, die Kosten zu senken und die Akzeptanz und den Nutzen positiv zu beeinflussen. Dabei gibt es bereits Ansätze, verbesserte Rahmenbedingungen zu schaffen (www.berliner-digital-erklaerung.de [8]).

Standardisierung von Produkten

Zudem stellt die Transparenz über die zu erwartenden Leistungen aus den verschiedenen Quellen ein wichtiger Parameter dar. Eine strukturierte und klare Übersicht der Verfügbarkeit künftiger Geldmittel im Rentenalter ist entscheidend für eine sachgerechte Reflektion/Debatte zu möglichen Lücken und somit Basis für selbstmotiviertes Sparen. Hierzu könnte ebenfalls eine (auch europäische) Standardisierung von Produkten beitragen. Die sogenannten Pan-European Personal Pension Products (PEPP) sind ein erster Schritt in diese Richtung.

Seite fünf: Vor- und Nachteile der betrieblichen Altersvorsorge [9]

Die betriebliche Altersvorsorge [10] gilt als eine zusätzliche Säule der Altersvorsorge. Sie beruht jedoch auch nur entweder auf einem Umlageverfahren, einer Kapitaldeckung oder auf einer Mischung aus beidem. Somit stellt sich die Frage, worin die Vor- und Nachteile einer zusätzlichen oder alternativen Absicherung über den Betrieb bestehen. Hierzu zählt nicht die scheinbare Aufteilung der Sozialversicherungsbeiträge in Arbeitgeber und Arbeitnehmer Anteile, welche auch hinsichtlich  Transparenz zu hinterfragen ist.

Umlagefinanzierung der bAV

Beruht eine betriebliche Altersvorsorge beispielsweise (in Teilen) auf einem Umlagesystem (oder Investitionen in das Produktivkapital welche über Unternehmensgewinne die Betriebsrentenauszahlungen finanzieren), so kann sich dies zu einem Problem für das Unternehmen entwickeln, sobald es nicht mehr wächst oder profitabler wird. Somit wäre es sinnvoll, auf eine Umlagefinanzierung dieser Art betrieblicher Altersvorsorge ganz zu verzichten.

Bei der kapitalgedeckten betrieblichen Altersvorsorge ist ein erster Ansatzpunkt die Risikoaufteilung. Da Betriebe nur in Ausnahmefällen finanzielle und biometrische Risiken absichern zu können, ist es wichtig diese Risiken von den einzelnen Mitarbeitern (im Fall von finanziellen Risiken) oder einem externen Anbieter (zum Beispiel Versicherungsunternehmen)  tragen zu lassen.

Kollektive Altersvorsorge sorgt für mehr Engagement des Einzelnen

Der Weg über eine betriebliche Altersvorsorge [11] hat jedoch auch besondere Vorteile. Es hat sich beispielsweise gezeigt, dass die kollektive Altersversorge, beispielsweise über den Arbeitgeber, Angestellte stärker zur Altersvorsorge bewegen können (insbesondere opt-out Mechanismen à la Richard Thaler). Zudem hat die betriebliche Altersvorsorge den Vorteil, dass die Mitglieder gemeinsam (als Pool) gegenüber dem Versicherer auftreten können. Dadurch entsteht zum einen die Möglichkeit, Kosten einzusparen.

Seite sechs: Flexibilisierung des Renteneintrittsalters und Erhöhung der Erwerbsquote [12]

Die Erhöhung des Rentenalters [13] ist ein effizienter Weg um der Herausforderung durch das sinkende Verhältnis von Menschen im Erwerbsalter zu Menschen im Rentenalter zu begegnen. In der Tat gibt es viele Menschen die auch mit 70 noch arbeiten müssen oder wollen (Joachim Gauck war bis 77 Präsident). Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch Menschen oder Berufsgruppen für die ein Rentenalter von 65 schon eine Herausforderung darstellt. Ein erstes Ziel muss es demnach sein, das Renteneintrittsalter flexibler zu gestalten und Schwellenwerte bezüglich der Beitragsjahre zu vermeiden.

Rentenalter muss nicht zwingend erhöht werden

Um das Verhältnis von Erwerbstätigen zu Rentnern [14] zu erhöhen, muss nicht notwendigerweise das Rentenalter erhöht werden. In Deutschland sind lediglich rund 60 Prozent der Menschen im Erwerbsalter auch tatsächlich erwerbstätig. Auch wenn eine Erwerbsquote von 100 Prozent nicht erreichbar ist, so würde eine Erhöhung auf 70 Prozent (derzeit in der Schweiz) schon einen bedeutenden Teil des erwarteten Rückgangs an Menschen im Erwerbsalter kompensieren.

Um die Erwerbsquote zu erhöhen, sind insbesondere die folgenden Hebel von Bedeutung:

Transparente Rente ist sicher!

Die Alterung der Bevölkerung stellt das Rentensystem [15] vor große Herausforderungen. Diese Herausforderungen können über verschiedene Dimensionen (Säulen) gemeistert werden und müssen nicht zwangsläufig zu immer höheren Beitragssätzen und Renteneintrittsalter führen. Wichtig ist langfristige Transparenz. Das Rentensystem ist dabei effizienter, flexibler und nachhaltiger aufzustellen. Jeder sollte auf einfache Weise fortlaufend erkennen können, welche Leistungen er aktuell und in Zukunft erhält.

Die Autoren sind Ekkart Kaske, Executive Director des European Justice Forum, und Dr. Christian Hott, Economic Advisor.

Foto: Shutterstock, Kaske, Hott

 

Mehr Beiträge zum Thema Altersvorsorge:

Altersvorsorge: Jeder Sechste sorgt nicht vor [3]

Altersvorsorge: Rahmenbedingungen verbessern sich [11]

Rentenlücke lässt sich nur durch private Vorsorge schließen [1]