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Zukunft der Speckgürtel: Kommt Hipsturbia auch nach Deutschland?

In den USA ziehen Millennials oder die Generation Z raus aus den Zentren der großen Metropolen in die Vororte. Einst als lanweilig und spröde verschrien, verwandeln diese sich in hippe, lebendige Subzentren. Schwappt dieser Trend auch über den Atlantik und verwandelt das Antlitz deutscher Speckgürtel?

Millennial-Hochburg: Williamsburg – das neue Szeneviertel vor den Toren New Yorks mit Domino Park und Alter Zuckerfabrik

Großstädte und ihre Speckgürtel, im Kopf vieler Menschen herrscht zwischen den beiden Orten ein Unterschied wie Tag und Nacht. Metropolen wie Berlin, Hamburg und Frankfurt am Main gelten seit jeher als Zentren der Jungen, Kreativen und Kulturschaffenden. Die Speckgürtel der urbanen Zentren sind dagegen oft als prüde und langweilig verschrien. Während in den Szene-Bezirken der Großstadt das Leben tobt, sagen sich im Speckgürtel Hase und Fuchs gute Nacht – so zumindest das Klischee. Am Horizont zeichnet sich aber ein neuer Trend ab, der das Image der Vorortregionen grundlegend verändern könnte.

Dabei geht es nicht darum, den biederen grauen Dörfern an den Grenzen der Großstädte einen neuen Anstrich zu verpassen, sondern nachhaltig eine zukunftsorientierte Infrastruktur zu schaffen. Die sogenannten Hipsturbias etablieren bereits in US-amerikanischen Vorstädten ein urbanes Leben und eine ähnliche Entwicklung bahnt sich auch in Deutschland an. Das Motto: Raus aus dem Szene-Bezirk, rein ins Landleben, aber der Fairtrade Kaffee mit Sojamilch und das Yoga-Studio müssen mit.

Warum es immer mehr Menschen aus den Großstädten treibt

Das Großstadtleben zieht seit jeher junge Menschen magisch an. Sie kommen fürs Studium, die Ausbildung oder für den ersten Job und bleiben ihrer neuen Heimat oft lange Zeit treu. Dafür sorgt nicht zuletzt die Kombination aus beruflichen Möglichkeiten und sozialer Infrastruktur. Allerdings gibt es ein Manko, das immer mehr Menschen aus der Großstadt vertreibt: Der Wunsch nach den eigenen vier Wände. Das bleibt für die meisten nur ein Traum. Zwar war es noch nie so billig, einen Immobilienkredit aufzunehmen, gleichzeitig schießen aber auch die Immobilienpreise immer steiler in die Höhe und aufgrund der hohen Mieten fehlt es häufig an Eigenkapital. Diese Preisspirale führt zum sogenannten Überschwappeffekt von der Metropole aufs Umland.

Nur diese Perspektive in Betracht zu ziehen, greift allerdings zu kurz, denn bisher besteht die Käuferzielgruppe im Speckgürtel hauptsächlich aus den Interessenten, die auch sonst in den Außenbezirken von Berlin, Frankfurt am Main und Co gekauft hätten. Hierzu gehören vor allem junge Familien, die ein Haus im Grünen kaufen möchten, aber nicht auf die unmittelbare Nähe und Komfort des Großstadtlebens verzichten wollen. Diese Käufer ziehen bewusst aus der Innenstadt und den Szene-Bezirken weg.

In Millennial-Hochburgen steigen die Quadratmeterpreise ins Unermessliche

Eine steigende Zahl von jungen Immobilieninteressenten hat aber ein genau gegenteiliges Interesse. Sie schätzen die direkte Nähe zu zahllosen Cafés, Bars und kulturellen Einrichtungen und wollen das turbulentere Großstadtleben in ihrem angestammten Kiez nicht gegen das ruhige Vorstadtleben tauschen. Diese bunt durchmischte Gruppe aus Familien, Singles und Paaren macht lieber in anderen Lebensbereichen Abstriche, um sich die teure Eigentumswohnung in urbanen Zentren leisten zu können. Einer aktuellen Online-Umfrage von McMakler zufolge, verzichtet demnach jeder zweite Immobilienkäufer am ehesten auf seinen Urlaub, jeder dritte beschränkt sich bei der Freizeitgestaltung sowie alltäglichen Konsumgütern, um sich den Traum vom Eigentum zu erfüllen. Weil die Quadratmeterpreise in den Innenstädten aber konstant ansteigen, wird dieses Modell zukünftig für viele nicht mehr funktionieren. In den USA hat diese Zielgruppe schon eine Lösung für das Kostenproblem gefunden: Hipsturbias. 

Ab in die Vorstädte

Ähnlich wie in Deutschland zieht es in den USA junge Eltern in die Vorstädte. Hier waren es lange Zeit aber auch nur die, die bereit waren ihr hektisches, dafür ereignisreicheres Großstadtleben ein Stück weit aufzugeben. In den letzten Jahren hat sich aber einiges verändert und das liegt vor allem an den Millennials. Eine Generation, zu der jeder gehört, der zwischen den frühen 80er und dem Ende der 90er Jahre geboren wurde. Oft ist Millennial auch ein Überbegriff für jene urbane Elite, die ihre Jugend zwischen veganen Bistros, abstrakten Kunstinstallationen und Techno-Clubs verbringt – allgemeinhin auch gerne als Hipster bezeichnet – und sich nicht sang- und klanglos in die gutbürgerliche Elternrolle fügen will. Doch in Millennial-Hochburgen wie dem New Yorker Szeneviertel Williamsburg steigen die Quadratmeterpreise ins Unermessliche, weshalb die Ausweichbewegung in die Vorstadt immer öfter auch diese Gruppe trifft.

Der Clou ist aber, dass sie ihr komplettes Lebenskonzept mitnehmen, um nicht immer in die anliegende Großstadt pendeln zu müssen. So sprießen in US-amerikanischen Speckgürteln moderne Lifestyle-Einrichtungen, aber auch Trends wie Sharing-Economy-Anbieter aus dem Boden. So haben die Pioniere der Reurbanisierung des vorstädtischen Lebens es geschafft, immer mehr Gleichgesinnte vom Wohnen außerhalb der Stadtgrenzen zu überzeugen. Bekannt geworden ist dieses Modell unter dem Namen Hipsturbia, eine Kombination der Millennial-Bezeichnung Hipster und dem englischen Wort für das Konzept der Vorstadtregion, Suburbia. 

Millennials lösen Familien in den Speckgürteln ab

Noch gehören die deutschen Speckgürtel den jungen Familien, die sich bewusst aus dem direkten Großstadtleben zurückgezogen haben, aber es gibt erste Vorstöße der Millennials. In Brandenburg gibt es bereits mehr als eine Handvoll Coworking-Hotels, die das ländliche Flair mit der Hipster-Kultur verbinden. Auch in anderen Umlandregionen entstehen inzwischen ambitionierte Projekte, die Wohnen, Leben und moderne Arbeitsformen miteinander kombinieren. „Noch überwiegen bei den Immobilienkäufern im Berliner Speckgürtel die jungen Familien, die raus aus dem Stadttrubel wollen. Aber dank ihnen hat sich die Region schon heute stark verändert. Die Infrastruktur in der Region wird immer besser, während die Preise in der Hauptstadt immer stärker steigen. Eine Entwicklung wie in den USA liegt also nahe“, berichtet Finn Kordon, Immobilienmakler am Standort Berlin von McMakler. 

Autor Lukas Pieczonka ist Gründer und Geschäftsführer von McMakler.

Fotos: McMakler, Shuttterstock