20. Februar 2020, 11:39
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Bauzinsen: EZB-Chefin nimmt die Politik stärker in die Pflicht

Mehr als acht Jahre expansive Geldpolitik haben nicht nur für immer neue Tiefstände der Bauzinsen gesorgt, sondern auch für eine begrenzte Handlungsfähigkeit der EZB im Falle einer erneuten Krise. Warum Christine Lagarde daher die Politik stärker in die Pflicht nimmt, welche Risiken aktuell drohen und was das alles für die Bauzinsen bedeutet, kommentiert Michael Neumann, Vorstandsvorsitzender der Dr. Klein Privatkunden AG.

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Christine Lagarde: Auch die Worte der neuen EZB-Chefin werden von Investoren auf die Goldwaage gelegt werden.

Nach acht Jahren der expansiven Geldpolitik unter Mario Draghi hat die EZB nahezu ihren gesamten Instrumentenkasten geplündert: Der Leitzins liegt seit vier Jahren bei null Prozent, der „Strafzins“ für Banken seit mehreren Monaten bei -0,5 Prozent. Darüber hinaus hält die Zentralbank mittlerweile Staatsanleihen und weitere Wertpapiere im Volumen von fast 3 Billionen Euro. Sollte es jetzt zu einer Rezession kommen, hätten die Notenbanker daher nur noch beschränkte Möglichkeiten, der Konjunktur geldpolitisch unter die Arme zu greifen.

Während Draghi dennoch bis zuletzt die Handlungsfähigkeit der EZB verteidigte, betont Christine Lagarde auch die negativen Langzeitfolgen der lockeren Geldpolitik und erhöht den Druck auf die Politik. Die nationalen Regierungen müssten die niedrigen Zinsen nutzen und mit konsequenten Reformen in die Zukunftsfähigkeit der Euro-Staaten investieren. Michael Neumann, Vorstandsvorsitzender der Dr. Klein Privatkunden AG, hält politische Maßnahmen ebenfalls für unerlässlich. Dennoch bezweifelt er, dass die Forderungen von Lagarde Gehör finden: „Ich erwarte, dass Christine Lagarde die Nationalstaaten mit mehr Vehemenz und in kürzeren Abständen zu Reformen auffordern wird als ihr Vorgänger Draghi. Nur werden sich die Regierungen davon nicht beeindrucken lassen, solange die EZB keine Konsequenzen folgen lässt.“

Die von Lagarde geforderten Strukturreformen wären auch hierzulande dringend notwendig. 2019 geriet der deutsche Wirtschaftsmotor deutlich ins Stottern: Im gesamten Jahr legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um gerade einmal 0,6 Prozent zu. So niedrig fiel das Wachstum zuletzt im Jahr 2013 aus. Michael Neumann sieht die hiesige Konjunktur langfristig durch fehlende Reformen gefährdet: „Da die deutsche Regierung in den letzten Jahren viel zu wenig in Infrastruktur, Bildung und Digitalisierung investiert hat, werden andere EU-Staaten uns beim Wachstumstempo überholen.“

Von alten und neuen Risiken: Was belastet die Weltwirtschaft?

Die Wirtschaftsprognosen für 2020 fallen marginal besser aus als für das letzte Jahr. Das ist vor allem dem Teilabkommen im Handelsstreit zwischen den USA und China und der abnehmenden Unsicherheit durch den Brexit zu verdanken. Auch wenn die weiteren Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien schwierig werden dürften, erwartet Michael Neumann keine großen Auswirkungen auf die Finanzmärkte: „Ich rechne damit, dass bis Ende 2020 maximal eine Teileinigung erreicht wird und die Verhandlungen auch 2021 weitergehen werden. Ich gehe aber davon aus, dass das Thema den Markt über die Zeit immer weniger belasten wird.“

Doch zu den bekannten Unsicherheiten gesellt sich derzeit ein neues, noch wenig berechenbares Risiko hinzu: das Coronavirus. An den Folgen des in China ausgebrochenen Virus sind bisher fast 2.000 Menschen gestorben. Die Zahl der bestätigten Infektionen liegt bei über 70.000 (Stand: 18.02.2020). Wie sich die Ausbreitung des Virus entwickelt und wie stark es die globale Konjunktur bremsen wird, ist aktuell ungewiss. „Die chinesische Zentralbank hat bereits massiv interveniert und mehr als 270 Milliarden Euro in die Wirtschaft gepumpt“, fasst der Experte Neumann zusammen. „Ich erwarte dennoch einen Wachstumseinbruch der chinesischen Wirtschaft im 1. Quartal. Den offiziellen Zahlen der chinesischen Regierung traue ich nicht. Wenn sich das Virus nicht nennenswert über China hinaus ausbreitet, wird es allerdings keinen nachhaltigen Effekt auf die Weltwirtschaft haben“, so Neumann weiter. Mehrere Notenbanken – darunter Japans Zentralbank, die amerikanische Fed und die EZB – gaben bereits an, das Coronavirus und dessen Auswirkungen genau zu beobachten und gegebenenfalls zu reagieren.

US-Vorwahl: Wen schicken die Demokraten in den Ring?

Trotz des Teilabkommens zwischen den USA und China belastet die protektionistische Haltung Donald Trumps die Weltwirtschaft weiter. Europa hofft daher auf einen starken demokratischen Kandidaten, der Trump im November als Präsidenten ablösen könnte. Welchen Kandidaten die Demokraten ins Rennen schicken, dürfte sich in zwei Wochen – am sogenannten Super Tuesday – entscheiden. Am 3. März wählen zahlreiche Staaten gleichzeitig, unter anderem Kalifornien, Minnesota und Texas. Dadurch werden ganze 1.357 der insgesamt 3.979 Delegiertenstimmen vergeben. Michael Neumann geht davon aus, dass der Milliardär Michael Bloomberg die besten Chancen gegen Donald Trump hätte: „Bernie Sanders gehört sicher zu den aussichtsreicheren Demokraten und hat extreme Gegenpositionen zu Trump. Bloomberg ist dagegen deutlich gemäßigter und hat bessere Chancen, Trump-Wähler für sich zu gewinnen. Für Europa wäre Bloomberg damit wohl der Wunschkandidat. Grundsätzlich müssen sich Europa und der Rest der Welt aber meines Erachtens darauf einstellen, dass auch ein anderer US-Präsident die zunehmend protektionistische Ausrichtung der USA nicht völlig zurückdrehen wird.“

Bauzinsen sinken wieder: Wie geht es weiter?

Bereits seit Ende Januar sinken sowohl die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe als auch die Bauzinsen. Der Bestzins für ein Darlehen mit zehn Jahren Zinsbindung liegt aktuell bei 0,51 Prozent und ist damit nicht mehr allzu weit vom absoluten Tiefstand (0,42 Prozent) entfernt. Michael Neumann geht nicht davon aus, dass sich die Bauzinsen in den kommenden Monaten viel bewegen werden: „Solange sich die Konjunktur nicht nachhaltig positiv entwickelt, wird sich an der aktuellen Zinssituation nichts ändern. Das erneute Absinken der Bauzinsen ist allerdings nicht nur in der Konjunkturschwäche, sondern auch im aktuell starken Wettbewerb zwischen den Banken begründet. Ein neues Rekordtief ist in diesem Jahr nicht auszuschließen.“

Foto: Shutterstock

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