- Finanznachrichten auf Cash.Online - https://www.cash-online.de -

Die richtige Wahl?

Deutschlandfonds erfreuen sich bei heimischen Anlegern trotz mäßiger Ergebnisse größter Beliebtheit. Wirtschaftsaufschwung und neue Regierung sollen die Performance pushen.

Text: Marc Radke

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Diese Weisheit haben auch deutsche Fondsanleger verinnerlicht. Vier von fünf lassen ihr Vermögen in hiesigen Gefilden arbeiten. Nach einer aktuellen Studie der Nürnberger Gfk Marktforschung im Auftrag des Fondsanbieters Schroders legen nicht weniger als 82 Prozent der Befragten ihr Kapital in Deutschland an.

Nicht einmal ein Drittel diversifiziert auch über andere europäische Märkte. Die Vereinigten Staaten von Amerika kommen ebenso wie die aufstrebenden Schwellenländer nicht über einen einstelligen Prozentsatz hinaus.

Von Angst geleitet

Fonds mit deutschem Anlageuniversum profitieren davon. Das Münchener Analyse- und Ratinghaus Morningstar ermittelt ein durchschnittliches Volumen von knapp 220 Millionen Euro pro Heimatportfolio. Alles in allem verwalten die zurzeit 128 Deutschlandfonds Assets in Höhe von mehr als 28 Milliarden Euro.

Warum fällt der sogenannte Home Bias, die Konzentration auf heimische Investments, so stark aus? „Der Finanzmarkt ist derzeit von großen Unsicherheiten und den globalen Effekten der Wirtschaftskrise geprägt. Das hat zu einer spürbaren Zurückhaltung der Verbraucher beigetragen“, erklärt Achim Küssner, Geschäftsführer Schroder Investment Management in Deutschland und der Schweiz. Nicht weniger als 60 Prozent der Kapitalanleger sind davon überzeugt, dass es riskanter ist, international zu investieren, als Geld in Deutschland anzulegen. Nur fünf Prozent glauben, dass eine internationale Streuung vorteilhaft für die Wertentwicklung ist.

Die Statistik spricht indes eine andere Sprache. So hatten im August die deutschen Aktienmärkte gemessen am MSCI Germany im internationalen Vergleich die mit Abstand größten Verluste auf Jahressicht hinzunehmen. Nahezu 25 Prozent Minus stehen etwa einem Abschlag von 21 Prozent in Europa beziehungsweise 15 Prozent in den USA gegenüber. Die chinesischen Börsen lieferten dagegen eine positive Performance von vier Prozent ab, die indischen schafften sogar mehr als fünf Prozent Rendite.

Langer Atem gefragt

Auf längere Sicht war die Leistung der in Deutschland anlegenden Fonds – das richtige Timing vorausgesetzt – durchaus dazu angetan, ihre Anteilseigner zu erfreuen. Rund 5,5 Prozent haben die Heimat-Portfolios seit 2004 im Schnitt jährlich zugelegt. Über ein Jahrzehnt sieht das Resultat nicht ganz so rosig aus. Gerade einmal eine schwarze Null steht als Mittelwert zu Buche. Die katastrophalen Börsencrashs zur Jahrtausendwende und nach der Lehman-Pleite ließen nur selten bessere Ergebnisse zu.

Als glorreiche Ausnahme erzielte etwa der Allianz Nebenwerte der Frankfurter Fondsgesellschaft Allianz Global Investors im Mittel 7,8 Prozent pro Jahr. Lenker des 1996 lancierten Vorzeigeportfolios ist Frank Hansen, der im Juni auch den Cominvest Adiselekt, mit zwölf Prozent jährlicher Rendite Spitzenreiter im Ranking über den halben Zeitraum, unter seine Fittiche genommen hat. Die Fondstochter des Allianz-Konzerns hatte erst zum Jahreswechsel den ebenfalls in Frankfurt ansässigen Wettbewerber Cominvest übernommen.

Der bisherige Adiselekt-Manager Ralf Walter wird sich zukünftig um Hedgefonds kümmern. Eine Fusion der beiden Nebenwerte-Fonds, die sich letztlich nur leicht durch ihre Benchmark unterscheiden, ist auf Dauer nicht ausgeschlossen.

Hansens neues Baby Adiselekt jedenfalls performte in den vergangenen fünf Jahren seinen aus den Indizes MDax, TecDax und SDax zusammengestellten Maßstab locker aus, in guten wie in schlechten Zeiten. Investments in Dax-Unternehmen oder gar Dax-Indexfonds sind für den AGI-Fondsmanager absolut tabu: „Halbleiterhersteller Infinion haben wir verkauft, als das Unternehmen in den Blue-Chip-Index aufgestiegen ist.“ Zuvor hatte das Münchener Hightech-Haus mit 5,66 Prozent noch den größten Posten im Portfolio ausgemacht.

In der Vergangenheit habe es sich ohnehin meist gelohnt, Aufsteiger in den Dax zu veräußern, sagt Hansen. Bereits nach der Ankündigung des Segmentwechsels entsteht für gewöhnlich ein großer Hype, wenn die Gesellschaft in das Visier der Investoren gerät. Den resultierenden Aufwärtstrend der Aktie nimmt Hansen bei seinem Ausstieg gerne mit.

„Ich bin Stockpicker“, erklärt der Leiter des Adiselekt. Eine Sektorenbetrachtung allein bringe nicht viel, diene eher als Orientierung. Ausnahmen sieht Hansen dennoch, so spreche für den Gesundheitsbereich neben der demografischen Entwicklung auch die Konjunkturresistenz.

Seine Handschrift ist klar zu erkennen. Beide Hansen-Portfolios haben mit rund acht Prozent Finanzwerten ein nur halb so großes Exposure gegenüber Banken und Versicherungen wie viele ihrer Wettbewerber, die stärker auf Börsenschwergewichte setzen. Wert legt Hansen auf eine ausgewogene Allokation, in der auch die Themen Internet und Umwelttechnologie nicht zu kurz kommen.

Auf Jahressicht mussten aber auch die Portfolios des Vorzeigemanagers mit rund 17 Prozent Minus reichlich Federn lassen. Immerhin etwas weniger als der Vergleichsmarkt, aber circa doppelt so viel wie Heimatfonds mit Standardwerten. Zu Letzteren zählt etwa der von Bodo Orlowski geführte Hansasecur des Hamburger Anbieters Hansainvest, der ausschließlich in die 110 größten deutschen Unternehmen investiert. Mit konstanter Leistung konnten nur die gemischten Portfolios Walser German Select und mit Abstrichen Oppenheim DA überzeugen.

Börsenkurse zuletzt wow…

Dabei haben sich die Bullen hierzulande in den vergangenen Monaten schon wieder kräftig ausgetobt. Das Börsenbarometer Dax war der tatsächlichen Konjunkturentwicklung wohl um einiges vorausgeeilt. Seit seinen Tiefstständen im März dieses Jahres kletterte der deutsche Blue-Chip-Index um mehr als 50 Prozent nach oben. Erst hatte die Angst vor einer globalen Depression nachgelassen, dann der Konjunkturoptimismus die Akteure ergriffen.

Zwischendurch schien die Euphorie verflogen und die Hausse am Aktienmarkt zu erlahmen. Passend zur Bundestagswahl stoppte der Aufwärtstrend des Dax erst einmal bei rund 5.700 Punkten. Am Montag nach dem Urnengang feierte die Börse aber Schwarz-Gelb und sorgte beim Dax für einen kräftigen Tagesgewinn von knapp drei Prozent.

… Realwirtschaft mau

Die Stimmung ist dabei offensichtlich besser als die Lage. Die tatsächlichen ökonomischen Kennziffern strahlen wesentlich weniger Optimismus aus. Die Weltwirtschaftskrise hat im ersten Halbjahr 2009 den Exportweltmeister Deutschland massiv erwischt und die Ausfuhren um 24 Prozent gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum einbrechen lassen. Die Industrieproduktion lag ein ganzes Viertel unter den 2008er-Resultaten.

Viele Marktteilnehmer haben in den Sommermonaten aber immerhin Zeichen einer Erholung ausgemacht. Der Ifo-Geschäftsklimaindex stieg zuletzt wieder sechs Monate in Folge, im September allerdings langsamer als erwartet. Die Stimmung unter den befragten Managern ist damit zurück auf dem Stand von September 2008, bevor der Untergang der US-Investmentbank Lehman Brothers die Weltwirtschaft erschütterte. Die Einschätzungen sind nicht homogen: Während die Industrie darauf hofft, dass sich die Exporte erholen, trübt sich die Stimmung in der Baubranche trotz zusätzlicher staatlicher Infrastrukturmaßnahmen ein.

Sorgenkind Nummer eins bleibt der Arbeitsmarkt. „Es planen wieder mehr Unternehmen, ihre Mitarbeiterzahl zu reduzieren“, sagt Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Instituts mit Sitz in München. Noch immer schätze die überwiegende Zahl der Unternehmen ihre Lage als schlecht ein.

Auch das von der Gfk ermittelte Konsumklima fällt besser aus als die Einzelhandelsumsätze vermuten lassen. Woher stammt diese Diskrepanz? Für Eugen Keller, Investmentanalyst beim Frankfurter Bankhaus Metzler, liegt die Erklärung auf der Hand: „Es reicht ein Blick auf den Bundestagswahlkampf, wo Wahrheiten über die künftige Entwicklung der Staatsfinanzen einfach unter den Teppich gekehrt wurden.“ Wenigstens gäbe der eine oder andere Verbraucher, der angesichts von Notstandszinsen und horrend steigender Staatsschuld sein Interesse an langfristigen Kapitalanlagen vorerst verloren hat, zukünftig dem Konsum den Vorzug.

Unken wider den Aufschwung

Als größte Unke von allen hat sich seit Beginn der Finanzkrise aber Norbert Walter hervorgetan. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank prophezeite bereits vor rund einem Jahr einen Wirtschaftseinbruch von circa fünf Prozent. Die Kritiker, die ihn damals als Schwarzmaler beschimpft hatten, sind spätestens nach dem Eintreten seiner Vorhersage verstummt. Selbst nachdem die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal um 0,3 Prozent zugelegt hat, liegt das Bruttoinlandsprodukt noch immer 5,9 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Walter selbst wird nicht müde, ständig zu betonen, dass ein derartiges für Deutschland einmaliges Schrumpfen der Ökonomie nicht ohne Folgen bleiben und von Erholung daher noch keine Rede sein kann: „Wir bewegen uns aus dem Tal nur mit kleinen Schritten heraus. Der Mini-Aufschwung ist mit staatlichen Programmen wie der Abwrackprämie geborgt, die nun alle auslaufen.“

Auch Bundesbankpräsident Axel Weber schloss sich unlängst dieser Warnung an. Seiner Meinung nach besteht die Gefahr, dass die Wirtschaft in der kommenden Dekade langsamer wächst als in den vergangenen Jahrzehnten. Als Erblast der Krise wartet laut Weber ein massiver Konsolidierungsbedarf mit drastischen Ausgabenkürzungen. Bis das alte Wohlstandsniveau wieder erreicht sei, werde es noch lange dauern. Den anhaltenden Kaufwillen der Deutschen zweifelt die Kassandra der Deutschen Bank ebenfalls an. „Ich glaube, dass nach dem Herbst das Konsumklima schwächer wird. Wenn im vierten Quartal die Arbeitslosigkeit steigt, wird im Einzelhandel der Katzenjammer losgehen“, so Chefökonom Walter.

Dieser unschönen Prognose haben sich inzwischen auch die Frankfurter Dekabanker angeschlossen: „Wir werten die Stimmungsindikatoren im September als einen Schuss vor den Bug: Die äußerst starke Dynamik der wirtschaftlichen Erholung, die wir in den vergangenen Monaten gesehen haben, wird nicht dauerhaft sein.“ Nun müssen die düsteren Interpretationen keineswegs zutreffend sein. Global betrachtet werden in den nächsten Quartalen noch Konjunkturprogramme im Umfang von weltweit mehr als vier Billionen US-Dollar nachfragewirksam werden, wie auch die Experten vom Bankhaus Metzler dagegen halten. Eine sich erholende Nachfrage soll die Produktion überproportional steigen lassen, weil die Lagerbestände der Unternehmen momentan ungewöhnlich niedrig sind.

Machtlose nationale Politiker

Zwar reserviert, aber doch auch positiv fällt die Einschätzung von Karl Huber zur Bundestagswahl aus. Der Fondsmanager des in der Performance-Rennliste sechstplatzierten Pioneer Investments German Equity der in München ansässigen Fondsgesellschaft Pioneer Investments erklärt, dass, „auch wenn der Wahlausgang mit schwarz-gelben Siegern das favorisierte Ergebnis des Kapitalmarktes ist, die neuen politischen Verhältnisse lediglich ausgewählten Branchen Auftrieb geben werden.“ Aufgrund der engen globalen Verflechtung der deutschen Wirtschaft seien die Einflussmöglichkeiten nationaler Politik auf den deutschen Aktienmarkt mittlerweile gering.

Gewinner soll es dennoch geben. Wie sein Kollege Tim Albrecht, Fondsmanager des DWS Deutschland und auf Platz zwei im Performance-Ranking, zählt Huber dazu in vorderster Front die großen Versorger, die er bereits leicht übergewichtet hat: „Die Stromkonzerne wie Eon oder RWE werden voraussichtlich von einer Verlängerung der Restlaufzeiten bei Atomkraftwerken profitieren.“

In der Solarbranche sieht der Fondsmanager dagegen vorerst eher die Lichter ausgehen. Die Zukunft werde schwierig, da sich insbesondere die FDP stark engagiere, die Subventionen in der Branche zu senken und dazu das Erneuerbare-Energien-Gesetz auf den Prüfstand stellen will. Langfristig nehme die Bedeutung von New Energy in Anbetracht schwindender Ressourcen aber dessen ungeachtet weiter zu.

Privatisieren FDP-Frontmann Guido Westerwelle und Co. beispielsweise den Krankenhaussektor weiter, könnte dies Klinikbetreibern wie der Rhön-Klinikum AG – gemeinsame Top-Position in nahezu allen Deutschlandfonds – Auftrieb geben, sagt Pioneer-Fondsmanager Huber: „In der Wirtschaftspolitik rechne ich damit, dass auch das Thema Private Public Partnership wieder mehr Beachtung findet, was vor allem großen Baukonzernen etwa bei Erstellung und Betrieb von Autobahnen zugute kommt.“

Billiges Geld treibt die Kurse

Einige Unternehmen werden Restrukturierungen, die sie vor der Bundestagswahl zurückgestellt hatten, nun vornehmen, meint Huber: „Unter der neuen Koalition von CDU und FDP haben es die Firmen wohl etwas leichter. Insgesamt dominiert jedoch der einzelne Investment Case die Investitionsentscheidung.“

Nur eine gezielte Einzelanalyse bietet aus seiner Sicht momentan Chancen: „Wir befinden uns nicht in effizienten Märkten – daher verspricht der aktive Ansatz bessere Chancen als ein passives Investment. Insbesondere kleine Nebenwerte bieten aufgrund ihrer starken Konzentration auf einzelne Geschäftsfelder ein vielfach höheres Kurspotenzial als Standardwerte.“ Die Analyse solcher Gesellschaften nehme daher einen hohen Stellenwert in seinem Investmentansatz ein, so Huber.

Noch erheblich optimistischer zeigt sich das Bankhaus Metzler. „Wir erwarten insgesamt eine deutliche Erholung der Weltwirtschaft ab dem zweiten Halbjahr 2009“, sagt Martin Luley, Chef des Aktienteams bei Metzler. Angesichts nachlassender Ängste könne die Überschussliquidität in bisher ungekanntem Ausmaß eine Hausse an den Aktienmärkten verursachen. Trotz der bisherigen Kurserholung sehen die Frankfurter Privatbanker die Aktien-indizes europaweit erst wieder auf dem Niveau vom Januar 1998.

Auch laut Allianz-GI-Topmanager Hansen befinden sich die Börsenkurse nach wie vor in einer Talsohle. Bislang sei lediglich das Stimmungstief überwunden. Vor allem Unternehmen, die ihre Kosten radikal gesenkt haben, könnten mit einer nachhaltig anziehenden Konjunktur überraschende Gewinnsprünge erleben. Einer seiner Favoriten ist die Bochumer Gea Group, die mit der Produktion von Nahrungsmitteln und Energie mehr als 5,2 Milliarden Euro im vergangenen Jahr umgesetzt hat.

Riskant werde es nur, so der einheitliche Tenor aller Fondsmanager, wenn die Zentralbanken den Märkten Liquidität wieder entziehen. Nach Einschätzung von Metzler habe beispielsweise China mit restriktiver Geldpolitik einen Kurssturz von 20 Prozent innerhalb von nur zwei Wochen ausgelöst.

Einiges spricht aber dafür, dass die Zentralbanken in Europa ab 2010 versuchen, das Kapital behutsamer wieder abzuschöpfen. So hat Dominique Strauss-Kahn, Chef des internationalen Währungsfonds, versucht, Skeptiker zu beruhigen, und unlängst die Strategie verkündet, die Stützung durch Staat und Zentralbank solange beizubehalten, bis sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt bessere.

Foto: Shutterstock