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Sind Substanzaktien die stabileren Staatsanleihen?

Die Halver-Kolumne

Als Rheinländer habe ich mir zuletzt mit großer Freude den Kölner Rosenmontagszug angesehen. Dabei wurden die Themen Staatsverschuldung und -bankrott besonders auf die Schippe genommen. Jetzt in der Fastenzeit bei wieder nüchterner Betrachtung fällt es aber schwer, weiter Spaß zu verstehen.

Cash.-Kolumnist Robert Halver

In der Anlagetheorie werden zwar seit Jahrzehnten die Staatsanleihen als stabile und risikolose Sicherheitsanlagen postuliert. Aber Hand aufs Herz: Ist diese Annahme noch gerechtfertigt? Wo ist der Renditeaufschlag, der die mannigfaltigen Risiken oder Instabilitäten berücksichtigt? Denn ist diese Anlageform nicht künstlich durch die Notenbankpresse überbewertet, um die Zinsen zur Konjunkturstützung möglichst gering zu halten?

Geht nicht die Schuldenaufnahme zur Notspeisung der Wirtschaft munter weiter? Und welche Erfolgsaussichten können eigentlich Sparauflagen in Ländern wie Griechenland haben, wo aufgrund der Mentalität Stabilität ähnlich populär ist wie für Frösche das Trockenlegen von Sümpfen?

Sicherlich wird der sogenannte Euro-„Stabilitäts“-Raum Zeit gewinnen können. So kann die EZB ähnlich wie 2009 beim außerordentlichen Aufkauf von Unternehmensanleihen als Sondermaßnahme auch Euros nach Athen tragen und damit die Risse in der Euro-Erbengemeinschaft vorerst kitten.

Euros nach Athen

Diese provisorische Familienharmonie wird die Finanzmärkte langfristig aber mit Sicherheit nicht ruhig stellen. Also demnächst mehr in diesem Theater! Zumindest im direkten EU-Vergleich sind wir Deutschen in puncto Stabilität immer noch die Einäugigen unter den Blinden. Aber werden am Ende nicht auch wir als Verteidiger der griechischen Stabilitätsehre Federn lassen müssen gemäß dem Motto „Eltern haften für ihre Kinder“?

Die Kardinalfrage ist aber: Wie bauen wir die Staatsverschuldung jemals wieder ab? Mit Wirtschaftswachstum allein ist hier kein Blumentopf zu gewinnen. Denn trotz solider Wachstumsraten und einer zusätzlichen Mehrwertsteuererhöhung von drei Prozentpunkten konnte Deutschland selbst 2006 und 2007 keinen ausgeglichenen Haushalt vorlegen!

Deutliche Steuer- und Sozialabgabenerhöhungen beziehungsweise Ausgabenkürzungen kommen auch nicht in Frage, da sie wie grüne Wiesen für den Skifan als Spaßbremsen für die Wirtschaftsstimmung wirken. Also wird es nur mit einer stärkeren Inflationierung gehen können. Selbst der Internationale Währungsfonds als Gralshüter der Stabilität hat zuletzt den Notenbanken angeraten, eine deutlich höhere Inflation zuzulassen. Ist damit jetzt der stabilitätspolitische Sündenfall finanzhoffähig geworden?

Die USA haben bereits seit den 80er-Jahren immer wieder gerne die Preiskeule zum Wegspülen von Staatsschulden benutzt. Angesichts ihrer gigantischen Verschuldungslage war diese Doktrin nie wichtiger als jetzt. Damit ist aber auch klar, dass die Ankündigung von ernst zu nehmenden Exit-Strategien der Notenbanken wohl eher unter dem Motto abläuft „Wasser predigen, Wein saufen“.

Die Zeitbombe Inflationsrisiko tickt also munter weiter. Um es klar zu sagen: Der Boden der Stabilität ist verlassen! Damit passen Risikolosigkeit und Staatsanleihen ungefähr so zusammen wie Schokolade und Abspecken. Wenn es aber die unterstellte Stabilität bei Staatsanleihen nicht gibt, warum sollte man sich dann mit Minimalrenditen zufrieden geben, die nur bei Sicherheit akzeptabel sind? Das ist dann eine zu dünne Suppe. Tut mir leid, liebe Bundesschatzbriefe und Co.

Stromrechnung zurückholen

Gibt es Alternativen? Ich sage Ja! Substanzwerte der Versorger-,  Öl- und Gas- sowie Telekombranchen werden am Kapitalmarkt mit nicht wesentlich höheren Insolvenzrisiken als deutsche Staatsanleihen gehandelt. Im Vergleich selbst zu Anleihen des Vereinigten Königreiches müssen sie gar als heilige Kühe gelten. Dennoch schlagen ihre Dividendenrenditen zwischen gut fünf bis acht Prozent die Renditen von Staatspapieren deutlich. Attraktiv sind diese Titel nicht zuletzt aufgrund ihres stabilen Geschäftsmodells als Befriediger von Basisbedürfnissen, was für regelmäßig stabile Ausschüttungen und damit Einkünfte spricht.

Vor diesem Hintergrund sind Aktienkursschwankungen dann weniger relevant. Anleger sollten sich nicht über die Höhe ihre Stromrechnungen beschweren, sondern sich das Geld über die Dividendenausschüttung der Versorger zurückholen! Sprechen wir zum Schluss auch über die Kontrolle von Substanzwerten im Vergleich zu Staatsanleihen. Mindestens quartalsmäßig werden sie von Heerscharen von Analysten, Wirtschaftsprüfern und Aufsichtsbehörden wie im Nacktscanner auf Herz und Nieren überprüft und damit auch transparent und nachhaltig bewertet.

Wird bei Staatsanleihen mit der gleichen Konsequenz kontrolliert? Bei Staatsanleihen muss man teilweise den Eindruck haben, die Katze im Sack zu kaufen. So ist zum Beispiel in den USA die offizielle Preismessung als wichtige Bewertungsgröße so unverschämt geschönt, dass bezogen auf Pinocchio dessen Nase als Landverbindung zwischen Amerika und Europa dienen könnte. Also auf den Punkt gebracht: Substanzaktien sind in der aktuell instabilen Fastenzeit stabile sachkapitalistische Sorgenpausen zu Staatsanleihen!

Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieranalyse und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums 1990. Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator und ist durch regelmäßige Medienauftritte bei Fernseh- und Radiostationen, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie durch Fachpublikationen präsent.

Weitere Kolumnen von Robert Halver:

Probleme in Griechenland? Es geht um ganz Euroland! [1]

Exit-Strategie oder das Warten auf „Cashing Bull“ [2]

Der richtige Umgang mit Blasenproblemen [3]

Staatsverschuldung – Nie war sie so wertvoll wie heute! [4]

Foto: Baader Bank