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Wie sage ich es meinen Wählern?

Die Halver-Kolumne

„Alles wird gut“ ist lange Zeit das Motto der euroländischen Politik in punkto Griechenland gewesen. Nun stehen neue Hilfen für die Hellenen an – und eine Frage: Wie sage ich es meinen Wählern?

Robert Halver, Baader Bank

Die politisch Verantwortlichen haben bis zuletzt immer auf die Selbstheilungskräfte verwiesen, die, gemeinsam mit diasporaler Unterstützung der Freunde und Förderer Griechenlands, das Land wieder auf den Pfad der Stabilitätstugend – wenn sie da jemals waren – zurückführen sollten.

Doch allmählich scheint die Ernüchterung Einzug zu halten. Spätestens seit dem Bericht der Troika über die malade griechische Finanzverfassung ist für unreflektierte Gesundbetung kein Platz mehr: Griechenland hat seine Hausaufgaben nicht gemacht und wird somit 2012 auch keine erfolgreiche Reifeprüfung an den Kapitalmärkten ablegen können.

Gürtel enger schnallen ist kein Allheilmittel

Damit sieht der Bundesfinanzminister jetzt sogar die Gefahr eines unkontrollierbaren Staatsbankrotts Griechenlands. Als Brandbeschleuniger kommt die soziale Dimension des Problems, die man auf den Straßen Athens beobachten kann, hinzu, die die griechische Politik im Extremfall sogar zu populistischen Konsequenzen zwingen könnte. Mein Opa pflegte zu sagen, wer tagsüber eine Perspektive hat, wirft abends keine Fensterscheiben ein. Allein die Standardtherapie des IWF, wonach derjenige, der einen Gürtel habe, ihn enger schnallen möge, wirkt hier sicherlich wenig perspektivisch.

Tatsächlich dürfte dem Bundesfinanzminister permanent das dramatische Jahr 1989 vor dem geistigen Auge erscheinen. Als Zeitzeuge konnte er damals hautnah erfahren, dass zwischen sturer Gesundbetung der sozialistischen DDR und ihrem ungebremsten Untergang nur wenige Monate lagen. Einem unkontrollierbaren Verfall Eurolands will er daher schon von Anfang an, gerade auch mit Blick auf die politischen und wirtschaftlichen Dominoeffekte, entgegenwirken. Er weiß, dass Griechenland Luft zum Atmen, sprich mehr Zeit braucht. Diese Zeit böte ein neues Rettungspaket.

Beteiligung der Privaten ein Placebo

Aber wie verkaufe ich es meinen Wählern, denen sich nach Umfragen bei dem bloßen Gedanken, neues Steuergeld nach Griechenland zu senden, die Nackenhaare sträuben. Daher sollen auch die Banken und Versicherer als die größten Privatinvestoren griechischer Anleihen zur moralisch-hygienischen Beruhigung der Steuerzahler herangezogen werden. Jene institutionellen Anleger allerdings haben diesen Braten längst gerochen und teilweise bereits fluchtartig ihre Engagements in griechischen Staatsanleihen zurückgeführt. Die Aussichten darauf, künftig genügend kritische Masse aus dem privaten Sektor zur Bewältigung der Schuldenkrise zu erhalten, schwinden also täglich.

Was außerdem nötig ist, um den den Pleitekandidaten zu retten, lesen Sie auf Seite 2. [1]

Im Übrigen leisten private Investoren bereits ihren Umstrukturierungsbeitrag. Denn die abgegebenen Papiere landen früher oder später bei der EZB. Und diese hat die Papiere zu ihrem Marktpreis erworben, die je nach Laufzeit bis unter 50 Prozent ihres Nennwerts liegen.

Daher ist es verständlich, dass sich die EZB mit allem, was sie hat, gegen eine Umstrukturierung wehrt. Sie ist zur Bad Bank griechischer Anleihen geworden. Als Glucke, die bereits auf vielen faulen Eiern sitzt, wäre sie die Leidtragende, die dann noch mehr Eier ein warmes Nest bereiten müsste.

Insgesamt ist damit die Beteiligung der Privaten im Endeffekt nur ein Placebo, damit ein neues Rettungspaket politisch akzeptiert wird. Zumindest gewinnt man dann auch tatsächlich Zeit. In dieser Zeit ist es erste Politikerpflicht, eine Perspektive in zweifacher Richtung zu vermitteln. Zunächst muss man den Griechen sagen, dass ihre Stärken in der Landwirtschaft, im Tourismus, in der Solarenergie und in der Exportlogistik liegen, die sie konsequent nutzen müssen. Und der Bevölkerung der Geberländer muss aufgezeigt werden, dass Euroland nicht nur Geld kostet, sondern es Deutschland auch viel Geld einbringt.

In Griechenland gibt es ein Leben nach dem Tod

Flankiert werden müsste der Katalog an Hilfsmaßnahmen – auch zur besseren Verkaufbarkeit in den Geberländern – durch eine Modernisierung des antiken griechischen Verwaltungswesens. So muss der faule Lenz in Amtsstuben beendet werden. Man braucht auch eine Verschärfung des Steuerinkassos und eine Überprüfung staatlicher Transferzahlungen. Denn momentan liefert Griechenland eindeutige Beweise für ein Leben nach dem Tod. Wie sonst könnte es sein, dass Pensionäre auch nach ihrem Ableben noch Rentenzahlungen erhalten.

Ich erwarte nicht, dass die Umsetzung dieses Lösungspakets ein Kindergeburtstag wird. Aber auf die letzte Ölung für Euro-Urbi und Euro-Orbi will ich auch nicht warten.

Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieranalyse und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums 1990. Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator und ist durch regelmäßige Medienauftritte bei Fernseh- und Radiostationen, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie durch Fachpublikationen präsent.


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Foto: Baader Bank