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Die Rückkehr der Langeweile…

… oder die Frage, ob die Euro-Krise vorbei ist? Beim Blick auf die Finanzmärkte fiel mir bis vor Kurzem eigentlich nur ein Begriff ein: Dramatik. Grundsätzlich war die Euro-Welt, um es in der Sprache der Filmbranche zu formulieren, ein nicht enden wollender Thriller aus Krise, Angst und Gefahr.

Die Halver-Kolumne: Eine Kapitalmarktanalyse ohne Blut, Schweiß und Tränen

Und jetzt? Offensichtlich hat die Euro-Krise dramatisch an Dramatik verloren. Selbst EZB-Chef Draghi lässt sich nach seinen Wasser-marsch-Aktionen mit den Worten zitieren „In der Euro-Krise ist das Schlimmste vorüber.“ Na dann ist ja wohl über allen EU-Gipfeln Ruh. Auf Google findet sich Griechenland längst nicht mehr als ein Topthema. Mit rückläufigen Risikoaufschlägen zu deutschen Staatsanleihen ist auch Italia wieder bella. Nach den schockierenden Horrorfilmen laufen jetzt an den Finanzmärkten also wieder die sorgenbefreiten Heimatfilme, in denen die Milch rein und die Wiesen saftig grün sind und die Alpen auch schon wieder glühen.

Und die Karawane zieht weiter. Denn die TV- und Radioreporter, die sich schon Feldbetten auf dem Frankfurter Börsenparkett aufgestellt hatten, um direkt am Puls der Krise zu sein, haben ihr Feldlager geräumt und kümmern sich jetzt um Casting oder Model Shows, die anstehende Fußball-Europameisterschaft oder die Einkleidung der deutschen Olympiamannschaft für London.

Und was sollen jetzt die Kapitalmarktanalysten machen? Müssen sie sich zu Tode langweilen? Müssen sie die in gleißendes Scheinwerferlicht getauchte Finanzkrisen-Weltbühne wieder mit den dünnen Brettern der fundamentalanalytischen Kleinkunstbühne eintauschen? Nun, ich hätte gegen ein Stück heile, normale Analysten-Welt nichts einzuwenden. Und sich wieder mit einem aus Immobilien-Ruinen auferstandenen Amerika oder mit einer der stärksten Volkswirtschaften der Welt – ich meine die deutsche – zu beschäftigen, macht mir als Kapitalmarktanalyst auch ohne Blut, Schweiß und Tränen viel Spaß.

Das Krisenunkraut sprießt weiter

Ohnehin mache ich mir aber keine Illusionen, dass die Krise vorbei ist. Das, was wir aktuell erleben, ist die Werbepause im Euro-Krimi, die mit Reklame von zartschmelzender Schokolade und bunten Gummibärchen für ein aufhellendes Intermezzo sorgt. Das Krisenszenario ist aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. Irgendwie halten sich einige böse Fragen hartnäckig.

Hält sich etwa Griechenland nach der im April stattfindenden Parlamentswahl – bei der nach aktuellen Umfragen selbst die bisherige große Koalition keine Mehrheit hätte – an die bekundeten Reformabsichten oder werden die griechischen Irrfahrten dann fortgesetzt? Beackern Italien, Spanien & Co. ihre notleidenden Wirtschaftsstandorte oder werden die üppigen Geldspenden der EZB als soziale Hängematte missbraucht? Zur Erinnerung: Gegenüber den inflexiblen Arbeitsmärkten in der Euro-Süd-Zone ist der Kölner Dom ein wahres Bewegungswunder. Und was passiert nach der Präsidentschaftswahl in Frankreich? Gerät dann der EU-Fiskalpakt mit Hollande in Not?

Seite 2: Der richtige Umgang mit der Krise. [1]

Spätestens auf der Anlegermesse Invest in Stuttgart werden wir also wieder Krisen-Unkraut zupfen. Aber dennoch muss dies für die Märkte überhaupt kein Ungemach bedeuten. Denn die Krise ist die eine Sache, in der im Übrigen die ganze zumindest westliche Welt steckt. Unter jedem Dach wohnt eben ein Ach. In Japan, England und den USA ist die Krise so allgegenwärtig wie die Butter beim Stullenschmieren. Euroland ist also keine One-Man-Show auf der Krisenbühne, auch wenn die eigentlichen Hauptdarsteller der angelsächsischen Finanzaristokratie versuchen, sich wie schüchterne Laiendarsteller hinter dem Vorhang zu verstecken.

Konkret geht es aber um die andere Sache, den Umgang mit der Krise. Andere Länder gingen damit bis dato besser, weil unkonventioneller um. Aber auch Euroland hat dazu lernen müssen und begeht jetzt einen neuen, ebenso pragmatischen wie beschwerlichen Weg. Vor allem die als Gelenkschmiere eingesetzte Geldpolitik stabilisiert die eingerostete Eurozone mit zugegebenermaßen instabilen, ja sogar inflationstreibenden Therapien.

Jedoch will man damit den wirklich wichtigen Euro-Ländern wie Italien und Spanien jene notwendige Zeit verschaffen, um ihre Standorte fit zu spritzen, um damit für volkswirtschaftliche Gesundheit zu sorgen. Das meine ich Wachstum, das Schuldentragfähigkeit und die Wiedergewinnung von Stabilität zumindest langfristig gewährleistet. Es ist Italien & Co. sehr zu wünschen, dass sie bezüglich ihrer bereits ergriffenen Reha-Maßnahmen auch noch den Turbo einschalten.

Die Euro-Krise ist also nicht vorbei. Mittlerweile wird sie an den Finanzmärkten aber weniger als schockierender Thriller, sondern eher als nüchterner Dokumentarfilm wahrgenommen. Noch nie war Langeweile so schön. Hoffen wir, dass sie uns lange erhalten bleibt.

Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieranalyse und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums 1990. Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator und ist durch regelmäßige Medienauftritte bei Fernseh- und Radiostationen, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie durch Fachpublikationen präsent.


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Foto: Baader Bank