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Dirk Müller: “Billiges Geld hat eine Billionenblase gebildet”

Börsenexperte Dirk Müller erläutert im Interview, wie Anleger auch in Krisenzeiten richtig am Kapitalmarkt agieren und was Notenbanken mit einem Clown gemein haben.

“Niemand sollte Aktien den Rücken kehren.”

Cash.: Die Börsen in den Emerging Markets schwächeln, aber die Aktienmärkte der großen Industriestaaten haussieren kräftig. Wie lautet Ihre Einschätzung?

Dirk Müller: Insgesamt fällt das Feuerwerk damit gar nicht so groß aus, die Anstiege sind nicht ungewöhnlich. Im Wesentlichen finden die Kurssprünge in Deutschland und den USA statt. Selbst die großen Schwellenmärkte wie China und Brasilien bleiben wie gesagt zurück, stehen auf Jahressicht sogar im Minus.

In Japan haben die Aussagen der Regierung zum Jahreswechsel, Vollgas bei der Notenbankpolitik zu geben, tatsächlich zu einer kräftigen, von der massiven Liquidität getriebenen Börsen-Hausse geführt. Ähnliches ist in Großbritannien und den USA geschehen, in Europa lässt sich das Phänomen in erster Linie in Deutschland beobachten.

Kommt mit den Aktienkursen auch die Konjunktur auf die Beine?

Dirk Müller: Nein, die wirtschaftlichen Rahmendaten stimmen im Allgemeinen noch nicht. Die Unternehmensgewinne und -ausblicke sind alles andere als positiv und geben eine solche Rallye nicht her.

Die Prognosen beispielsweise auf dem Chemiesektor oder in der Automobilbranche fallen sogar sehr kritisch aus. Dort werden die Schwierigkeiten demnach künftig noch größer.

Auch einzelne positive Indikatoren und Statistiken, wie ab und zu aus China zu hören, sollten nicht überbewertet werden. Dass die Hausse in erster Linie liquiditätsgetrieben ist, lässt sich daran erkennen, wie weit die Kurse einbrechen, sobald etwa ein Ende der lockeren Notenbankpolitik in Aussicht gestellt wird. Nichtsdestotrotz kann dieser Aufschwung an den Börsen weitergehen.

Wir haben es mit einer verzerrten Entwicklung zu tun, die Naturgesetze der Wirtschaft und der Märkte gelten zurzeit nicht.

Das gilt auch für den Bondmarkt?

Dirk Müller: Ja, gerade bei Staatsanleihen wird dies deutlich: Trotz aller Risiken und Inflationsgefahren liegen die Renditen auf einem lächerlich niedrigen Niveau. Die Inflationssorgen der Menschen richten sich zumeist auf Lebensmittel.

Seite zwei: Billionenblase durch Staatsanleihen [1]

Dabei können wir bereits eine große Inflation beobachten – und zwar bei Staatsanleihen. Dorthin ist das billige Geld größtenteils geflossen und hat eine Billionenblase gebildet. Wenn diese platzt und Anleger massenhaft aussteigen, werden sie Geld in der Hand haben, das sie weiter investieren wollen. Das wird in reale Werte wie Aktien, Rohstoffe, Edelmetalle und nicht zuletzt Flachbildschirme fließen. Dann werden wir auch eine hohe Inflation an der Ladentheke registrieren. Die Frage ist nicht, ob das angestaute Inflationspotenzial wirksam wird, sondern wann.

Zu welchem Zeitpunkt wird es nach Ihrer Einschätzung dazu kommen?

Dirk Müller: Wenn die Notenbanken ihre Stützen entfernen, bricht der Damm und die Investoren steigen aus. Fed, EZB und Co. werden dann kaum mehr bereit oder in der Lage sein, alles aufzukaufen, um den Markt zu stabilisieren, und so bahnt die Flut sich ihren Weg. Vielleicht funktioniert es noch ein oder zwei Jahre, aber unendlich lange können die aktuellen Maßnahmen nicht weitergeführt werden.

Wir kaufen uns alle paar Monate neue Zeit, aber zu immer teureren Preisen. Es handelt sich bei allen Bemühungen eben nicht um einen ausgeklügelten Plan. Vielmehr sehen wir einen Clown in der Manege, der versucht, dreizehn Teller auf Nase, Händen und Füßen zu jonglieren.

Ständig kommt weiteres Geschirr hinzu und es bedarf nur einer kleinen Ablenkung, schon liegt ein großer Scherbenhaufen am Boden.

Wie müssen Anleger und Berater in dieser Gemengelage vorgehen?

Dirk Müller: Sie sollten sich auf keinen Fall vom Aktienmarkt fernhalten. Das vertrete ich seit vielen Jahren und an diesem Rat hat sich nichts geändert. Aktieninvestments sind die sinnvollsten Investitionen.

Der Fokus sollte auf starken Unternehmen mit sauberen Bilanzen und attraktiven Gewinnprognosen liegen. Idealerweise kauft man Aktien natürlich günstig ein. Profis versuchen, ihre Einkäufe so zu timen, dass die Kurse gerade niedrig sind. Das ist ebenso schwierig vorherzusagen wie das künftige wirtschaftliche Umfeld eines einzelnen Unternehmens.

Deswegen sollten gerade normale Anleger, die nicht rund um die Uhr das Börsenparkett im Blick haben wollen, ihr Kapital grundsätzlich streuen. Darüber hinaus empfehle ich regelmäßige Einzahlungen, am besten eng getaktet, etwa monatlich.

Seite drei: Gold und andere Edelmetalle zu empfehlen? [2]

Sollten die Kurse besonders niedrig oder hoch erscheinen, spricht trotzdem nichts dagegen, die Höhe der Einzahlungen zu variieren. Wichtig ist aber, kontinuierlich zu investieren.

Bei langfristigen Anlagen sinkt die Bedeutung des Timings: Wer vor 25 Jahren bei einem Stand von 1.000 Punkten in den deutschen Aktienindex Dax investiert hat, hat sein Geld heute verachtfacht. Ein Einstieg bei 1.200 Punkten hat immer noch zu dem heute siebenfachen Wert geführt.

Eine große Zahl Vermögensverwalter empfiehlt ihren Kunden Gold und andere Edelmetalle. Teilen Sie diese Meinung?

Dirk Müller: Ja, unbedingt. Der Prozentsatz muss individuell verschieden ausfallen, aber rund zehn Prozent Edelmetall, Gold präferiert, gehören in jeden Haushalt. Der Grund ist nicht die Angst vor einer großen Weltwirtschaftskrise oder die Hoffnung auf eine extreme Rendite.

Edelmetalle diversifizieren die eigene Kapitalanlage. Etwas zu besitzen, was nie wertlos werden kann, hilft, besser zu schlafen.

Sehen Sie die Chance, dass die alte Wirtschaftswelt wieder auf die Beine und zu ungestütztem Wachstum kommt?

Dirk Müller: Ja, selbstverständlich. Blicken wir auf Europa: Weder eine kompromisslose Sparpolitik noch neue Schuldenberge bringen die Lösung. Konkret kommen Länder wie etwa Italien, Spanien oder auch Griechenland nicht voran, weil es an der Planungssicherheit für Unternehmer fehlt.

Es gibt keine verbindlichen Pläne für Steuergesetze, Umweltauflagen und ähnliches. Kein Unternehmen, ob Blumenverkäufer oder Großkonzern, kann unter diesen Umständen planen. Unsicherheit ist die größte Belastung für die Wirtschaft.

Die Probleme der angeschlagenen Länder – verkrusteter Arbeitsmarkt, nötige Reformen bei Steuergesetzen, etc. – sind im Detail verschieden, aber das Grundproblem ist gleich. Die EU braucht Masterpläne für jedes Land.

Eine geeignete Möglichkeit der schuldenfreien Maßnahmenfinanzierung wären staatlich garantierte Infrastrukturfonds, die privates Kapital anlocken können. Versicherungen beispielsweise suchen händeringend nach Anlagechancen.

Ihr jüngstes Buch befasst sich mit den Ursachen der Krise in Griechenland. Warum halten Sie das noch für wichtig?

Dirk Müller: Griechenland war der Auslöser der Eurokrise. Und dort zeigen sich die geostrategischen Zusammenhänge. Große Rohstoffvorkommen im Mittelmeer und die Vormacht des US-Dollar spielen eine wesentliche Rolle. Die Belege meiner Recherchen sind allesamt online in einem Quellenverzeichnis auf der Plattform Cashkurs.com nachzulesen.

Interview: Marc Radke

Foto: Dirk Müller