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Fondsmarkt: Evolution des Sparens gefragt

Die Aussichten der Fondsbranche in Deutschland scheinen rosig zu sein. Wird das Fondsgeschäft zum Selbstläufer? Nein, bei Weitem nicht. Es lassen sich bei den Herausforderungen drei Themenkomplexe unterscheiden: der Kapitalmarkt, die Regulierung, insbesondere vertriebsseitig, und das Verhalten der Anleger.

Hans Joachim Reinke, Union Investment Gruppe

Hans Joachim Reinke, Union Investment: “Auf der Vertriebsseite ist die größte Gefahr ebenfalls noch nicht abgewendet: Obwohl der deutsche Gesetzgeber die Honorar- mit der Provisionsberatung gleichberechtigt nebeneinander gelten lässt, gibt es nach wie vor Bestrebungen, die Provisionsberatung zu verbieten”.

An den Kapitalmärkten hat das Rückschlagpotenzial nach einem rund sechsjährigen Bullenmarkt deutlich zugenommen.

Nervosität der Anleger gestiegen

Die Nervosität der Anleger und damit einhergehend die Volatilität [1] sind spürbar gestiegen.

Gründe gibt es genug: Die quälenden Verhandlungen der EU mit Griechenland [2], die fast zum Grexit geführt haben. Die Zweifel, ob es nicht eines Tages zum Ausscheiden von Großbritannien aus der EU kommen könnte.

Die geopolitischen Instabilitäten vor allem in Osteuropa und praktisch dem gesamten Nahen und Mittleren Osten tun ihr Übriges, die Märkte in Atem zu halten. Und was passiert mit der chinesischen Konjunktur, wenn diese erlahmt?

Aber auch auf den Immobilienmärkten läuft es nicht mehr nur rund. Der Konkurrenzdruck um begehrte Immobilien ist groß und hat das Preisniveau in einigen Sektoren und Regionen in Höhen getrieben, die es Investoren schwer machen, gute Objekte zu angemessenen Preisen zu erwerben.

Ungemach von der Regulierungsseite

Auch von der Regulierungsseite droht nach wie vor Ungemach. Die Finanztransaktionssteuer [3] ist noch immer nicht vom Tisch, da muss die Branche bereits Obacht geben und sich dafür einsetzen, dass mit der Investmentsteuerreform keine weitere verkappte Steuererhöhung für Anleger eingeführt wird.

Zumal mit der diskutierten Abschaffung der Abgeltungssteuer ja nicht der Zustand vor 2009 wieder in Kraft treten soll, sondern Anleger mit ihrem persönlichen und damit in der Regel deutlich höheren Steuersatz zur Kasse gebeten werden sollen.

Anders als in anderen Ländern, in denen durch steuerliche Anreize die so dringend benötigte zusätzliche kapitalgedeckte Altersvorsorge gefördert wird, läuft die deutsche Politik offensichtlich eher ideologisch als sachlogisch motiviert in die völlig falsche Richtung und diskriminiert insbesondere die Beteiligung am Produktivvermögen, sprich Unternehmen, in Form der Aktie auf vielfältige Weise.

Seite zwei: Wertpapiersparen fördern [4]

Anstatt also über die Finanztransaktionssteuer oder die Abschaffung der Abgeltungssteuer zu diskutieren, böte es sich an, die regulatorischen Hindernisse für das Sparen [5] in Substanzwerten zu beseitigen. Denn andere Länder fördern das Wertpapiersparen, während Deutschland es benachteiligt.

Dividenden werden hierzulande mit Körperschaft-, Gewerbe- und Abgeltungssteuer insgesamt mit rund 50 Prozent belastet. Die unter den niedrigen Zinsen leidenden Lebensversicherungen [6] werden dabei steuerlich bevorzugt, da sie nur mit dem halben Einkommenssteuersatz belastet werden.

Fonds und andere Anlagen unterliegen dagegen der Abgeltungssteuer, die zuzüglich Soli und gegebenenfalls Kirchensteuer bei über 26 Prozent liegt. Diese Ungleichbehandlung ist ökonomisch und ordnungspolitisch nicht zu rechtfertigen. Sie setzt sich unter anderem fort bei den Provisionen im Vertrieb und den Beratungsprotokollen.

Im Wettbewerb der Finanzprodukte übt dieses Regulierungsgefälle eine Lenkungswirkung weg vom Wertpapier und hin zu anderen – zumeist zinsbasierten – Anlageprodukten aus. Deshalb müssen nicht nur die Beratungsprotokolle [7] auf den Prüfstand.

Größte Gefahr auf der Vertriebsseite

Die Regulierung muss künftig auch berücksichtigen, wie das Sparen in Anlageformen gelenkt werden kann, die der Verbraucher für die Sicherung seines Wohlstands einsetzen kann.

Auf der Vertriebsseite ist die größte Gefahr ebenfalls noch nicht abgewendet: Obwohl der deutsche Gesetzgeber die Honorar- mit der Provisionsberatung gleichberechtigt nebeneinander gelten lässt, gibt es nach wie vor Bestrebungen, die Provisionsberatung, wie in Großbritannien [8] und den Niederlanden bereits geschehen, zu verbieten.

Abgesehen davon, dass ein solcher Schritt praktisch die gesamten Geschäftsmodelle von Banken, Sparkassen und fast aller Finanzvertriebe infrage stellen würde, sind die Folgen einer solchen Regelung insbesondere in England bereits sichtbar geworden: Menschen, die nicht mindestens über eine Liquidität von 100.000 bis 150.000 Euro verfügen, erhalten keine Beratung mehr und sind de facto vom Kapitalmarkt abgeschnitten worden.

Spreizung zwischen Arm und Reich

Gerade diejenigen Bevölkerungsschichten, die aufgrund ihres relativ geringeren Vermögens besonders darauf angewiesen sind, zusätzliche Einnahmequellen zu erschließen, können sich keine kostenpflichtige Beratung leisten.

Die Folge wäre eine weitere Spreizung zwischen Arm und Reich und damit genau das sozialpolitische Gegenteil dessen, was die Politik und die ihr angeschlossenen Verbraucherschützer vorgeben erreichen zu wollen.

Seite drei: Evolution des Sparens ist gefragt [9]

Kommen wir zum dritten und wichtigsten Themenkomplex, dem Anleger. Bisher fällt es deutschen Anlegern schwer, sich von ihrem tradierten Sparverhalten nach dem Motto “Hauptsache sicher” zu lösen.

Nach wie vor liegen vier von fünf Euro in Einlagen, festverzinslichen Wertpapieren oder kapitalbildenden Versicherungen. Aktuell sind das 81 Prozent des Geldvermögens, das derzeit praktisch kein zusätzliches Einkommen mehr erwirtschaftet.

Anleger nehmen für vermeintlich mehr Sicherheit und Flexibilität bewusst Renditeeinbußen in Kauf. Die alten Muster in der Geldanlage funktionieren aber nicht mehr. Diese Erkenntnis verbreitet sich jedoch nur langsam.

Evolution des Sparens ist gefragt

Die Ergebnisse des aktuellen Anlegerbarometers von Forsa im Auftrag von Union Investment belegen, dass die Befragten der Meinung sind, mit aktienbasierten Anlagen die höchsten Erträge zu erzielen. Aber weniger als jeder Fünfte ist bereit, für diesen Mehrwert auch höhere Risiken einzugehen.

Niedrige Zinsen [10] schädigen nicht zwingend dauerhaft die Sparkultur. Entscheidend ist, dass sie sich weiterentwickelt, damit Vermögensaufbau auch in Zukunft funktioniert. Eine Evolution des Sparens ist gefragt.

Anleger müssen sich dabei nicht vollständig umstellen. Es reicht schon aus, an wenigen Stellschrauben leicht zu drehen und dabei sein Sicherheitsverständnis etwas weiterzuentwickeln. Das kann nur individuell erfolgen, denn die Lösung muss zum Bedarf und zu den Möglichkeiten des einzelnen Anlegers passen.

Oft ist es sogar einfacher, als viele denken. So sind etwa Fondssparpläne ein häufig unterschätztes, aber extrem einfaches und flexibles Mittel um Vermögen zu bilden oder allmählich umzuschichten. Und gerade bei diesen langfristigen Sparprozessen kommen die Vorteile einer Fondsanlage zum Tragen.

Ein reales Beispiel verdeutlicht das: Wer etwa in der Vergangenheit 20 Jahre lang einen Sparplan auf den Aktienfonds Uni-Global bediente, konnte mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit eine Jahresrendite von mehr als fünf Prozent erzielen, während das Verlustrisiko gleichzeitig gegen null tendierte.

Mit Fonds fokussieren Anleger auf den langfristigen Anlageerfolg. Die ernstzunehmenden kurzfristigen Verlustängste der Menschen können so in den Hintergrund treten.

Autor Hans Joachim Reinke ist Vorstandsvorsitzender der Union Investment Gruppe.

Foto: Union Investment