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“Der Aufwärtstrend an den Börsen ist intakt”

Nach dem Brexit-Votum standen die Finanzmärkte kurzzeitig unter Druck. Allerdings geht die Welt von diesem Ereignis nicht unter. Der Kapitalmarkt wird die Situation verkraften, sagt Prof. Dr. Michael Heise, Chefvolkswirt beim Versicherungskonzern Allianz.

Cash.: Wie schätzen Sie mittelfristig die Höhe des Wirtschaftswachstums im Vereinigten Königreich ein und welchen quantifizierbaren Effekt hat hierbei das Brexit [1]-Referendum auf die Konjunktur?

Heise: Das Austritts-Votum der Briten bringt hohe Unsicherheit in die Erwartungen der Unternehmen und Konsumenten und es wird Investitions- und Konsumzurückhaltung zur Folge haben. Wie stark diese Verunsicherung wirkt, ist schwer zu quantifizieren. Wir haben unsere Wachstumsprognose für Großbritannien für 2016 von 1,9 Prozent auf 1,0 Prozent und für 2017 von 2,1 Prozent auf 1,0 Prozent gesenkt.

Der Wachstumsverlust kann aber auch größer werden und in eine Rezession führen, wenn die Austrittsverhandlungen zögerlich und konfliktreich verlaufen. Langfristig wird sich das Wirtschaftswachstum in Großbritannien [2] allerdings wieder erholen.

Wir rechnen jedenfalls damit, dass Großbritannien und die EU ein Freihandelsabkommen ohne größere Belastungen für die Handelsbeziehungen vereinbaren. Großbritannien dürfte auch einen weitgehenden Zugang zum Binnenmarkt behalten, da es bereit sein dürfte, die Regeln der EU in wichtigen Bereichen weiterhin anzuwenden.

Wie groß ist der ökonomische Dämpfer für Deutschland und den Rest der EU-27-Staaten?

Der Dämpfer wird für Deutschland und die EU-27 geringer sein als für Großbritannien selbst. Aber auch bei uns werden sich die wirtschaftlichen Erwartungen zunächst eintrüben. Belastungen kommen vom Export nach Großbritannien, der unter der zu erwartenden wirtschaftlichen Schwäche der britischen Wirtschaft und der Aufwertung des Euro gegenüber dem Pfund leiden wird.

Wir rechnen im dritten und vierten Quartal dieses Jahres mit einer leichten Abschwächung des Wachstums im Euroraum, die aber im Verlauf von 2017 auch vor dem Hintergrund eines relativ stabilen Arbeitsmarktes wieder überwunden wird.

Im Jahresdurchschnitt dürfte die deutsche Wirtschaft [3] 2016 immer noch um 1,8 Prozent (bisher 2,2 Prozent) und die Wirtschaft im Euroraum um 1,5 Prozent (bisher 1,7 Prozent) wachsen. Im Jahr 2017 rechnen wir nun mit jeweils 1,6 Prozent Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt (bisher 1,9 und 1,8 Prozent).

 

Seite zwei: Die EZB wird eine ruhige Hand bewahren [4]

Wird die europäische Zentralbank mittelfristig aufgrund des Brexits [5] ihre Geldpolitik noch weiter lockern und wann sehen Sie langfristig wieder steigende Zinsen für die Eurozone?

Da die EZB im März 2016 ein umfangreiches Bündel an Lockerungsmaßnahmen beschlossen hat, wird sie jetzt eine abwartende Haltung einnehmen. Solange es nicht zu gravierenden Finanzmarktturbulenzen kommt, wird die EZB eine ruhige Hand bewahren.

Eine Ausweitung des Anleihekaufprogramms würde zunächst Anpassungen bei den existierenden Schwellenwerten oder Kaufschlüsseln voraussetzen, da sonst keine zusätzlichen Anleihekäufe möglich wären. Im Extremfall könnten auch Aktienkäufe erwogen werden. Im Endergebnis dürfte sich der Ausstieg aus der ultra-lockeren Geldpolitik verzögern.

Spätestens gegen Ende dieses Jahres wird die EZB [6] sagen müssen, ob und wenn ja in welcher Weise sie ab Ende März 2017 mit einem Tapering beginnt oder das Anleihekaufprogramm länger laufen lässt. Von der Nullzinspolitik wird man in jedem Fall erst danach in einem zweiten Schritt abgehen.

Wie schätzen Sie nach den jüngsten Ereignissen die Entwicklung bei den Wechselkursen Euro/US-Dollar und Euro/Britisches Pfund ein?

Die Abwertung des Pfundes [7] gegenüber dem Euro ist nicht überraschend und wird wohl solange Bestand haben, bis erfolgversprechende Handlungsergebnisse zwischen Großbritannien und der EU sichtbar werden.

Sollte es der britischen Regierung nicht gelingen, eine erfolgversprechende Strategie für die Verhandlungen mit der EU zu präsentieren, ist es gut möglich, dass es noch weiter abwärts geht. Die Kursschwankungen des Euro gegenüber dem Dollar sollten sich eher in Grenzen halten. Wir erwarten keine nachhaltige Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar. Die amerikanische Notenbank dürfte einem zu starken Dollar entgegenwirken, indem sie Zinserhöhungen noch weiter in die Zukunft verschiebt.

Wie sind Ihre Erwartungen für den deutschen und den europäischen Aktienmarkt?

Die Schockwellen an den globalen Finanzmärkten sind bereits wieder etwas abgeklungen. Aber angesichts der großen wirtschaftlichen und politischen Ungewissheit ist auch in den kommenden Wochen mit anhaltenden Marktschwankungen zu rechnen.

Im Trend dürfte aber eine Erholung an den Aktienmärkten bleiben, wenn die konjunkturelle Aufwärtsentwicklung im Euroraum, wie wir erwarten, erhalten bleibt. Der Dax könnte trotz des Brexit-Votums [8] Ende dieses Jahres wieder sein Niveau vom Jahreswechsel 2015/16 von rund 10.500 erreichen. Insgesamt halte ich den Aufwärtstrend an den Börsen noch für intakt.

Interview: Tim Rademacher

Foto: Dirk Beichert

Lesen Sie das vollständige Interview im aktuellen Cash.-Magazin 09/2016 [9].