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Die EZB versucht die Konjunktur zu retten, ohne sie retten zu können

Die EZB kauft seit Jahren umfänglich Staatsanleihen, Kreditverbriefungen und Pfandbriefe sowie seit Juni zusätzlich Unternehmensanleihen. So will sie Unternehmen durch Reduzierung von Zinssätzen und Verniedlichung von Absatzproblemen neuer Schuldtitel Anreize für mehr Investitionen geben. Allein mit Leitzinsen von null ist heutzutage längst kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Die Halver-Kolumne 

Robert Halver, Baader Bank

Leider ist diese Rettungsmission der EZB bislang nicht von realwirtschaftlichem Erfolg gekrönt. Daher setzt sie ihren Anleihekaufrausch munter fort. Jedoch wird mittlerweile das Angebot an Schuldtiteln, die die Ankaufbedingungen erfüllen, immer kleiner. Spätestens im Frühjahr 2017 ist der Markt für deutsche Staatspapiere ausverkauft. Zwar könnte man das Angebot durch die Lockerung der Klauseln für kaufbare Papiere ausweiten. Aber einerseits würde sich damit die Angebotsverknappung zeitlich nur hinauszögern. Und andererseits wird die EZB immer mehr zum Endlager, zur Mülldeponie bonitätsschwacher Anleihen mit Ausfallpotenzial.

Nächster geldpolitischer Tabubruch

Vor diesem Hintergrund mehren sich die Stimmen von Finanzexperten, die EZB solle ihr Kaufprogramm auf Aktien ausdehnen. Der nächste geldpolitische Tabubruch ist eingeleitet. Als Blaupause dient die japanische Notenbank, die bei zahlreichen Aktien des japanischen Leitindex Nikkei 225 bereits zum Großeigner wurde. Laut Finanznachrichtendienst Bloomberg dürfte die Notenbank bis Ende 2017 sogar bei 55 Firmen größter Anleger sein.

In der Tat scheint dieses japanische Instrument zur wirtschaftlichen Gesundung auch bei den (geld-)politischen Entscheidungsträgern der Eurozone – hinter vorgehaltener Hand – immer hoffähiger zu werden. Kursgewinne über geldpolitische Aktienkäufe sollen die bislang investitionsschüchternen Unternehmen animieren, über Kapitalerhöhungen mehr zu investieren. Darüber erhofft man sich auch positive Vermögenseffekte, die eine freundliche Konsumstimmung fördern. Nicht zuletzt könnte die EZB bei Käufen Euro-ausländischer Aktien sogar Währungsabwertungspolitik im Sinne einer Exportförderung betreiben. Und die EZB käme in den Genuss hoher Dividendenrenditen, die die schwachen Anleiherenditen um Längen schlagen.

Seite zwei: Die EZB perfektioniert den geldpolitischen Sozialismus [1]

Was für eine herrliche Vision, oder? Nicht so schnell! Dieses geldpolitische Projekt “Aktienkauf” setzt nämlich voraus, dass die EZB einen sehr langen Atem hat. Sie ist dann ohnmächtig dazu gezwungen – wie bei Anleihen – immer allmächtig zu sein. Denn hält sie sich bei Aktienkäufen zurück oder verkauft sie sogar Aktien, käme es umgehend zu massiven Kurseinbrüchen mit wirtschaftspsychologischer Stimmungseintrübung. Und erst recht bei exogenen Schocks an den Aktienmärkten durch schwarze Schwäne wäre der “polit-moralische” Druck auf die EZB riesengroß, stützend einzugreifen. Das müsste unsere Notenbank schon aus eigenen Motiven tun, da über Kursverluste die Anlagebestände der EZB Schaden nähmen. Aus dieser neuen geldpolitischen Rettungsnummer käme die EZB nicht mehr heraus. Sie säße in der Falle, im Mauseloch und draußen warten die Katzen.

Planwirtschaftliche Aktienkursbevormundung

Übrigens stellen sich bei dieser neuen unkonventionellen geldpolitischen Lust viele technische Fragen. Im Vergleich zur japanischen Notenbank ist die EZB eine Dach-Notenbank. Sie müsste sich nicht nur um einen, sondern um gleich 19 nationale Aktienmärkte kümmern. Aber welche Aktien soll sie denn nach welchen Schlüsseln kaufen? Kauft sie Aktien strukturschwacher Länder, um diesen gegenüber den wirtschaftsstärkeren Euro-Ländern besondere Unterstützung zukommen zu lassen? Oder kauft sie nach Größe des Aktienmarkts? Dann würden deutsche Aktien wie deutsche Anleihen besonders profitieren. Böses Blut der ohnehin kritischen Euro-Staaten wäre vorprogrammiert. Gibt es Bonitätsvorgaben der aufzukaufenden Unternehmensaktien? Wenn ja, kämen ausgerechnet die Unternehmen in den Genuss von Aktienkäufen, die diesen Vorteil am wenigsten benötigen. Werden dagegen schwerpunktmäßig finanzschwache Unternehmen begünstigt, gewährt man ihnen im Extremfall lebensverlängernde Maßnahmen zu gewähren, obwohl sie die in einem ordentlichen marktwirtschaftlichen Umfeld abgewickelt werden sollten.

Und stellen Sie sich einmal die arbeitstechnische Revolution bei Aktienanalysten vor. Waren bis dato fundamentale Argumente für Kauf bzw. Verkauf einer Aktie ausschlaggebend, gerieten diese gegenüber dem Totschlag-Kaufargument der Geldpolitik ins Hintertreffen. Diesen Problemen auf Einzelaktienebene könnte man mit dem Kauf von ETF’s, die auf Aktienindices basieren, zwar teilweise entgegenwirken. Doch die grundsätzlichen Konflikte planwirtschaftlicher Aktienkursbevormundung blieben bestehen. Die Marktwirtschaft ist bereits an den Anleihemärkten durch das dirigistische Eingreifen der EZB beendet worden. Kauft sie auch noch hemmungslos Aktien auf, setzt sich der Siegeszug des geldpolitischen Sozialismus fort.

Seite drei: Zweifel an Investitionstätigkeit [2]

Ohnehin stellt sich die Frage, ob Unternehmen die geschönte Kurssituation überhaupt für Kapitalerhöhungen im Sinne ordentlicher Investitionen nutzen. Denn da die Aktienkursentwicklung dann weniger von renditeorientierter Unternehmensführung abhängen, könnten auch “Schnapsideen” finanziert werden. Fehlallokationen auch zum Schaden der Volkswirtschaft wären nicht zu verhindern. Aber selbst wenn Unternehmen sinnvolle Investitionen tätigen, ist fraglich, ob diese überhaupt der Eurozone und nicht Nordamerika oder den Schwellenländern zugutekommen.

Und welche Handlungsalternativen hat die EZB dann noch, wenn sie realisiert, dass ebenso Aktienkäufe nicht zum gewünschten Erfolg führen? Kommt sie dann auf die nächste fixe Idee und kauft großflächig Immobilien auf? Zum Schluss hätte der geldpolitische Sozialismus alle großen Anlageklassen erfasst, ohne konjunkturell wirklich etwas bewirkt zu haben. Im schlimmsten Fall kommt es fördert kommt es zu. Angesichts dieser Kollateralschäden der Schnapsidee “Aktienkäufe” seitens der EZB, sollten die Anleger liebend gern auf hohe, aber beschwipste Aktienkurse verzichten.

Die Ursache des Konjunkturproblems liegt woanders

Wann versteht man in der Eurozone endlich, dass der wirtschaftliche Aufschwung nicht an mangelnder geldpolitischer Üppigkeit scheitert. Wir haben kein Angebots-, sondern ein Nachfrageproblem! Unsere schwache Euro-Konjunktur – auch Deutschland ist nur der Einäugige unter den Blinden – liegt vor allem an reform- und wettbewerbsverweigernden Politikern in den Euro-Staaten, die kein investitionsfreundliches Klima schaffen. Leider wird genau dieses in den Emerging Markets und in Nordamerika immer mehr an den Tag gelegt wird. Da braucht sich kein Euro-Politiker über die selbstverschuldete Wirtschaftsschwäche in Euroland zu wundern.

Was nutzt der Eurozone der geldpolitisch günstigste Sprit, wenn das Euro-Auto einen wirtschaftspolitischen Motorschaden hat?

Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieranalyse und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums 1990. Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator. Er ist aus Funk und Fernsehen bekannt und schreibt regelmäßig für Cash.

Foto: Baader Bank