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Die kleinen Perlen an der Wall Street

Dr. Christian Funke, Vorstand von Source For Alpha sprach mit Cash. über die Vorzüge von Blue-Chips und Nebenwerten an der Wall Street.

Christian Funke spricht über die Vorteile von US-Nebenwerten.

Cash: Bislang konzentrieren sich viele deutsche Anleger nur auf Blue-Chips in den USA. Welche Vorteile bietet diese Assetklasse europäischen Investoren?

Der wesentliche Vorteil von US-Aktien gegenüber europäischen Titeln ist ihr deutlich geringeres Risiko. Die meisten Investoren unterliegen einem starken „Home Bias“ –  das heißt, sie investieren vor allem in Aktien ihres Heimatmarktes. Für europäische Anleger hat sich die Konzentration auf den europäischen Aktienmarkt in den vergangenen Jahren aber als riskant erwiesen: Im Zuge der Eurokrise hat sich Europa zum Problemzentrum der internationalen Kapitalmärkte entwickelt. Selbst kleinere Probleme befeuerten die Angst der Investoren vor einem erneuten Aufflackern dieser Situatio. Dies führte dazu, dass die europäischen Aktienmärkte gerade in Stresssituationen deutliche Kursrückschläge aufwiesen.

Ganz anders verhielt es sich hingegen beim US-Kapitalmarkt. Dieser hat sich als „sicherer Aktienhafen“ etabliert – das heißt, gerade in Krisenzeiten flohen die Investoren immer wieder in US-Aktien und den US-Dollar, um die Turbulenzen in Europa zu überstehen. Ein Vergleich der historischen Renditen bestätigt diese Überlegungen: In den vergangenen fünf Jahren zeigte der US-Aktienindex S&P 500 aus Sicht eines Euro-Investors wesentlich geringere Verluste zu den „Krisenhöhepunkten“ Sommer 2011, Frühjahr 2012 sowie Frühjahr/Sommer 2015 als wir sie am europäischen Aktienmarkt erlebt habe. Für konservativere Aktienanleger ist es daher ratsam, einen signifikanten Anteil ihres Portfolios in US-Aktien zu investieren, um das Risiko ihres Portfolios deutlich zu senken.

Welche Vorzüge bieten Small Caps in den USA?

Aus Renditesicht haben Small-Cap-Werte einen entscheidenden Vorteil: Sie entwickeln sich auf lange Sicht deutlich besser als der Gesamtmarkt. Aus der Risikoperspektive bieten sie eine zusätzliche Diversifikationsmöglichkeit, das heißt, ein Anleger kann durch Beimischung von Small-Caps sein Portfoliorisiko deutlich verringern. Besonders interessant sind Small-Cap-Werte für aktive Aktienpicker: Die relativ geringen Handelsvolumina machen eine effiziente Informationsverarbeitung innerhalb des Nebenwerteuniversum schwierig. Daher ist es für aktive Aktienmanager deutlich einfacher, in diesem Segment unterbewertete Titel zu identifizieren.

Seite zwei: Welche Asset-Klasse die beste Entwicklung zeigte [1]

Welche der beiden Asset-Klassen entwickelte sich in der Vergangenheit besser?

Auf lange Sicht haben Small-Cap-Werte höhere Renditen als die klassischen Standardwerte erzielt. Allerdings zeigt die Kapitalmarktforschung, dass die Überrendite der Nebenwerte fast komplett in Zeiten einer expansiven Geldpolitik stattfindet. Die Ursache hierfür ist wie folgt: Geldpolitische Liquiditätszufuhren haben einen starken Einfluss auf die Liquiditätssituation am Aktienmarkt. Small- und Mid-Cap-Aktien sind deutlich illiquider als die Aktien von Großunternehmen. Eine deutliche Liquiditätszufuhr durch die Notenbanken wirkt sich daher besonders positiv auf diese Werte aus. Dieser Zusammenhang wurde auch während der letzten großen Anleihekaufprogramme der US-Notenbank deutlich. In allen drei Phasen des Quantitative Easing durch die Federal Reserve verzeichnete der S&P 400 Midcap eine deutlich Überrendite gegenüber dem S&P 500. Seit Ablauf des jüngsten Anleihekaufprogramms Ende 2014 hinkt der S&P 400 Midcap dem S&P 500 jedoch hinterher.

Welche Asset-Klasse würden Sie favorisieren?

Auf strategischer Ebene spricht vieles für eine hohe Gewichtung von Nebenwerten, da diese auf lange Sicht eine bessere Performance als Blue-Chips aufweisen. Anzumerken ist jedoch, dass die US-Notenbank spätestens seit der Zinserhöhung im Dezember 2015 von einer expansiven Geldpolitik zu einer eher restriktiven Geldpolitik übergegangen ist. Da die Überrendite von Small-Caps historisch fast ausschließlich in Phasen einer expansiven Geldpolitik konzentriert war, spricht auf taktischer Ebene vieles für die klassischen Large-Caps.

Wie stark korrelieren Small-Caps mit dem S&P 500 oder dem Gesamtmarkt? Welche Branchen und Themen sind bei Small Caps in den Vereinigten Staaten derzeit besonders spannend?

 Derzeit sind die Korrelationen zwischen den einzelnen US-Indices relativ hoch. So betrug die Korrelation zwischen dem S&P 500 und dem S&P 400 Midcap über die letzten fünf Jahre ungefähr 0,95. Diese Korrelation variiert jedoch erheblich im Zeitverlauf. So hatte sie bspw. zum Höhepunkt der Technologieblase um die Jahrtausendwende lediglich einen Wert von ungefähr 0,8. Zu dieser Zeit wies der S&P 500 erhebliche Klumpenrisiken im Technologiebereich auf. Aus der Risikoperspektive hatten daher Nebenwerte zum damaligen Zeitpunkt noch deutlichere Diversifikationsvorteile als heute. Besonders interessant sind die Nebenwerteindices für Investoren mit einer Vorliebe für Industriewerte. Diese sind im Small-Cap-Bereich deutlich höher gewichtet als im S&P 500. Technologie- und Telekommunikationswerte findet man hingegen deutlich weniger häufig.

Seite drei: Attraktive US-Einzelwerte [2]

Können Sie momentan attraktive Einzelwerte nennen?

 In den vergangenen Jahren vollzogen mehrere große amerikanische Aktiengesellschaften die Trennung von kleineren Geschäftssparten, die danach als eigenständige Unternehmen an der Börse gehandelt wurden. Die empirische Kapitalmarktforschung hat gezeigt, dass sich diese sogenannten Spin-offs häufig deutlich besser entwickeln als der Vergleichsindex – vermutlich da die neuen Aktiengesellschaften aufgrund ihrer Unbekanntheit den klassischen Präferenzen institutioneller Anleger widersprechen.

Unsere eigenen Untersuchungen bestätigen die Wissenschaftler: Seit 1990 wurden mehr als 250 Spin-offs in den USA durchgeführt. In den ersten zwei Jahren nach der Abtrennung haben sich die Titel im Schnitt deutlich besser entwickelt als der S&P 500. Im Small-Cap-Bereich halten wir Spin-offs daher für eine sinnvolle Beimischung, um das Renditepotential des Portfolios zu erhöhen. Jüngere Beispiele in welche wir investiert haben, sind der Konsumgüterhersteller Energizer sowie das Medienunternehmen Cable One.

Wie können Anleger sich vor der hohen Volatilität bei Small Caps absichern?

Viele Investoren scheuen das hohe Risiko von Small Cap Investments. Aufgrund der hohen Volatilitäten im Nebenwertebereich ist die Absicherung über Derivate leider häufig relativ teuer. Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist ein Investment in defensive Unternehmen – d.h. Aktien mit einer geringen Volatilität bzw. einer geringen Marktsensitivität (Beta). Häufig sind dies Firmen aus eher „langweiligen“ Branchen wie Konsumgüterhersteller, Sachversicherungen, etc. Diese Unternehmen haben gut prognostizierbare Gewinne, wodurch ihre Aktienrenditen erheblich geringeren Schwankungen unterliegen als andere Titel. Die empirische Kapitalmarktforschung hat das Renditeverhalten dieser defensiven Aktien intensiv analysiert.

Interessant ist, dass Anleger für das deutlich geringere Risiko keinen Renditemalus in Kauf nehmen müssen. Im Gegenteil Aktien mit einem geringen Risiko haben ähnlich hohe bzw. sogar höhere Renditen, als Aktien mit einem hohen Risiko – d.h. es ist innerhalb des Aktiensegments möglich, die klassische Risiko-Rendite-Beziehung aufzubrechen. Unsere eigenen Analysen unterstützen die Untersuchungen der Wissenschaftler. Aus Investorensicht ist es nur konsequent, diese Situation auszunutzen. Anstatt klassische Small-Cap-Aktieninvestments mit vollem Kursrisiko beizumischen, sollten Anleger einen Teil ihres Portfolios in defensive Werte investieren. Dies ermöglicht ihnen eine gewisse Mindestrendite, ohne den Erhalt des Vermögens einem unnötig hohen Risiko auszusetzen.

Interview: Tim Rademacher

Foto: Source for Alpha