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“Wir werden Trump als Gründer der EU danken”

Ist Donald Trumps Wahlsieg ein Glücksfall für die EU? Wie stabil ist die Wirtschaft der USA? Wie sieht die Zukunft des Euro aus? Diese und weitere Fragen diskutierten Vertreter aus Politik und Wirtschaft auf dem Amundi World Investment Forum 2017.

Moderator Adrian Dearnell im Gespräch mit Martin Feldstein.

2016 war das Jahr der Umbrüche, 2017 ist das Jahr der daraus folgenden Unsicherheit, auch wenn die Volatilität an den Aktienmärkten diese noch maskiert. “Stützen der Stabilität sind Stützen der Instabilität geworden.”, sagt Sir Simon Fraser, ehemaliger Staatssekretär des Foreign and Commonwealth Office, über die USA und Großbritannien.

Auf dem Amundi World Investment Forum 2017 diskutierten Ökonomen gemeinsam mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft über die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, auf die Anleger und professionelle Investoren reagieren müssen.

Mehr als 400 Teilnehmern aus 50 Ländern folgten den Reden und Diskussionen, unter anderem von und mit: Angus Deaton, Gewinner des Nobelpreises für Wirtschaft 2015, Martin Feldstein, Professor für Wirtschaft an der Harvard Universität, Baroness Catherine Ashton, ehemalige Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik und Erste Vizepräsidentin der Europäischen Kommission und Sir Simon Fraser.

Trumps Tweets spiegeln nicht seine Politik

Am ersten Tag drehten sich die Diskussionen um Donald Trumps [1] Präsidentschaft, den Brexit, die Zukunft und Europas und die Politik der EZB.

“Das Verhalten des Präsidenten Donald Trumps, seine Fehlinformationen und Tweets sind sehr ‘unpräsidentenhaft’, aber er spricht damit zu seinen politischen Unterstützern”, sagt Martin Feldstein in seinem Impulsvortrag. “Der Schlüssel zum Verständnis der Trump-Administration liegt darin, Trumps Statements und seinen Tweets zu ignorieren, und stattdessen auf seine Handlungen zu achten, die das Gegenteil seiner Wahlkampf-Kampagne sind.”

Diese Aussage bekräftigte auch Catherine Ashton in der anschließenden Diskussion: “Im gewissen Maße befinden wir uns schon am Anfang der Lernkurve, wir müssen zwischen dem Tweet und der Maßnahme unterscheiden.”

Seite zwei: Brexit und Trump: Gute Nachrichten für die EU? [2]

Simon Fraser wies darauf hin, was Trumps Verhalten so problematisch macht: “Wenn es um Diplomatie geht, ist Rhetorik doch wichtig. Was Politiker zu ihrer Wählerschaft sagen wird von der ganzen Welt gehört.”

Trotz der scheinbar stabilen wirtschaftlichen Lage ist die Situation in den USA aufgrund der hohen Aktienkurse nach Ansicht Feldsteins äußerst fragil. Die niedrigen Zinsen hätten die Aktien überteuert, was einen Kurssturz war nicht unvermeidlich mache, aber wahrscheinlicher und auch gefährlicher. Hinzu komme das hohe Defizit des US-Haushaltes was sich in den nächsten Jahren eher erhöhen als verringern werde.

Brexit als Chance für Europa

Der auf Feldsteins Vortrag folgende Roundtable mit Catherine Ashton, Simon Fraser und dem ehemaligen Premierminister Italiens Enrico Letta, drehte sich um geopolitische Risiken, wie die Präsidentschaft Trumps, den Brexit und die europäischen Wahlen.

Enrico Letta zeigte sich zunächst optimistisch: “Der wichtigste Anstoß für Europa ist, dass wir jetzt alleine stehen und erwachsen sein müssen. Wie üblich braucht Europa externe Bedrohungen, davon hatten wir 2016 gleich zwei -fantastisch würde ich sagen- Trump und den Brexit. Am Ende dieser Periode werden wir Trump als Gründer der EU danken und ihn in eine Reihe mit Schuman und Co. stellen.”

Weniger Positiv sieht Simon Fraser den Brexit [3]: “Ich will, dass britische Politiker die Verantwortung übernehmen, indem sie den Brexit durchführen. Er wird sehr wahrscheinlich stattfinden. Die Frage ist, ob auf einem sehr schlechten, schlechten oder nicht ganz so schlechtem Weg.”

Der Euro wird überleben

Einig waren sich die Teilnehmer, dass der Wahlsieg Emmanuel Macrons eine gute Nachricht für Europa ist. “Wir brauchen eine ausgewogene Führung durch zwei EU-Mitglieder. Frankreich wird eine entscheidende Rolle dabei spielen, die Führung Europas auszubalancieren”, sagte Letta.

Auch der Euro wird überleben, davon sind Ashton und Fraser überzeugt. “Die Herausforderung sind die Rahmenbedingungen, wo Wirtschaft auf Politik trifft”, sagte Ashton. “Besonders Ökonomen unterschätzen den politischen Anteil des Euros”, ergänzte Fraser.

Die Themen Euro und EZB-Politik [4] griff auch der anschließende Roundtable auf, an dem unter anderem Dr. Jürgen Stark teilnahm, ehemaliger Chefsvolkswirt und Mitglied im Direktorium der EZB. “Die EZB ist noch entgegenkommender als auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. Den größten Einfluss hatte das Quantitative Easing auf die Renditen der Staatsanleihen, dadurch wurde das Ausfallrisiko maskiert.” Die EZB-Politik sei wenig effizient und eventuell auch gefährlich, durch ihre unbeabsichtigten Folgen.

Populismus entsteht nicht durch Ungleichheit

Höhepunkt des zweiten Tages war der Vortrag Angus Deatons über Einkommensungleichheit und ihre Folgen für die Gesellschaft. “Ergebnisgleichheit wird oft als wünschenswertes Ergebnis betrachtet, daran glaube ich nicht mehr”, sagt Deaton.

Er warnte davor, Gleichheit mit hohen Steuern erreichen zu wollen: “Die Gefahr ist, dass hohe Steuern Innovationen töten. Viele Vordenker sind sehr reich geworden und das ist nicht schlecht, sondern wünschenswert.”

“Nicht Ungleichheit treibt Populismus, sondern das Gefühl der Ungerechtigkeit: Wenn Betroffene denken, dass es anderen nur deshalb besser geht, weil sie selbst dafür schlechter gestellt sind”, sagte Deaton. (kl)

Foto: Amundi