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Fintechs: Noch ein Boom oder schon eine Blase?

Die Finanzbranche hielt dem Angriff der digitalen Konkurrenz überraschend lange stand. Und dass, obwohl die neuen Herausforderer mit Milliarden gepäppelt wurden. Jetzt zeigt sich: Die klassischen Banken gehen nicht unter, sie wandeln sich und verschlingen die Fintechs. Nur wenige werden eigenständig überleben.

Gastbeitrag von Michael Jensen, Moventum

Michael Jensen: “Das Hauptproblem der neuen Technologieunternehmen liegt im Aufbau eines verlässlichen und gewinnbringenden Kundenstamms.”

Im ersten Halbjahr 2017 wurden weltweit rund zwölf Milliarden Dollar in Fintechs [1] investiert. Die Zahl scheint enorm – jedoch ist sie vergleichsweise gering.

Denn bereits im vergangenen Jahr halbierte sich das weltweite Investitionsvolumen in Fintechs – von 46,7 Milliarden Dollar im Jahr 2015 auf 24,7 Milliarden in 2016.

Beobachter wie der Finanzinvestor J. Christopher Flowers gehen davon aus, dass 90 Prozent der Fintechs [2] scheitern werden. Weitere neun Prozent werden geschluckt und in Partnerschaften mit großen Finanzinstituten aufgehen.

Nur ein Prozent der Fintechs haben letztlich das Potenzial sich erfolgreich zu behaupten. Fragt sich nur, wer dieses eine Prozent ist. So ist Ernüchterung spürbar bei den Investoren und Venture Capital-Gebern.

“Fintech-Blase” befürchtet

Erinnerungen an den Internethype um den neuen Markt zur Jahrtausendwende und das Platzen der Dotcom-Blase [3] kommen hoch. Es war im März 2000 als die Spekulationsblase um die zuvor gehypten Internet-Startups platzte und eine schmerzliche Bereinigung der Märkte eingeläutet wurde.

Unzählige Unternehmen verließen schlagartig den Markt und die Investments vieler Anleger verpufften. Übrig blieben damals nur Wenige.

Der Fintech-Markt zeigt Parallelen auf: Erfolgsstories wie Paypal und N26 [4] in Deutschland lockten viele Investoren auf den Plan. In der Hoffnung das nächste Google zu entdecken, stürzten und stürzen sich Kapitalgeber auch noch heute auf die neuen Technologieunternehmen in der Finanzbranche.

Angesichts des immer öfter zu beobachtenden Niedergangs zunächst hochgelobter Geschäftskonzepte wie beispielsweise des Zahlungsdienstleisters Yapital oder des Anlagevermittlers Cashboard, überwiegt nun jedoch die Skepsis. Der Markt befürchtet ein Platzen der “Fintech-Blase”.

Seite zwei: Fintech-Markt vor Bereinigung [5]

Das Hauptproblem der neuen Technologieunternehmen [6] liegt im Aufbau eines verlässlichen und gewinnbringenden Kundenstamms. Die meisten Start-ups tun sich schwer von Null an und ohne Bekanntheitsgrad Kunden an sich zu binden.

Für den notwendigen Reputationsaufbau und das Marketing fehlt ihnen schlicht das Budget. Und schnelles Wachstum ist in diesem, von Investoren geprägten Markt, entscheidend.

Aktuell ist ein Shift zu beobachten: Fintechs wechseln ihre Geschäftsbereiche aus dem B2C-Feld in den B2B-Bereich und kooperieren vermehrt mit den klassischen Playern im Markt, die den dringend benötigten Zugang zu den Endkunden haben.

Fintech-Markt steht vor Bereinigung

So verkündete beispielsweise der Robo-Advisor Scalable Capital [7] Mitte September die Zusammenarbeit mit der ING-Diba. Und fast alle großen Lösungen im Robo-Advisor-Markt kooperieren mittlerweile mit einer großen Bank beziehungsweise treten ganz ins B2B-Geschäft ein.

Der Fintech-Markt steht vor einer gründlichen Bereinigung. Ob diese so disruptiv sein wird wie seinerzeit bei der Dotcom-Bereinigung [8], wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

Nur der Aufbau von Vertrieb, in welcher Form auch immer, kann das Überleben sichern oder auch gerade den Konkurs beschleunigen, denn Vertrieb kostet extra Geld, was meist nicht vorhanden ist.

Michael Jensen ist Executive Vice President von Moventum S.C.A.

Foto: Moventum /Shutterstock

 

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