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Neue Investmentchancen auf dem alten Kontinent

Es ist noch gar nicht lange her, da galt die Eurozone vielerorts als wenig aussichtsreiche Anlageregion. Zu wachstumsschwach und politisch zu unsicher lautete das Urteil, insbesondere bei Investoren aus Übersee. Dieses Bild hat sich gedreht – und zwar aus guten Gründen.

Gastkommentar von Max Holzer, Union Investment

Max Holzer sieht die europäischen Firmen in einer guten Verfassung.

Ein erster Punkt ist die Aufhellung des Konjunkturbildes. Nahezu alle Frühindikatoren befinden sich im Aufwärtstrend. Bestes Beispiel ist der vielbeachtete Einkaufsmanagerindex, der im März auf 56,4 Punkte kletterte. Zur Erinnerung: Ab 50 Zählern signalisiert das Barometer Wirtschaftswachstum [1]. Der aktuelle Wert liegt nicht nur deutlich über dieser Expansionsschwelle, sondern stellt außerdem die höchste Ausprägung seit April 2011 dar. Dabei sind es nicht nur die „üblichen Verdächtigen“ wie Deutschland, die zum Wachstum in der Eurozone beitragen. Auch in Spanien und in Frankreich ist der Konjunkturmotor angesprungen. Der französische Einkaufsmanagerindex markierte zum Beispiel m März mit einem Sprung auf 56,8 Zähler den höchsten Stand seit fast sechs Jahren.

Im Ergebnis rechnen wir bei Union Investment für den Euroraum als Ganzes mit einem Plus von 1,7 Prozent beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) für 2017. Das ist in der Höhe zwar immer noch ein moderater Wert, nach den Krisen der vergangenen Jahre aber eine beachtliche Steigerung. Hinzu kommt, dass der Aufschwung robuster wird – eben weil er sich auf mehr Säulen stützt. Für Frankreich sehen unsere Prognosen zum Beispiel einen Anstieg des BIP auf 1,4 Prozent (Vorjahr: 1,1 Prozent) vor. 2018 dürfte eine weitere Beschleunigung drin sein.

Firmen freuen sich über gute Geschäfte

Diese Erholung ist die Basis des zweiten Arguments für die Eurozone: der guten Verfassung des Unternehmenssektors. Über viele Jahre haben die hiesigen Konzerne die Erwartungen der Börse enttäuscht. “Schwaches Wachstum gleich schwache Gewinndynamik” hieß die Gleichung. Jetzt wird aus dem Nachteil ein Vorteil, denn mehr Wachstum bedeutet bessere Ertragschancen. Sichtbar wird dieser Trend bei den Schätzungen der Analysten. Die Gewinnerwartungen für die Eurozone [2] sind nicht nur höher als zuletzt, sie sind auch wesentlich robuster. Die in den Vorjahren typische, schrittweise Revidierung der (zu positiven) Analystenurteile nach unten hat bislang nicht stattgefunden. Warum? Weil es den Unternehmen tatsächlich besser geht.

Drittens sind die politischen Risiken gesunken. Die Parlamentswahl in den Niederlanden ist mit einem Sieg des (proeuropäischen) Ministerpräsidenten Rutte aus Marktsicht positiv verlaufen. Vor allem schnitt der Rechtspopulist Geert Wilders schlechter ab als die Umfragen zwischenzeitlich befürchten ließen. Darüber hinaus sind in Italien vorgezogene Neuwahlen, die nach dem Abgang des früheren Premiers Renzi zwischenzeitlich im Raum standen, unwahrscheinlicher geworden. Vor 2018 dürfte wohl keine Abstimmung über das Parlament in Rom angesetzt werden.

Seite zwei: Frankreich-Wahlen rücken in den Mittelpunkt [3]

Frankreich-Wahlen rücken in den Mittelpunkt

Noch wichtiger ist aber Frankreich [4]. Mit Emmanuel Macron hat dort ein sozial- und wirtschaftsliberaler Reform-Kandidat derzeit gute Aussichten, die Nachfolge von Präsident Hollande anzutreten. Damit wäre die Frage nach einem „Frexit“ – die nach den Erfahrungen von 2016 unterschwellig die Märkte beschäftigt – endgültig vom Tisch.

Die institutionellen Probleme der Eurozone sind damit zwar nicht gelöst. Aber die akute Gefährdungslage hat sich entspannt, entsprechend sinkt die damit verbundene Risikoprämie.

Aus Investorensicht sprechen damit drei starke Argumente für Anlagen im Euroraum. Dies gilt in erster Linie für die Aktienmärkte. Wir trauen den Unternehmen auf Indexebene ein Gewinnplus von rund 12 Prozent für 2017 zu – der beste Treibstoff für weitere Kursanstiege. Auch der Euro dürfte im Außenwert zulegen, allerdings wohl eher ab dem zweiten Halbjahr. Rentenpapiere, die üblicherweise im Konjunkturaufschwung an Attraktivität einbüßen, profitieren zudem bis auf weiteres vom Anleiheankaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB). Hier wirken zwei gegenläufige Effekte: Die gute Konjunktur setzt die Renditen zwar unter Aufwärtsdruck (und verursacht Kursverluste), die EZB wirkt jedoch genau in die andere Richtung. In Summe bietet der europäische Rentenmarkt zwar keine überbordenden Renditeaussichten, aber das Verlustpotenzial ist ebenfalls überschaubar.

EZB dürfte Geldhahn drosseln

Allerdings: Je länger das Jahr andauert, desto stärker dürfte eine Verringerung der geldpolitischen Unterstützung durch die EZB in den Fokus der Märkte rücken. Seit Anfang April erwirbt die Zentralbank „nur“ noch Anleihen im Volumen von 60 Mrd. Euro monatlich. Angesichts ihrer Ankauflimits (bei Emittent, Emission und Verzinsung) dürfte den Währungshütern aber spätestens zur Jahresmitte 2018 das kauffähige Material ausgehen. In Verbindung mit den verbesserten Konjunkturdaten sollte dies die EZB dazu bringen, ihre Maßnahmen weiter zurückzufahren – und zwar eher früher als später. Von diesem Schritt werden aber nicht alle europäischen Anlagen gleichermaßen betroffen sein. Einige (wie der Euro) werden profitieren, bei anderen (wie Aktien) werden die Wirkungen vom Einzelfall abhängig sein. Klar negativ sind die Effekte auf der Rentenseite.

Spricht dieser absehbare Verlust an geldpolitischem Rückenwind gegen ein Engagement in der Eurozone? Nein, denn insgesamt überwiegen die Chancen. Er unterstreicht aber die Notwendigkeit der genauen Differenzierung zwischen Assetklassen, Ländern, Branchen und Einzeltiteln. Und er zeigt die Bedeutung einer dynamischen Allokation im Zeitablauf. Denn wo gestern die Risiken überwogen, können heute die Chancen von morgen locken.

Max Holzer, Kapitalmarktstratege und Leiter Multi Asset Relative Return bei Union Investment, Frankfurt

Foto: Union Investment