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Smart-Beta-Produkte: Wer kauft schon billig an der Börse?

Wenn es nur so einfach wäre – billig kaufen und teuer verkaufen. Tatsache ist: Den meisten Investoren gelingt es nicht, diese einfache Börsenregel umzusetzen. Auch bei vielen Smart-Beta-Produkten tappen Investoren in diese Falle – doch man kann sie umgehen. Gastbeitrag von Dr. Sönke Siemßen, Nomura Asset Management Deutschland KAG mbH

Dr. Sönke Siemßen: “Im Smart-Beta-Raum finden sich gute und weniger gute Ansätze
sowie solche die an sich gut, aber vorübergehend überteuert sind.“

Investoren kaufen nicht billig – sie kaufen, was alle anderen gerade auch kaufen. Das ist vielfach nachgewiesen. Sie bevorzugen die aktuellen Gewinner unter den Aktien. Und sie meiden die Verlierer. Dasselbe gilt aber auch für Anlagestrategien – ob einfache Faktor-Strategien wie “Value” oder “Momentum [1]“, oder auch komplexere Smart-Beta-Strategien wie “RAFI Fundamental Index”, die als Vorbild dieses Segment mitbegründeten. Was derzeit unter Investoren angesagt ist, das kann sich unvermittelt ändern – aber ihre Neigung für alles, was gerade angesagt ist, bleibt beständig. Antizyklisches Investieren? Fehlanzeige!

Viele Anbieter passiver Strategien legen Produkte auf, die genau diese Neigung bedienen: In dem Wissen, dass Investoren die aktuellen Gewinner bevorzugen, wählen sie für neue Produkte unter Tausenden verfügbarer Faktor-, Style- oder sonstiger Strategie-Indizes immer die aktuellen Outperformer aus – und damit die nahezu sicheren Verlierer der Zukunft. Dass rein “passive” Anbieter, bisher insbesondere auf traditionelle marktkapitalisierte Indizes fokussiert,  heute verstärkt in das Smart-Beta-Segment einsteigen, macht die Sache nicht unbedingt besser.

Antizyklisch zahlt sich aus

Denn auch hier bieten sie in der Regel Strategien an, die auf verlockenden Rückrechnungen beruhen. Solche Strategien zeigen in jüngerer Vergangenheit meist besonders starke Ergebnisse und weisen mit hoher Wahrschein­lichkeit deutlich höhere Bewertungskennzahlen aus als es ihrem historischen Durchschnitt entspricht. Damit jagen die Käufer dieser Produkte – einmal mehr – hinter einer zum großen Teil bereits gelaufenen Performance hinterher. Viel sinnvoller ist ein tatsächlich antizyklischer Ansatz, [2] bei dem Faktoren oder Strategien im Vergleich zu ihrem historischen Durchschnitt aktuell günstig bewertet sind. Denn Smart-Beta-Strategien und -Faktoren, die mit einem Abschlag zu ihrem historischen Durchschnitt bewertet werden, haben eine hohe Wahrscheinlichkeit, eine Outperformance abzuliefern.

Die RAFI Fundamental Index Strategie für Emerging Markets ist eine der Strategien, die nach Berechnungen von Research Affiliates, LLC. aktuell mit einem deutlichen Abschlag relativ zum historischen Durchschnitt der Bewertungskriterien gehandelt werden – Stand Ende 2016 – und dies trotz der zuletzt exzellenten Performance dieses Segments. Basierend auf einer Regressionsanalyse ergibt sich für den kommenden 5-Jahreszeitraum damit eine überdurchschnittliche erwartete Outperformance [3] von 2,7 Prozent per annum im Vergleich zu dem marktkapitalisierten Vergleichsindex. Für Anleger mit Mut zum antizyklischen Handeln ist dies deshalb eine der attraktivsten Strategien. Aber selbst wem  Emerging Market Aktien zu volatil sind, kann mit RAFI für die Developed Markets in eine Strategie investieren, die auf beziehungsweise knapp unter den historischen Durchschnitten bewertet ist. Sie ist damit weder teuer noch billig. Basierend auf der gleichen Regressionsmethodik kann damit erwartet werden, dass das Konzept aber seine historisch gute Outperformance von 1,7 Prozent per annum in den kommenden fünf Jahren erzielt gegenüber dem marktkapitalisierungsgewichteten Pendant.

Seite zwei: Vom Marktpreis unabhängige Strategie [4]

Vom Marktpreis unabhängige Strategie

Um die Idee des antizyklischen Investierens in einem Index wie diesem umsetzen zu können, ist es vor allem wichtig zu vermeiden, dass die am stärksten überbewerteten Unternehmen ein immer größeres Gewicht im Index bekommen und die am stärksten unterbewerteten Unternehmen ein immer geringeres Gewicht. Die bei uns, Nomura Asset Management, seit 2005 erfolgreich umgesetzte RAFI Fundamental Index Strategie verwendet allein fundamentale Kennzahlen über die Größe eines Unternehmens für die Berechnung seines Indexgewichts.  Dieses ist damit ganz unabhängig vom Marktpreis und den darin enthaltenen Fehlbewertungen. Die berücksichtigten fundamentalen Kennzahlen beziehen sich auf vier unterschiedlichen Kriterien: Umsatz, Cash Flow, Dividende und Buchwert.

Viele Kennziffern wichtig

Es ist nicht sinnvoll, nur einen dieser Maßstäbe zu verwenden, da jeder für sich genommen immer auch einen strukturellen Verzerrungseffekt mit sich bringt: Der Umsatz allein würde große Unternehmen mit niedrigen Margen übergewichten. Der Cashflow allein würde zyklische Aktien auf ihren zyklischen Hochs übergewichten. Die Dividende allein würde möglicherweise reife, ertragsstarke Unternehmen ohne Wachstumsperspektiven übergewichten. Und der Buchwert allein würde Unternehmen mit aggressiver Bilanzierungspolitik übergewichten. Eine Kombination dieser Kriterien hingegen verbessert den Ansatz auf verschiedenen Ebenen: Sie sorgt für eine Diversifikation des Risikos aus Datenquellen, Sektoreigenschaften und anderen Risiken. Sie erhöht die Robustheit des Ansatzes sowie die Stabilität der kombinierten Faktoren. Und sie verbessert das Risiko-Ertragsprofil des Index insgesamt. Auf diese Weise vermeidet der RAFI-Ansatz eine nennenswerte Übergewichtung der trendigsten, populärsten und teuersten Aktien.

Robert Arnott, Gründer und CEO von Research Affiliates, LLC. sagt: “Wenn sich Investoren Smart-Beta-Strategien zuwenden, die über die vergangenen Jahre großartiges Alpha geliefert haben, sollten sie fragen, wie teuer diese Strategien inzwischen sind. Andernfalls könnten sich diese Alphas schon bald ins Gegenteil verkehren.” Smart-Beta ist ein ziemlich überfüllter Raum. Darin finden sich gute Ansätze, weniger gute Ansätze und an sich gute Ansätze, die nur vorübergehend überteuert sind. Investoren sollten also genau hinsehen, bevor sie den Sprung wagen.

Sönke Siemßen ist Head of Client Portfolio Management bei der Nomura Asset Management Deutschland KAG mbH, Frankfurt

Foto: Nomura Asset Management Deutschland KAG mbH