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Wachstum durch Zuwanderung

Deutschland braucht eine bessere Willkommenkultur, denn ohne Zuwanderer aus anderen EU-Ländern wäre Deutschland in den letzten sieben Jahren weniger gewachsen. Woran liegt das? Und was können wir gegen die Gefahr unternehmen, dass Deutschland für Zuwanderer nicht attraktiv bleibt?

“Ohne die Zuwanderung aus der restlichen EU wäre das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland [1] im Jahr 2015 nicht um 1,5 Prozent, sondern lediglich um 1,2 Prozent gewachsen”,sagt Marius Clemens. „Das ist ein nicht unerheblicher Beitrag, den die EU-Zuwanderung hier geleistet hat – und weiterhin leistet.”

Clemens ist Konjunkturforscher am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Gemeinsam mit Janine Hart von der Universität Potsdam hat er untersucht, wie Migration das deutsche Wirtschaftswachstum beeinflusst und welche Treiber für Migration es gibt.

Wichtiger Beitrag zum BIP

Eine Simulation des DIW zeigt, dass die Zuwanderung das deutsche Bruttoinlandsprodukt [2] (BIP) um durchschnittlich 0,2 Prozentpunkte pro Jahr erhöht hat – für einzelne Jahre wie zum Beispiel 2015, den Höhepunkt der EU-Zuwanderung, sogar um mehr.

Die Zuwanderer erhöhen nicht nur die Konsumnachfragen, sondern vermeiden in erster Linie Engpässe auf dem Arbeitsmarkt, die zu höheren Produktionskosten und höheren Preisen geführt und das Wachstum entsprechend reduziert hätten.

Seite zwei: Migrationsursachen: Zuwanderer kommen, um zu arbeiten [3]

Seit dem Jahr 2011 seien jedes Jahr im Durchschnitt über 720.000 Bürgerinnen und Bürger aus anderen Ländern der EU [4] nach Deutschland gezogen, in der Summe über 5,1 Millionen. Das sind mehr Menschen als Personen aus anderen Ländern inklusive Fluchtherkunftsländern – und das, obwohl die Fluchtmigration in den vergangenen Jahren die öffentliche Debatte im Wesentlichen geprägt hat. Die Zahlen stammen vom Statistischen Bundesamt und von Eurostat.

Zuwanderer kommen, um zu arbeiten

Das DIW Berlin hat anhand eines makroökonomischen Modells die Bedeutung verschiedener Faktoren für die Migration nach Deutschland quantifiziert: Die Verschlechterungen der gesamtwirtschaftlichen [5] Situation im Herkunftsland im Vergleich zu Deutschland ist demnach der Haupttreiber für die Migration – sie erklären mehr als die Hälfte der Veränderungen der EU-Zuwanderung (60 Prozent). Entwicklungen, die allein vom Arbeitsmarkt ausgehen, hätten einen Anteil von rund einem Viertel an der Zuwanderung aus der restlichen EU.

“Unsere Analyse zeigt, dass die nicht asylbedingte Zuwanderung nach Deutschland eng an den Verlauf der deutschen Konjunktur [6] und die Lage auf dem Arbeitsmarkt im Vergleich zu den Herkunftsländern gekoppelt ist”, so Janine Hart. “EU-Zuwanderer kommen zu uns, um Arbeit zu finden – und meistens geschieht das auch, wie viele Statistiken zeigen.”

Die meisten der EU-Zuwanderer sind jung, gut qualifiziert und haben eine hohe Erwerbsbeteiligung. Im Jahr 2017 betrug die Erwerbsquote von Bürgerinnen und Bürgern aus der restlichen EU 74,6 Prozent – bei Deutschen waren es 70,6 Prozent.

Deutschland muss für Zuwanderer attraktiv bleiben

Vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung und zunehmender Fachkräfteengpässe auf dem deutschen Arbeitsmarkt sei es wichtig, das Zuwanderungspotential aus anderen EU-Ländern weiter heben zu können.

Seite drei: Deutschland braucht Zuwanderer [7]

“Um weiterhin attraktiv für Zuwanderer aus Europa zu bleiben, wird sich Deutschland noch etwas mehr anstrengen müssen, denn in vielen Ländern vor allem im Euroraum geht es mit der Wirtschaft mittlerweile wieder bergauf”, so Marius Clemens. “Wichtig ist, dass Zuwanderer mehr Möglichkeiten bekommen, Jobs zu finden, die ihren Qualifikationen entsprechen.”

Dafür seien zum Beispiel pragmatischere Verfahren bei der Anerkennung von Qualifikationen notwendig. Dies gelte übrigens nicht nur für Zuwanderung aus der EU, sondern auch mit Blick auf Zuwanderer aus anderen Ländern der Welt, so Marius Clemens und Janine Hart.

Willkommenskultur verbessern

Hier sei das vom Bundesinnenministerium geplante Einwanderungsgesetz sicherlich ein richtiger Schritt in, weitere Anstrengungen seien aber nötig. Diese müssten auch darauf abzielen, die Willkommenskultur in Deutschland zu verbessern.

Foto: Shutterstock