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Firmenbonds: Experten warnen vor “Schulden-Fiasko”

Die jüngste Korrektur der Aktienmärkte im Februar hat gezeigt, was selbst moderat höhere Inflationserwartungen und Zinsen anrichten können. Der Vermögensverwalter Conren [1] warnt nun vor zukünftigen Gefahren aus einem bisher als harmlos geltenden Bereich.

Der globale Markt für Unternehmensanleihen wurde bisher von vielen Anlegern als weitgehend risikofrei betrachtet.

Den Experten zufolge wird der weltweite Markt [2] für Unternehmensanleihen mittelfristig für gefährliche Unruhe sorgen. An diesem habe sich auf globaler Ebene ein Schuldenberg von insgesamt 25,3 Billionen US-Dollar aufgetürmt.

Von diesen werden allein in den nächsten drei Jahren etwa 43 Prozent – also elf Billionen US-Dollar – fällig, was meist eine Refinanzierung bedeute. Diese Herausforderung drohe zum Fiasko zu werden.

Der Grund für diesen großen Umfang an Verbindlichkeiten ist ist laut Oliver von Aesch, Investment Analyst der Altrafin AG und Conren Fonds, und Andreas Lesniewicz, Geschäftsführer Conren Research, in der Vergangenheit zu finden.

Unternehmensanleihen nach Finanzkrise attraktiv

Während der Finanzkrise ab 2007 wollten weder Kreditmärkte noch Banken Geld an Firmenlenker verleihen und selbst solide Unternehmen mussten für das eigene Überleben Rekordzinsen zahlen.

In den Folgejahren habe der Kreditmarkt die Schockstarre nach und nach überwunden, auch durch massive Eingriffe durch Regierungen und Notenbanken.

Da bei Aktien schwer abzuschätzen gewesen sei, wie weit Kurse und Margen noch fallen konnten, wurden niedrig bewertete Unternehmensanleihen [3] mit geringer Konkursgefahr direkt nach der Finanzkrise zum bevorzugten Instrument vieler.

Risikoblindheit der Finanzmärkte

So nutzten zahlreiche Unternehmen das sich aufhellende Finanzierungsumfeld um sich hoch und langfristig zu verschulden. Immer weiter zurückgehende Zinsen vereinfachten die Entscheidung mehr Geld aufzunehmen, da Zinslast und Belastung der Margen immer geringer wurden.

Somit liefern Unternehmensanleihen laut Conren heute ein Abbild des Gesamtzustands der Finanzmärkte [4]: das Niedrigstzinsumfeld und die Jagd nach Rendite begünstigen die Risikoblindheit.

Immer häufiger werden Anleger in Assetklassen getrieben, in denen sie kaum Erfahrung vorweisen können. Hinzu kommen passive Investoren, die über ETFs den Weg ins Unternehmensanleihe-Universum finden.

Seite zwei: “Selbstgefälligkeit und Nachlässigkeit” [5]

Firmenbonds besserer Bonität seien in diesem Umfeld für viele Anleger zu “quasi-sicheren Häfen” geworden und auch die Europäische Zentralbank (EZB) kaufe in den letzten Jahren in großem Stil Unternehmensanleihen.

Folge dessen seien von Aesch und Lesniewicz zufolge “Selbtsgefälligkeit und Nachlässigkeit”, auch weil eine oft prophezeite Korrektur nie gekommen sei. Solange die Finanzierungen laufen, könne wenig passieren, bei größeren Refinanzierungswellen [6] könne es jedoch eng werden.

Gründe zur Sorge 

Die beiden Experten nennen zwei Gründe, aus denen bei der anstehenden Welle nicht voraussichtlich nicht alles so problemlos laufen werde wie in den letzten Jahren:

Einerseits sei das zu finanzierende Volumen immens, andererseits habe sich das Umfeld verändert. Zinsen und Credit-Spreads seien aktuell sehr niedrig und die Verschuldung von Staaten und Firmen hoch.

In derartigen Situationen seien Kreditmärkte für gewöhnlich hochsensibel, weshalb schon kleine Änderungen der Anleiherenditen große Effekte haben können. Die Folge wären Refinanzierungsschwierigkeiten und eine deutliche Zunahme von Konkursen.

Außerdem werde wichtig, inwiefern Banken [7] dieses Mal bereit seien, mögliche Finanzierungslücken zu überbrücken. Zahlreiche Geldhäuser haben sich jedoch aufgrund neuer regulatorischer Vorschriften längst aus dem Unternehmensanleihe-Sektor zurückgezogen.

Weniger Liquidität als zuvor

Somit stellen sie Conren [8] zufolge weniger Liquidität zur Verfügung als früher. Daher sei bei nachhaltig fallenden Kursen nicht sicher, ob und zu welchen Konditionen man verkaufen könne.

Da alle Finanzmärkte miteinander verbunden, und aktuell in vielen Bereichen aus denselben Gründen anfällig seien, könne eine derartige Spirale auch für sie relevant werden.

Außerdem würde bei den Unternehmen nicht nur das Konkursrisiko steigen, sondern auch die Ertragsmargen durch höhere Zinsen belastet werden.

Seite drei: Unternehmensanleihen häufig überbewertet [9]

So werde beispielsweise die Zinslast des Automobilkonzerns [10] Daimler von derzeit 550 Millionen Euro pro Jahr bei drei Prozent höheren Zinsen um etwa das Sechsfache anwachsen und die Gewinnmarge von 5,6 auf 3,7 Prozent drücken.

Dazu kommt noch, dass Unternehmensanleihen im historischen Vergleich und häufig auch relativ zu Aktien größtenteils überbewertet sind, so von Aesch und Lesniewicz.

Während die Verschuldungen vieler Unternehmen ansteigen, gehen Zinsen und Spreads weiter in die Knie. Gleichzeitig werde die Luft nach oben für Unternehmensanleihen dünner während Aktien [11] vom weiterhin günstigen ökonomischen Umfeld und der US-Steuerreform profitieren.

Refinanzierung wird schwere Prüfung

Somit ergebe sich aus einer Mischung verschiedener Faktoren eine äußerst gefährliche Situation. Sollte es gut gehen, so wird sich diese Front laut Conren vorerst beruhigen. Dafür spreche, dass im aktuellen Reifestadium des Zyklus das Marktsentiment ausschlaggebend sei und nicht die Fundamentaldaten.

Theoretisch kann es am Markt [12] noch sehr lange so gut gehen wie bisher, jedoch nicht für immer – und die kommende Refinanzierungswelle stellt von Aesch und Lesniewicz zufolge einen schwierigen Prüfstein dar. (bm)

Foto: Shutterstock

 

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