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“Das KGV ist kein nützlicher Maßstab”

Viele Anleger messen dem Kurs-Gewinn-Verhältnis zu viel Bedeutung bei. Weder steigende noch fallende Bewertungen an den Aktienmärkten müssen auf eine Krise oder nahende Korrektur hindeuten. Worauf Anleger achten sollten:

Jeroen Blokland: “Die Anleger brauchen sich keine Sorgen zu machen, solange die Gewinn-Komponente des Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV), die allen Aktienmarktbewertungen zugrunde liegt, stark bleibt.”

Anleger erwarten die nächste Korrektur [1]. Zwar gingen die Aktienkurse weltweit in den ersten Monaten dieses Jahres auf Talfahrt, doch zuletzt setzte sich der Bullenmarkt fort. Er dauert mittlerweile zehn Jahre an.

“Anleger brauchen sich keine Sorgen zu machen”

“Die Anleger brauchen sich keine Sorgen zu machen, solange die Gewinn-Komponente des Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV), die allen Aktienmarktbewertungen zugrunde liegt, stark bleibt”, meint Jeroen Blokland, Senior-Portfoliomanager bei Robeco Investment Solutions.

“Auch wenn die US-Aktienmärkte sicher nicht billig sind, hat es bisweilen den Anschein, dass die Anleger der Kurs-Komponente des KGV zu viel Bedeutung beimessen, obwohl die Entwicklung an den Märkten tatsächlich durch die Gewinn-Komponente bestimmt wird.”

Blokland ergänzt: “Die Aktienkurse und die Gewinne je Aktie bewegen sich häufig zusammen, auch wenn sich ihr relatives Tempo von Zeit zu Zeit ändert. Zum Beispiel sind die Gewinne der S&P 500-Unternehmen in den letzten zwölf Monaten um circa 20 Prozent gestiegen – und es wird erwartet, dass sie in den nächsten zwölf Monaten noch schneller zunehmen. Das bedeutet: Die Gewinne dieser Unternehmen werden zumindest bis auf weiteres rascher steigen als ihre Aktienkurse. Und genau das ist der Grund, warum die Besorgnis [2] über hohe Bewertungen wieder deutlich abgenommen hat.”

Seite zwei: Situation in Europa [3]

In den ersten Monaten dieses Jahres habe das KGV für den S&P 500 zwar einen Höchstwert von 23,3 erreicht, ist aber seitdem um elf Prozent auf 20,8 gefallen. Das liege an steigenden Gewinnen, nicht an fallenden Kursen.

Situation in Europa

„Außerdem liegt das KGV aktuell ‚nur’ um sieben Prozent über dem langfristigen Durchschnittswert der letzten 30 Jahre. In Wahrheit wird das Bewertungsniveau attraktiver, wenn die Gewinne stärker steigen als die Aktienkurse – auch wenn neue Allzeithochs erreicht werden”, so Blokland.

Das sei auch außerhalb der Vereinigten Staaten zu beobachten: “In Europa zeigt sich noch deutlicher als an den US-Aktienmärkten, wie wichtig die Erträge sind. In den letzten beiden Jahren sind die Gewinne der im MSCI Europe enthaltenen Unternehmen um eindrucksvolle 88 Prozent in die Höhe geschossen. Die Aktienkurse haben dagegen ‚nur’ um 17 Prozent zugelegt. Zum Vergleich: In den USA sind die Aktienkurse in den letzten zwei Jahren um 40 Prozent gestiegen – mehr als doppelt so viel wie europäische Dividendentitel.”

Seit September 2016 sei das durchschnittliche KGV im MSCI Europe von knapp 29 auf 17 gefallen– und damit um 40 Prozent. Außerdem seien Aktien aus der Eurozone verglichen mit ihrem langfristigen Durchschnittswert inzwischen 15 Prozent günstiger.

Bild in Schwellenländern vergleichbar

“Das europäische Beispiel macht auch deutlich, dass die KGV-Bewertung alleine kein besonders nützlicher Maßstab ist, um Entscheidungen zur taktischen Asset Allokation zu treffen. Die europäischen Aktienmärkte sind in den letzten Jahren durch eine nicht abreißende Serie von politischen Risiken [4] gebremst worden”, sagt Blokland.

Das führe dazu, dass Anleger eine höhere Risikoprämie verlangen, wodurch die Bewertungen sinken würden. Die strukturelle Zunahme solcher Einflüsse veranlasst Anleger häufig, eine höhere Risikoprämie zu verlangen, was zu niedrigeren Bewertungen führt. Dennoch seien auch die Gewinne für die Bewertung der Aktienmärkte entscheidend.

Blokland sieht an den Börsen der Schwellenländer eine ähnliche Entwicklung: “Auch diese sind durch politische [5] und weitere makroökonomische Ereignisse in Mitleidenschaft gezogen worden, weshalb das Gewinnwachstum und die Aktienmarktperformance denen in anderen Regionen hinterherhinken.”

Seite drei: Macht der Gewinne [6]

“Abgesehen davon ist das Bild in den Schwellenländern [7] mit dem in den USA und Europa vergleichbar. Die Gewinne steigen schneller als die Aktienkurse, sodass die Bewertungen heute niedriger sind als vor ein paar Jahren. Das Bewertungsniveau an den Aktienmärkten der Schwellenländer liegt ungefähr fünf Prozent unter dem langfristigen Durchschnittswert, während es vor zwei Jahren noch deutlich darüber lag.”

Macht der Gewinne nicht unterschätzen

Deshalb sollten Anleger mehr auf die Gewinn-Komponente des KGV achten und weniger auf die Kurs-Komponente, besonders, wenn neue Allzeithochs erreicht würden und dadurch die Angst vor überteuerten Märkten steigt.

“Die Macht der Gewinne sollte nicht unterschätzt werden. Zurzeit ist das Weltwirtschaftswachstum solide, die Zinssätze bewegen sich weiter auf historisch niedrigem Niveau, und das Lohn- und Gehaltswachstum ist bestenfalls verhalten. Zusammen führen diese Faktoren gegenwärtig zu sehr starkem Gewinnwachstum, was auch in absehbarer Zukunft so bleiben wird. Auch wenn die Bewertung selten alleine größere Marktkorrekturen auslöst, sollten fallende Bewertungen immer als etwas Positives für die Aktienmärkte angesehen werden.”

Foto: Robeco