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Biotechnologie: “Ungebremste Innovationskraft”

Welches sind die größten Risiken bei einer Investition in Biotechnologie und was sollten Anleger beachten? Darüber hat Cash. mit Dr. Ivo Staijen, CFA gesprochen, Manager des HBM Global Biotechnology Fund.

Ivo Staijen: “Bedeutende Innovationen kommen in Zyklen. Wer lange genug dabei ist, erhöht die Chance, beim nächsten Zyklus dabei zu sein.”

Cash.: Was sind die größten Risiken für Biotech-Investoren?

Staijen: Einerseits Risiken bei der Zulassung und Markteinführung eines Produkts. Ein weiteres Risiko, welchem dieser Tage immer mehr Gewicht zukommt, sind die Kassenrückerstattungsrisiken. Das Medikament muss ein klar positives Kosten-Nutzen-Profil aufweisen, damit es von den Krankenkassen rückerstattet wird.

Investitionen in Einzeltitel bergen grundsätzlich erhöhte Risiken, auch abhängig davon, in welchem Entwicklungsstadium sich das Unternehmen beziehungsweise deren Entwicklungsprodukte befinden. Fehlschläge in der klinischen Entwicklung gehören dazu.

Daher ist es nicht ratsam für einen Privatinvestor [1], in ein Frühphasen-Unternehmen zu investieren, das gleicht dann mehr einer Wette. Zusätzlich ist eine grundlegende medizinische Expertise für den Investmenterfolg unabdingbar. Ein diversifiziertes Vorgehen mit einem Investment in einen Fonds ist daher für einen Privatinvestor geeignet.

Cash.: In welchen Biotechnologie-Sektoren ändern sich die Bedingungen besonders schnell?

Der Regulator, wie beispielsweise die US-Behörde FDA, bevorzugt innovative Medikamente, die eine Krankheit lindern oder im besten Fall sogar heilen können. Für besonders innovative Medikamente in schweren Krankheitsbildern werden beschleunigte Entwicklungs- und Zulassungsverfahren gewährt.

Andererseits vermischt sich traditionelle Pharma zusehends mit Biotechnologie [2]. Biotech ist zum Innovations-Rückgrat der großen Pharmafirmen herangewachsen. Die Arzneimittel aus der Immunonkologie sind das beste Beispiel dafür.

Sie stammen allesamt aus den Forschungslaboren der kleinen Biotechnologie-Unternehmen und gelangten durch eine Übernahme in die Pipeline der “Großen”.

Biotechnologie Firmen müssen einen klaren Innovationsfokus einschlagen. Nischenstrategien sind oft die vielversprechendsten, um im Wettbewerb um Innovation zu bestehen.

Seite zwei: Welche Sektoren sind besonders aussichtsreich? [3]

Cash.: Welche Sektoren der Biotechnologie-Branche sind besonders aussichtsreich?

Besonders aussichtsreich sind Gen- und Zelltherapien. Derzeit unheilbare, tödlich verlaufende, genetisch bedingte Krankheiten können dank neuen zell- und gentherapeutischen Methoden behandelt werden und die Medikamente versprechen sogar eine Heilung.

Und oftmals nur mit einer Behandlung. Es sind Krankheiten [4], die eindeutig auf Mutationen in einem bestimmten Gen zurückzuführen sind. Roche hat sich kürzlich mit der Übernahme von Spark Therapeutics in dieses Therapiegebiet vorgewagt – nach Novartis, Pfizer, Johnson & Johnson und Biogen bereits der fünfte große Pharmakonzern.

Auch kleinere, noch unabhängige Gesellschaften wie Biomarin, Ultragenyx, UniQure und MeiraGTx haben potenzielle Arzneimittel in der Pipeline.

Auch neue Ansätze im Bereich der Onkologie, aber auch bei Erkrankungen des zentralen Nervensystems, kardiovaskuläre Leiden sowie Autoimmunkrankheiten versprechen Potenzial.

Cash.: Warum sollten Investoren lieber in einen Biotechnologie-Fonds als in einen Biotechnologie-Index investieren?

Seit Mitte 2015 haben sich die Aktien von großen Biotechnologie-Gesellschaften im Vergleich zu kleineren und mitteleren Firmen stark unterdurchschnittlich entwickelt.

Die großen Biotech-Unternehmen befinden sich derzeit in ähnlicher Situation wie große Pharmakonzerne vor rund zehn Jahren. Sie sind mit Patentabläufen und verlangsamenden Umsatzwachstum ihrer bestehenden Produkte konfrontiert.

Ein Engagement im bedeutenden Nasdaq-Biotechnology-Index, der schwergewichtig in Biotech-Gesellschaften wie Gilead, Celgene, Amgen investiert ist, birgt das Risiko, dass man die starke Entwicklung und insbesondere das vielversprechende Renditepotenzial [5] im kleineren und mittelgroßen Segment (Unternehmenswert zwischen zwei und zehn Milliarden) verpasst.

Das derzeitige Umfeld unterscheidet sich stark von jenem, welches zwischen 2011 und 2015 geherrscht hat. Derzeit sind die Spezialisten unter den Investoren klar bevorzugt, welche mit ihrem Stockpicking-Ansatz frühzeitig die erfolgversprechendsten Unternehmen identifizieren können. Wir gehen davon aus, dass diese Entwicklung auf absehbare Zeit anhält.

Seite drei: Welcher Anlagehorizont ist ideal? [6]

Cash.: Welchen Anlagehorizont sollten Anleger haben?

Es ist adäquat, mit einem Anlagehorizont von sechs bis acht, vielleicht sogar zehn Jahren in den Sektor zu investieren. Bedeutende Innovationen kommen in Zyklen, wer lange genug dabei ist, erhöht die Chance, beim nächsten Zyklus dabei zu sein.

Und der kommt bestimmt: Die Innovationskraft [7] gerade bei den kleineren und mittelgroß kapitalisierten Gesellschaften ist ungebremst.

Auf der anderen Seite besteht nach wie vor ein hoher Bedarf nach neuen und wirksamen Medikamenten zur Behandlung von “unmet medical needs” (unerfüllten medizinischen Bedürfnissen).

Interview: Katharina Lamster

Fotos: HBM, Shutterstock

 

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