22. Juni 2019, 08:19
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„Libra-Konsortium könnte quasi-staatliche Rolle übernehmen“

Am Dienstag hat Facebook seine Pläne für eine eigene Kryptowährung namens „Libra“ der Öffentlichkeit präsentiert. Cash.Online sprach mit Christoph Auer, Experte für Zahlungsverkehr beim Beratungsunternehmen Capco, über das Libra-Projekt.

Auer Print in „Libra-Konsortium könnte quasi-staatliche Rolle übernehmen“

Christoph Auer, Experte für Zahlungsverkehr beim Beratungsunternehmen Capco.

Facebook hat seine Pläne für eine weltweite Digitalwährung präsentiert. Hat Sie die Ankündigung überrascht?

Auer: Seit spätestens Mitte 2018 wurde immer wieder durch offizielle oder inoffizielle Nachrichten bzw. Ankündigungen auf Entwicklerkonferenzen bekannt, dass Facebook an einer Digitalwährung arbeitet. Daher ist die Ankündigung per se keine Überraschung für Marktbeobachter, wohl aber der ganzheitliche und weitreichende Ansatz rund um das Libra-Konsortium.

„Spiegel Online“ analysiert, mit der neuen Währung gehe es Facebook letztlich darum, den bestehenden politischen Strukturen, den Staaten und Staatsbündnissen ihre Gestaltungs- und Regulierungsmacht zu nehmen. Stimmen Sie der Analyse zu?

Auer: Das Libra-Konsortium hat in der Tat das Potenzial, bei einer sehr hohen Verbreitung der Digitalwährung eine quasi-staatliche Rolle zu übernehmen sowie in die Gestaltungshoheit der Zentralbanken zumindest vorzudringen. Dies ist aber nicht für die nahe Zukunft realistisch und verständlicherweise hat sich bereits Widerstand seitens der Politik und der Aufsichtsbehörden angekündigt.

Aus meiner Sicht ist dies jedoch eher eine Konsequenz denn eine Intention. Libra zielt zuerst auf eine Position im Herzstück eines weltweiten Bezahlverfahrens und die Unmengen dabei anfallender Daten. Die Verbindung von Real-time-Zahlungsverkehrsdaten mit den aus den vielfältigen Unternehmen des Facebook-Konzerns anfallenden Nicht-Finanzdaten würde eine bisher nicht in diesem Maße mögliche Individualisierung von Produkten, Anzeigen und Services auf Einzelpersonenebene realisierbar machen.

So findet sich im veröffentlichten Dokument kein Hinweis auf strikte Trennung der Nutzerdaten zwischen Libra und Facebook: Es ist derzeit nur die Rede davon, dies nie „ohne Zustimmung des Kunden“ zu tun. Erfahrungsgemäß lesen die wenigsten Benutzer von Facebook, WhatsApp, Instagram, etc. alle Aktualisierungen der Nutzerbedingungen im Detail – das heißt, eine solche Zustimmung stellt eine eher geringe Hürde dar.

Wird das Libra-Projekt ein Erfolg oder wird es wie andere Blockchain-Projekte verpuffen?

Auer: Das Libra-Projekt hat alleine aufgrund des weltweiten Verbreitungsgrads und der gewaltigen Kundenbasis ihrer Mitglieder eine bessere Ausgangssituation als bisherige Ansätze. Die Anwendungen von Facebook werden global auf Milliarden Endgeräten genutzt. Intuitive zusätzliche Features haben natürlich Potenzial, viele Nutzer zu finden.

In Märkten wie Lateinamerika, Asien oder Afrika gibt es unzählige User, die zwar über ein Smartphone verfügen, jedoch kaum Zugang zu Banking Services genießen. Entscheidend für den Erfolg wird neben den klassischen Faktoren wie Kundennutzen, einfache Bedienbarkeit und reibungslose technische Abwicklung insbesondere die Positionierung von Libra:

Strebt das Konsortium von Beginn an eine Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Institutionen und Staaten an, hat Libra eine valide Möglichkeit, sich eine für ein privates Unternehmen vorher nicht gekannte Position zu sichern. Strebt das Konsortium dagegen nach einem schnellen und kompromisslosen Aufbau, wird der Widerstand seitens Politik und Aufsichtsbehörden das Wachstum sehr erschweren.

Das Libra-Projekt ist mit den bekannten Blockchain-Projekten ob seiner Ausrichtung nicht zu vergleichen, da zum einen dieses Zahlungsverkehrsverfahren auch sehr gut mit traditionellen Technologien hätte umgesetzt werden können und zum anderen viele seiner Prinzipien mit denen der Blockchain-Bewegung nur sehr bedingt kompatibel sind.

 

Interview : Kim Brodtmann

Foto: Capco

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