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Invertierte Zinskurve: Warnung oder Fehlalarm?

Die inverse US-Zinskurve beunruhigt Investoren. Sie gilt als Warnung vor der nächsten Rezession. Doch ist die Sorge überhaupt berechtigt? Welche Bedingungen die invertierte Zinskurve zu einem Rezessionsvorboten machen und ob diese erfüllt sind:

Ob die inverse Zinsstrukturkurve vor der nächsten Rezession warnt, hängt von mehreren Bedingungen ab.

Erstmals seit 2007 invertierte die US-Zinsstrukturkurve [1] bei einem Vergleich der Laufzeiten von drei Monaten und zehn Jahren. Die erschrockene Reaktion der Investoren ist verständlich, denn jeder US-Rezession der letzten Jahrzehnte eine Inversion der Zinskurve vorausgegangen war.

“Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass nicht auf jede Inversion notwendigerweise eine Rezession folgte”, gibt Seema Shah, Global Investment Strategist bei Principal Global Investors, zu bedenken. Ist die inverse Zinskurve ein falscher Positivbefund?

Drei Bedingungen

Shah nennt drei Bedingungen, die eine inverse Zinskurve als Positivbefund erfüllen müsste. Bedingung Nummer eins sei der Faktor Zeit. “Ob es sich um einen echten Rezessionsindikator [2] handelt, kann erst nach mehreren Monaten beurteilt werden”, so Shah.

Zweitens müsse eine Inversion breiter ausfallen. “Bei früheren Rezessionen war vorher eine Inversion der ganzen Zinskurve zu beobachten“, sagt Shah. Bislang umfasse sie nur den Dreijahrespunkt. Dagegen sei die Zinskurve für drei- bis fünfjährige US-Staatsanleihen flach, während die Kurve der fünf- bis dreißigjährigen Anleihen auf das steilste Niveau seit 2017 gestiegen sei.

Drittens müsse die Inversion tiefer sein: “Ein Erbe der quantitativen Lockerung ist, dass die Zentralbanken noch immer enorme Mengen von Staatsanleihen besitzen und so die langfristigen Renditen niedrig halten. Da es auf diese Weise einfacher ist, die Zinskurve zu invertieren, verblasst das Rezessionssignal”, so Shah.

Warum invertierte die Kurve?

Auch wenn diese drei Bedingungen erfüllt wären: In der Vergangenheit habe die Vorlaufzeit zwischen Inversion und Rezession einen langen, wechselhaften Zeitraum umfasst, unter Umständen bis zu drei Jahre.

“Wichtiger als historische Vergleiche ist ein Verständnis dafür, warum die Kurve invertierte”, sagt Shah. Unmittelbarer Auslöser sei die Andeutung der Fed gewesen, den Zinserhöhungszyklus fast abgeschlossen zu haben.

Seite zwei: Warum die Kurve invertierte + Was bedeutet das für Investoren? [3]
Die Märkte hätten die für einen langen Zeitraum unveränderten Fed-Leitzinsen [4] ordnungsgemäß eingepreist – geringe Leitzinserwartungen implizierten auch eine flache Zinskurve. Schwächer als erwartete PMI-Daten für die USA sowie die Eurozone bewegten Investoren dazu, sich von riskanten Assets zu trennen und sicherere Anlageklassen zu kaufen, beispielsweise US-Bundesanleihen.
Übertriebene Ängste

“Das verursachte die Inversion der Kurve”, sagt Shah. “Die invertierte Zinskurve signalisiert nicht zwangsläufig eine Rezession. Eher reflektiert sie die übertriebenen Ängste der Investoren über zukünftige wirtschaftliche Schwierigkeiten.”

Angesichts eines Abschwungprozesses seien Sorgen bei den Investoren gerechtfertigt, eine US-Rezession bleibe allerdings unwahrscheinlich. Die Expertin verweist auf den US-Arbeitsmarkt, der in der Vergangenheit in einem Jahr vor einer Rezession noch nie so stark gewesen sei.

Branchenspezifische Risiken

“Auch die gesunkenen Hypothekenzinsen werden ein starker Rückenwind für die Wirtschaft sein, während Kredite weiterhin zu relativ engen Spreads gehandelt werden”, sagt Shah. Zwar sei der globale Ausblick beunruhigender, “allerdings dürfte sich die chinesische Wirtschaft bald auf niedrigem Niveau stabilisieren, europäische Wachstumsenttäuschungen eindämmen und schließlich die globale Wirtschaft anheben”, betont Shah.

Unabhängig davon, ob die Zinskurveninversion nun ein falscher Positivbefund sei oder nicht, sollten Investoren berücksichtigen, dass sie einzelne Branchen dennoch beeinflusst: “Finanzunternehmen outperformen nicht, wenn die Zinskurve flach oder gar invertiert ist. Insgesamt tendieren defensive Aktientitel in einer wirtschaftlichen Abkühlungsphase dazu, zyklische Titel zu übertreffen”, so Shah.

Foto: Shutterstock