15. September 2020, 10:46
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Aufstieg der Online-Lieferdienste

Die Aufnahme von Delivery Hero in den DAX-30-Index hat in den Medien hohe Wellen geschlagen. Noch nie zuvor war eine Online-Plattform Mitglied im deutschen Blue-Chip-Index. Es ist der Vorbote einer neuen digitalen Zeit. Ein Kommentar von Michael Muders, Union Investment

Muders-16x9 in Aufstieg der Online-Lieferdienste

Michael Muders, Union Investment

Seit fast einem Monat ist sie nun im wichtigsten deutschen Leitindex, die Aktie von Delivery Hero. Mit dem Betreiber von Online-Plattformen zur Bestellung von Mahlzeiten zog ein Geschäftsmodell in den DAX-30-Index, das es so noch nicht im deutschen Blue-Chip-Index gegeben hat.

Das Food-Delivery-Segment ist eine vielversprechende Wachstumsbranche: Die Bestellung via Internet ist sowohl für Kunden als auch Restaurants effizienter, bequemer und weniger fehleranfällig als etwa die Bestellung per Telefon. Während der „Lockdown“-Phase der Corona-Krise boten viele Restaurants, auch mit gehobener Küche, Essen als Take Away an. Um mehr Kunden zu erreichen, haben sich viele der Gastronomen auf den Online-Bestellplattformen registriert. Die Erweiterung des Angebots der digitalen Essenslieferdienste unterstützt wiederum deren Kundenakquise.

Corona als Trendbeschleuniger für Online-Geschäftsmodelle

Deshalb gilt das Segment wie andere Bereiche des Onlinegeschäfts als Profiteure der Corona-Krise. Die „Lockdown“-Phase hat den Trend hin zu Onlinebestell-Plattformen um ein bis zwei Jahre beschleunigt.

In Regionen wie Asien ist die digitale Foodorder-Branche bereits eine feste Größe. In Deutschland, in dem noch rund drei Viertel der Bestellungen telefonisch bei den Restaurantbetreibern eingehen, ist auf dem digitalen Liefermarkt für Mahlzeiten noch viel Luft nach oben. Aber auch hierzulande steigt die Onlinebestellung von Mahlzeiten an, wenn auch auf niedrigerem Niveau. Diese Entwicklung dürfte sich weiter fortsetzen.

Delivery Hero: Aggressive Expansionspolitik

Angesichts des raschen Wachstums rund um den Globus ist der Markt hart umkämpft. Das bedeutet für die digitalen Plattformanbieter, möglichst schnell durch hohe Investitionen in Wachstum und Marketing einen Platz für ihre eigene App auf dem Smartphone zu ergattern. Ist die Liefer-App einmal installiert, wechselt der Kunde in der Regel den Anbieter nicht mehr. Nach der Marktkonsolidierung bleiben meist zwei Anbieter übrig, der erste wesentlich größer als der zweite. Erst in dieser reifen Marktphase werden Gewinne gemacht.

Delivery Hero dient für diese Art der Markterschließung geradezu als Paradebeispiel. So lieferte sich das Unternehmen mit Sitz in Berlin auf dem Heimatmarkt eine Schlacht mit der holländischen Just Eat Takeaway.com. Da das Unternehmen trotz immenser Ausgaben hierzulande lediglich die Nummer zwei war, verkaufte es das Deutschlandgeschäft mit den Marken Foodora, Lieferheld und Pizza.de im Dezember 2018 an die niederländische Konkurrenz und nutzte die Einnahmen zur Expansion in Asien und anderen wachstumsstarken Märkten. Derzeit ist Delivery Hero in 43 Ländern aktiv. Dabei bieten die Berliner auf ihren Plattformen längst nicht mehr nur Mahlzeiten an, die nach Hause geliefert werden, sondern auch Drogerieartikel, Blumen und Elektronik.

Die aggressive Expansionspolitik ist kostspielig: Im ersten Halbjahr betrug der um Sonderposten bereinigte operative Verlust vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen nach vorläufigen Zahlen 319,8 Millionen Euro. Doch der Umsatz kletterte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 94,3 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro. Auch die Umsatzprognose für das Gesamtjahr hat das Unternehmen erhöht und erwartet mit 2,6 bis 2,8 Milliarden Euro ein Wachstum von bis zu 100 Prozent. Zudem stieg der Bruttowarenwert (GMV), für Online-Plattformen eine relevante Kenngröße, um gut 60 Prozent auf rund 5,2 Milliarden Euro. Laut Auskunft des Finanzchefs Emmanuel Thomassin sind die Regionen Nahost und Nordafrika seit vergangenem Jahr profitabel, in Europa soll die Gewinnschwelle voraussichtlich in diesem Jahr erreicht werden.

Doch die Konkurrenz schläft nicht – das Geschäftsmodell digitaler Plattformunternehmen ist wenig kapitalintensiv und zudem schnell nachgebaut. Schnelles Wachstum zählt also weiterhin: Das Rennen um die weltweite Marktführerschaft ist in diesem Marktsegment noch offen.

Michael Muders ist seit November 2004 bei Union Investment als Portfoliomanager tätig. Er ist Leadmanager des UniDeutschland XS. Seit Beginn des Jahres 2019 managt Muders zudem den UniFonds und den UniDeutschland. Sein Analyseschwerpunkt liegt auf dem Automobilsektor sowie auf dem Research deutscher Mid & Small Caps Werte. Muders begann das Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und machte 1990 seinen Abschluss an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Foto: Union Investment

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