24. Juni 2020, 14:26
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Auweia Wirecard! Ein Schlag für die Aktienkultur, der Anleger nicht umwerfen darf

Der Finanzskandal rund um das „House of Wire-Cards“ schlägt hohe Schockwellen. Dabei geht es nicht nur um wirtschaftliche Verluste. Denn Heerscharen von Rechtsanwälten und Vermögensverwaltern werden Schadensansprüche in üppigen Höhen fordern. Die Halver-Kolumne

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Robert Halver, Baader Bank

Vor allem geht es um den Vertrauensschaden für den Finanzplatz Deutschland. Und hier wurde gleich doppelter Schaden angerichtet. Es wurde nicht nur getäuscht bzw. hat man sich täuschen lassen. Die Aufsichtsorgane haben – was sie teilweise selbst zugeben – zu lange zu viele Augen zugedrückt. Und bei Wirecard reden wir nicht von „ferner liefen“, sondern von einem Mitglied im deutschen Aktienleitindex DAX, in dem doch eigentlich nur die über jeden Zweifel erhabene deutsche Aktien-Elite vertreten sein sollte. 

Schlimm ist ebenso, dass Wirecard die Lieblingsaktie der deutschen Kleinanleger gewesen ist, eine Art Volksaktie. Das Geschäftsmodell „IT-Bezahlsysteme“ galt als aussichtsreich. Und man war sogar ein bisschen stolz darauf, dass auch Old Economy-Deutschland New Economy konnte. Wir sind ja nicht wie Amerika mit solchen High-Tech-Unternehmen gesegnet. Aber mit Wirecard hatte man die Zukunft im Depot.

Deutschland ist keine Aktien-Nation. Der Durchschnittshaushalt gibt mehr Geld für Südfrüchte als für Aktien aus. Und auf diese ohnehin schwache Aktienkultur wirken die aktuellen Vorgänge um Wirecard wie der Turbo-Rasenmäher auf den Löwenzahn. Tatsächlich treten wieder die im Fell gefärbten Aktien-Hasser auf den Plan. Die wussten doch immer schon, dass Aktien Teufelszeug sind. Wirecard wird jetzt in einem Atemzug mit dem Bilanz manipulierenden US-Energiekonzern Enron, der Pleite-Investmentbank Lehman oder Autokonzernen genannt, die Abgaswerte aufgehübscht haben.

Was ist jetzt zu tun?

Erstens ist bei Wirecard schnellstmögliche Aufklärung und Bereinigung erforderlich. Wer ist an was und in welchem Umfang schuld?

Zweitens müssen zukünftig die Unternehmensprüfer und die Finanzaufsicht ihre Hausaufgaben mit allergrößter Sorgfalt erfüllen. Hier ist die amerikanische Finanzaufsicht SEC ein Vorbild. Vor dieser „Spanischen Inquisition“ zittert die ganze Wall Street. Wer einmal in ihre Fänge gerät, ist ein Leben lang kuriert. Damit wird klar, dass Wirecard nicht symptomatisch für alle börsennotierten Unternehmen steht. Die weit überwiegende Mehrheit der Aktiengesellschaften, ihre Vorstände und Aufsichtsräte arbeiten ordentlich.

Drittens geht es um eine genaue Überprüfung der langfristigen Profitabilität des Geschäftsmodells von Wirecard und damit seiner Überlebensfähigkeit. Es ist im Moment noch nicht absehbar, ob die Kredite an das Unternehmen verlängert werden. Die Banken wollen ausgerechnet jetzt in der wirtschaftlich ohnehin schwierigen Corona-Zeit keine frühzeitigen Kreditabschreibungen riskieren. Vielleicht ergibt sich ja noch „The turn of a friendly card“, um es mit der großartigen britischen Rock Band „The Alan Parsons Project“ zu sagen, sozusagen eine positive Fügung, so dass auch die Kunden an Bord der Wirecard bleiben. Abschreiben kann man später auch noch.

Nur wenn die Überprüfung zu einem positiven Ergebnis kommt, muss zur Not der Bund über seinen Schatten springen und sich an Wirecard beteiligen, um seine Zukunftstechnologie in Deutschland auch im Hinblick auf die vielen Arbeitsplätze zu sichern. Für einen Apfel und ein Ei darf sie nicht Richtung Amerika oder Asien abwandern. Sicherlich darf der staatliche Einfluss nicht zu politischen oder wahlpopulistischen Einmischungen in das Unternehmen führen. Es muss der Wind von Ludwig Erhard, nicht von Karl Marx wehen.

Viertens muss die Politik das Aktiensparen als neue Säule der Altersvorsorge fördern, sozusagen den Volksaktienkapitalismus einführen. Die Argumente sind sonnenklar. Denn das Zinssparen insbesondere mit Berücksichtigung der Inflation ist vorsätzliche Vermögensvernichtung. Und wann gibt’s mal wieder richtig Zinsen? Aufgrund der weltweiten Überschuldung, wirtschaftlichen Strukturdefiziten in Europa und mit Blick auf die Eurosklerose nie mehr! Dagegen hängen Dividenden Zinsen ab wie ein Formel 1-Bolide ein Mofa.

Politik und Aktienförderung? Hier sind wir wohl im Bereich der Utopie. Leider wird weiter gegen Aktien als Altersvorsorge gekeilt, gerne auch mit zusätzlichen Steuererhöhungsplänen.

Das kann doch einen Aktionär nicht erschüttern 

Also muss ich als Nicht-Politiker noch einmal die Vorzüge der Anlageklasse Aktie auflisten. Zunächst sind sie hochliquide. Man kann sie jederzeit kaufen und verkaufen. Versuchen Sie das einmal mit Immobilien. Apropos Immobilien, ihre zweifelsfrei vorhandenen Vorteile lassen sich mit den Vorzügen der Aktie in Form von Immobilienaktien gut kombinieren.

Überhaupt, Aktien haben alle Krisen der Vergangenheit ausnahmslos mehr als wettgemacht. Selbst die Corona-Krise hat ihren Schrecken an den Finanzmärkten zum Schrecken der Aktien-Feinde verloren.     

Nicht zuletzt kann man das Aktien-Risiko durch monatlich regelmäßige, finanziell überschaubare Ansparpläne kleinhalten. Mit dieser Anlagemethode kann man sogar noch die Kursschwankungen im Sinne günstiger durchschnittlicher Ankaufkurse für eine optimierte Altersvorsorge nutzen. Wer so in Aktien anspart, kann nicht verhindern, langfristig vermögend zu werden.

Trotz Wirecard und trotz Politik müssen die Aktionäre zusammenhalten. Der Erfolg gibt uns Recht.

Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieranalyse und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums 1990. Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator. Er ist aus Funk und Fernsehen bekannt und schreibt regelmäßig für Cash.

Foto: Baader Bank

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