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Banken müssen 2020 Kredite von bis zu 415 Milliarden Euro abschreiben

Um die Auswirkungen von COVID-19 auf das Finanzsystem zu reduzieren, stellen viele Länder ihre staatlichen Fördermaßnahmen auf die Vergabe privater Kredite um. Damit wird die Verantwortung, die Wirtschaft in Zeiten von COVID-19 am Laufen zu halten, weitgehend auf private Kreditgeber übertragen. Einer aktuellen Studie des Beratungsunternehmens Accenture zufolge gehen die europäischen Banken davon aus, im laufenden Jahr bis zu 415 Milliarden Euro für die Deckung pandemiebedingter Kreditverluste aufbringen zu müssen.

Aus der Untersuchung “How Banks Can Prepare for the Looming Credit Crisis” geht hervor, dass Banken weltweit bis zu 2,4 Prozent ihrer bestehenden Kredite zur Deckung von Verlusten aus unbezahlten Krediten zurücklegen werden. Das ist fast doppelt so viel, wie die Institute während der globalen Finanzkrise 2008 abschreiben mussten.

„Unsere Banken spielen eine entscheidende Rolle dabei, die wirtschaftlichen Auswirkungen der globalen Pandemie abzufedern und für eine schnelle Erholung der Privathaushalte und kleinen Unternehmen zu sorgen“, so Markus Hamprecht, Leiter des Bereichs Financial Services in DACH. „Wenn die staatlichen Hilfsprogramme auslaufen, müssen die Institute mehr Kapital zum Schutz vor Kreditausfällen vorhalten. Um ihre Strategien für das Kreditmanagement entsprechend auszurichten, benötigen die Banken eine vorausschauende und datengestützte Sicht des aktuellen Kreditrisikos, wobei die langfristige Sicht auf den Kunden im Vordergrund stehen sollte.“

Banken benötigen viel Geld zur Deckung potenzieller Kreditverluste

Im vergangenen Jahr stellten europäische Banken 80 Milliarden Euro zur Deckung potenzieller Kreditverluste bereit. Nach Einschätzung von Accenture benötigen die Finanzinstitute im Jahr 2020 zusätzlich 265 bis 335 Milliarden Euro zur potenziellen Abschreibung notleidender Kredite. So können Banken in den USA im Jahr 2020 bis zu 320 Milliarden US-Dollar abschreiben, was einem Anstieg von 265 Milliarden US-Dollar ab 2019 entspricht. Chinesische Banken können im gleichen Zeitraum Abschreibungen in Höhe von bis zu 360 Milliarden US-Dollar vornehmen, was einem Anstieg von 190 Milliarden US-Dollar ab dem Jahr 2019 entspricht.

In einer zunehmend fremdfinanzierten Wirtschaft stehen die Banken vor der Aufgabe, ihre Kreditbestände zu managen und gleichzeitig Entscheidungen über neue Kreditvergaben zu treffen. Die Studie stellt weiterhin fest, dass dies weltweit zu einem Rekordniveau der öffentlichen und privaten Verschuldung führen könnte. Analysten prognostizieren, dass diese bis Ende 2020 bis zu 200 Billionen US-Dollar erreichen könnte. Das kann zu einer ernsthaften Gefährdung der Rückzahlungsfähigkeit von Unternehmen und Privathaushalten führen.

Großbanken waren vor COVID-19 in einer stabilen Position

Zahlreiche Banken waren zu Beginn der Pandemie finanziell so gut aufgestellt, dass sie erhebliche Kreditverluste auffangen konnten. Nach einer Analyse von Accenture hielten die größten Banken der Welt Kapitalreserven, die deutlich über den Anforderungen der Aufsichtsbehörden lagen. Die Studie stellt weiterhin fest, dass die fünf größten US-Banken im ersten Halbjahr Reserven in Höhe von 60 Milliarden US-Dollar zur Verfügung stellen konnten. Die europäischen Banken legten im ersten Quartal 2020 fast 18 Milliarden US-Dollar zurück. Diese Rückstellungen können abgerufen werden, sobald die staatlichen Fördermittel auslaufen und Kunden in Zahlungsverzug geraten.

„Die Banken werden sorgfältig wirtschaften müssen, um das richtige Gleichgewicht zwischen der finanziellen Rettung ihrer Kunden und dem Schutz der eigenen Rentabilität und Solvenz zu finden“, stellt Hamprecht fest. „Dies verlangt schwierige Entscheidungen zwischen Kreditverlängerungen, die finanziell überlebensfähigen Kunden helfen, und der Verschleppung einer unvermeidbaren Zahlungsunfähigkeit,“ so Hamprecht. „Wer als Bank nun vorausschauend agiert, kann seine bisher erworbenen Daten- und Analysefähigkeiten nutzen, um operative Strategien für das Kreditmanagement zu entwickeln, die auf einzelne Branchen und Regionen zugeschnitten sind.“

Temporäre Schwachpunkte im Kreditmanagement der Banken

In einem Klima, in dem sich Zahlungsausfälle nicht auf die Kreditwürdigkeit der Verbraucher auswirken und die tatsächliche wirtschaftliche Lage eines Unternehmens aufgrund von Kurzarbeits- und Lohnschutzregelungen unklar ist, können Banken einen datengestützten Ansatz zur Verwaltung ihres Kreditportfolios verfolgen.

In den vergangenen zehn Jahren schrumpfte das Kreditmanagement der Banken auf ein Minimum. Um den steigenden Ausfallraten gerecht zu werden, müssen jetzt viele von ihnen ihre Ressourcen in einem Maße erweitern, das weit über die traditionellen Kapazitäten in diesem Bereich hinausgeht. Doch dank in dieser Zeit erfolgter Investitionen in digitale Technologien können Bankmitarbeiter heute individuelle Lösungen für ihre Kunden entwickeln, um finanzielle Engpässe zu überbrücken.

Die vorliegende Studie zeigt, wie Banken ihre Kompetenzen im Kreditmanagement stärken und ihr Geschäft auf die kommenden Herausforderungen vorbereiten können.

„Für Banken ist es schwer, sich aus dem derzeitigen Kreditgeschäft zurückzuziehen – auch wenn es für sie verlockend erscheint. Die Nachfrage nach Krediten wird unweigerlich steigen und muss erfüllt werden. Wenn die Banken sich zurückziehen, wird das Kreditgeschäft von anderen Marktteilnehmern bedient“, führt Hamprecht aus. „Die größten Wettbewerber sind nicht allein FinTechs und BigTechs, sondern zunehmend auch große, kapitalstarke Unternehmen, die Finanzierungsmöglichkeiten für ihre Produkte und Dienstleistungen anbieten. Wenn Banken versuchen, das Kreditangebot drastisch zu reduzieren, riskieren sie, ihre Kunden zu verlieren.“

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