12. August 2020, 13:26
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Börsen koppeln sich von Realwirtschaft ab: Jetzt ist Selektion gefragt

2020 ist bislang ohne Frage ein außergewöhnliches Jahr. Wenn auch leider im negativen Sinn. Der „Corona-Schock“ wird ins kollektive Gedächtnis der Weltgemeinschaft eingehen. Hinzu kommen die immer neuen Hitzerekorde, verrückte Börsen und die US-Präsidentenwahl im November, deren Ausgang noch ungewiss ist. Ein Kommentar von Patrick Linden, Geschäftsführer Deutschland und Partner bei Clartan Associés.

Index2750 in Börsen koppeln sich von Realwirtschaft ab: Jetzt ist Selektion gefragt

Aber: Es tut sich einiges in der Corona-Forschung. Erste brauchbare Lösungen für den Feldeinsatz in Punkto Corona-Impfstoff werden für den Herbst erwartet. Klassische Branchen sehen eine starke Normalisierung ihres Geschäfts. Industrieaufträge boomen. Börsenseitig bietet sich aktuell immer noch eine eklatant große Preisdiskrepanz zwischen teuren Tech- und Pharma-Werten und dem Rest des Marktes. Ohne die fünf Tech-Schwergewichte wäre der S&P 500 heute noch deutlich im Minus. Selektion ist gefragt. Mit Einführung eines Impfstoffes könnte der Markt einen Ausstieg aus diesen teuren Werten und einen regelrechten „Flight to Quality-Value“ erleben.

Einblicke in die Realwirtschaft

Die Halbjahresberichte der Unternehmen liefern interessante Einblicke in die Realwirtschaft und machen die Auswirkungen der Pandemie greifbar. So ist nach Schätzung von BASF das weltweite Bruttoinlandsprodukt im ersten Halbjahr um 6 Prozent und die globale Industrieproduktion um 8 Prozent gesunken. Der Chemiekonzern verweist insbesondere auf den Produktionsrückgang in der Automobilindustrie um mehr als ein Drittel und die anziehende Industrieproduktion in China im zweiten Quartal. Im Chemicals-Segment, das den übrigen BASF-Segmenten vorgelagert ist, agiert der Konzern an einem Massenmarkt, an dem Skaleneffekte erfolgsentscheidend sind. Hier gingen die Preise aufgrund der geringen Nachfrage um 25 Prozent massiv zurück, wodurch BASF als Marktführer seinen Marktanteil um 7 Prozent steigern konnte. Die Krise zementiert die Vormachtstellung der Marktführer.

Uneinheitliches Bild nach Sektoren und geografischer Lage

Was die Investitionstätigkeit insbesondere im zweiten Quartal anbelangt, verdeutlicht der Bericht von Schneider Electric, wie sehr sich die Lage in Nordamerika und Europa mit Umsatzrückgängen um 20 bzw. 21 Prozent von der im asiatisch-pazifischen Raum – vergleichsweise moderater Rückgang um 7 Prozent dank einer Erholung um mehr als 10 Prozent in China – unterscheidet. Mit Blick auf seine Auftragsbücher wagt Schneider einen Gesamtjahresausblick: Der Konzern rechnet mit einem Rückgang des organischen Wachstums um 7 bis 10 Prozent. Das Unternehmen zeigt sich gleichzeitig zuversichtlich, dass die Pandemie sein langfristiges Wachstumspotenzial von 3 bis 6 Prozent nicht in Gefahr bringt.

Die ausgezeichneten Zahlen von Givaudan (+4% insgesamt, +1% in den Industrieländern und +9% in den Schwellenländern) zeigen, dass sich der Konsum wacker schlägt. Demgegenüber steht das rückläufige Frachtvolumen bei Kühne + Nagel: In der Seefracht verzeichnete der Logistikkonzern im zweiten Quartal ein Minus von 12 Prozent nach 6 Prozent im ersten Quartal, in der Luftfracht stand nach dem Rückgang um 9 Prozent im ersten Quartal nun ein Minus von 22 Prozent zu Buche.

Börsen in Amerika und Europa driften auseinander

An den Börsen driftet die Entwicklung in Amerika und Europa immer stärker auseinander: So liegt der S&P 500 nach Zuwächsen um 5,5 Prozent im Juli im bisherigen Jahresverlauf nun um 1,3 Prozent und gegenüber dem Vorjahr um 10 Prozent im Plus. Demgegenüber gab der Eurostoxx 600 im Juli um 1,1 Prozent nach und hat im bisherigen Jahresverlauf 14 Prozent und gegenüber dem Vorjahr 8 Prozent an Wert eingebüßt. Der Strom der kaufwilligen Anleger konzentriert sich mehrheitlich auf den amerikanischen Markt, obwohl die Pandemie dort wieder aufflammt und die wöchentlichen Neuanträge auf Arbeitslosengeld wieder steigen. An die europäischen Börsen hingegen wagen sich kaum Anleger, und das trotz der guten Nachrichten vom EU-Gipfel, auf dem sich die Staats- und Regierungschefs auf einen Wiederaufbauplan verständigten und die Union so gleichsam auf ein neues Fundament stellten.

Dass sich die Börsen so sehr von der wirtschaftlichen Realität abkoppeln, stellt eine auf die Fundamentaldaten ausgerichtete Vermögensverwaltung vor Herausforderungen. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass solche Diskrepanzen nicht dauerhaft sind und es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich die Rationalität der Marktteilnehmer wieder durchsetzt.

Foto: Shutterstock

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