20. Juli 2020, 16:12
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Corona: Tourismus im Wandel

Die Corona-Pandemie hat die Urlaubspläne vieler verändert. Regionale Ziele statt Palmeninsel – nachhaltiger Trend oder kurzfristige Notlösung? Was bedeutet das für die Tourismusbranche – und die Umwelt? Dijana Bogdanovic, ESG Analystin bei Union Investment, blickt in die Zukunft des Reisens.

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Dijana Bogdanovic, ESG Analystin im Portfoliomanagement bei Union Investment

Die Corona-Pandemie hat unser Leben in fast allen Bereichen umgekrempelt – auch das Reiseverhalten. Zog es vor Corona viele Menschen in ferne Länder, wählen die meisten in diesem Jahr ein Urlaubsziel in der Nähe, im Idealfall ohne Flugzeug erreichbar. Eindrucksvoll belegen dies die Neuzulassungen für Reisemobile im Mai 2020 in Deutschland: 10.640 der rollenden Unterkünfte wurden neu angemeldet, das entspricht einem rekordverdächtigen Plus von rund 29 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat.

Doch ist dieses Verhalten nur der Sondersituation Corona geschuldet? Werden fernreisefreudige Staatsbürger wie die US-Amerikaner, Chinesen, Deutschen, Briten und Franzosen schon bald wieder durch die Welt fliegen wie vor dem Ausbruch von Covid-19? Oder zeichnet sich hier ein Trend ab, der die Branche nachhaltig verändern wird?

Es gibt Tourismusexperten, die vertreten die Ansicht, wir befänden uns nur in einer Zwischenphase und das Reiseverhalten werde sich nach Überwindung der Pandemie schnell wieder an den alten Stand angleichen. Sie vergleichen den Corona-Schock mit den Einbrüchen, die durch traumatische einmalige Ereignisse wie etwa die Terroranschläge vom 11. September hervorgerufen wurden.

Keine Fernreisen in diesem Jahr

Doch die Corona-Krise ist kein einmaliges Ereignis – sie hält weiterhin an. Noch nie zuvor befanden wir uns in einer Situation wie dieser. So lange kein Impfstoff oder ein wirksames Medikament gegen Covid-19 gefunden ist, wird sich das aktuelle Verhalten der Menschen wohl nicht ändern.

In der aktuellen Situation schrecken viele vor den möglichen Risiken einer Reise in weiter entfernte Länder zurück. Die Gesundheitsversorgung ist nicht immer auf gleichem Niveau, die Nachrichtenlage zu volatil. Deshalb wird aufgrund der Gefahr einer zweiten Corona-Infektionswelle auch nach einer weiteren Lockerung der Reisebeschränkungen der regionale Tourismus die bevorzugte Urlaubsvariante in diesem Jahr bleiben.

Das Ende der Kreuzfahrt-Branche?

Das hat bereits immense Auswirkungen auf die Fluggesellschaften. Linien wie die Lufthansa oder Air France mussten Staatshilfe annehmen, und die Konsolidierung des Sektors dürfte noch weitergehen. Mittelfristig sollte sich im Freizeitverkehr die Kurzstrecke zwar erholen. Weiterhin schwer aber werden es Anbieter haben, die sich auf Langstreckenflüge spezialisiert haben.

Besonders hart trifft es die Kreuzfahrtbranche: Bis die Umsätze von 2019 wieder erreicht werden können, wird es mehrere Jahre dauern. Die Branche hat traditionell hohe Investitionskosten, zugleich brachen die Umsätze ein. Noch verfügen die Unternehmen über Rücklagen. Doch eine zweite Corona-Welle hätte katastrophale Auswirkungen für die Betreiber und könnte den Niedergang der ganzen Industrie nach sich ziehen. Das spiegeln auch Aktienkurse von Kreuzschifffahrtgesellschaften wider, die um bis zu 75 Prozent eingebrochen sind.

Wer von einer Änderung des Reiseverhaltens profitiert

Des einen Leid ist jedoch des anderen Freud` – in diesem Falle nicht nur die der Fahrrad-, und Wohnmobilhersteller sowie der regionalen Urlaubsanbieter, sondern auch die des Klimas. Da emissionsintensive Reisen wie Kreuzfahrten und Fernreisen mit Flugzeug während der Corona-Pandemie zurückgingen, ist der CO2-Ausstoß deutlich gesunken. So berichtete ein internationales Forscherteam in der Fachzeitschrift „Nature Climate Change“, dass die globalen CO2-Emissionen Anfang April rund 17 Prozent niedriger als im Vorjahr lagen. In der Luftfahrt seien sogar im Vergleich zum Vorjahresdurchschnitt rund 60 Prozent weniger CO2 ausgestoßen worden.

Corona beschleunigt Wandel im Tourismus

Eine so drastische Verringerung wird sicherlich nicht von Dauer sein, da die „Lockdown“-Maßnahmen vieler Regierungen mittlerweile sukzessive gelockert werden. Doch es würde bereits einen signifikanten Unterschied machen, würde nur ein Teil der Bevölkerung das Reiseverhalten anpassen.

Der temporäre Verzicht auf die Fernreise könnte überdies dazu führen, dass die Menschen die Reize der näher gelegen Ziele entdecken: kürzere Anfahrten, niedrigere Kosten, mehr Flexibilität und Unabhängigkeit zum Beispiel bei Reisen mit dem Auto, dem Wohnmobil oder dem Fahrrad. Mittel- bis langfristig könnte dies zu einer Veränderung des Reiseverhaltens führen – man macht vielleicht nicht mehr jedes Jahr eine Fernreise.

Dafür spricht auch das Ergebnis einer Studie, die im European Journal of Social Psychology veröffentlicht wurde. Demnach dauert es zwischen 18 und 254 Tage, bis sich bei Menschen eine Gewohnheit etabliert hat. Die Corona-Krise wird länger anhalten und das Konsumenten- und Reiseverhalten nachhaltig ändern. Das bedeutet nicht, dass von nun an alle nur noch mit dem Auto oder mit der Bahn verreisen – doch mittel- bis langfristig dürfte es zu einer Verschiebung der Präferenzen kommen.

Hinzu kommt: Dieser Trend ist nicht durch die Corona-Pandemie hervorgerufen worden – er hat sich bereits vorher abgezeichnet. Bereits vor der Krise begannen Menschen, das oft vom billigen Preis getriebene Massenkonsum- und Reiseverhalten zu hinterfragen, der Begriff Flugscham wurde zum ersten Mal 2018 in einer schwedischen Zeitung verwendet. Corona beschleunigt diesen Wandel. Das Ziel sollte nicht der Verzicht von Konsum zulasten von Wachstum sein, sondern das Streben nach qualitativ besserem Wachstum, das von CO2-Emissionen weitgehend entkoppelt ist. Ein Trend zum regionalen Tourismus könnte hier durchaus Abhilfe schaffen.

Foto: Union Investment

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