7. Juli 2020, 05:48
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Coronakrise: USA oder Europa – welche Kapitalmärkte erholen sich schneller?

Die Corona-Pandemie hat die Finanzmärkte dies- und jenseits des Atlantiks nach wie vor fest im Griff. Mit sorgenvollem Blick schauen Anleger auf die Kapitalmärkte in Europa und den USA. Cash. sprach mit Michael Blümke, Lead Portfolio Manager des Ethna-AKTIV, über die gegenwärtig prekäre Situation und welche Märkte Investoren in den Fokus nehmen sollten.

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Michael Blümke, Ethenea

Herr Blümke, Ende und Ausmaß der durch Corona ausgelösten Krise sind längst noch nicht absehbar. Anleger in Europa beobachten die Entwicklung in den USA immer sehr genau. Wenn Sie beide Märkte miteinander vergleichen, wo sehen Sie die schnelleren Erholungschancen?

Blümke: Sie haben völlig recht – wir befinden uns in einer Krise, die in vielerlei Hinsicht sicherlich als einzigartig beschrieben werden kann. Global durchleben alle Wirtschaftsräume einen massiven Konjunktureinbruch aufgrund der staatlich verordneten Lockdowns und Kontaktbeschränkungen im Zuge der COVID-19-Pandemie. Diese weltweiten, flächendeckenden Effekte sind beispielsweise mit der Finanzkrise von 2008 gar nicht vergleichbar.

Wenn wir die Lage in der Europäischen Union (EU) mit der in den USA vergleichen, müssen wir zunächst festhalten, dass einzelne Staaten innerhalb der EU schon im Verlauf der vergangenen Jahre mit technischen Rezessionen zu kämpfen hatten. In den USA hingegen hat Corona im ersten Quartal dieses Jahres dem historisch längsten Wirtschaftsaufschwung nach mehr als zehn Jahren ein abruptes Ende gesetzt. Das Ausmaß der aktuellen Wachstumsrückgänge ist zwar in beiden Regionen in etwa vergleichbar, die Ausgangslagen waren aber andere. Auf die Frage, welcher Wirtschaftsraum sich schneller erholt, gibt es aus unserer Sicht eine sehr klare Antwort: die USA.

Warum?

Blümke: Die Begründung dafür ist vielschichtig. In erster Linie sind es die Stärken der Vereinigten Staaten von Amerika und die Schwächen der Europäischen Union, die uns zu dieser, nicht allzu gewagten Behauptung führen. Zusätzlich spielen aber auch die Währung und die unterschiedlichen Sektorengewichtungen eine bedeutende Rolle.

Können Sie das genauer erläutern?

Blümke: Das Zweiparteiensystem in den USA hat sicherlich einige Nachteile, beispielsweise die Möglichkeit leichter gegenseitiger Blockaden. Ein Vorteil dieses Systems ist jedoch, dass die USA einen einfacheren und direkteren Entscheidungsfindungsprozess sowohl in monetären als auch in fiskalpolitischen Belangen haben. Dieser ist darüber hinaus auf stark zentralisierte Autoritäten ausgerichtet.

Hinzu kommt: Die US-amerikanischen Unternehmen profitieren von einem – relativ betrachtet – günstigen Steuersystem, weniger Regulierungen und einem sehr liberalen Arbeitsmarkt. Und trotz der massiven Steuersenkungen auf Unternehmensgewinne, die bereits zu Beginn der Amtszeit des aktuellen US-Präsidenten in Kraft traten, wird derzeit eher über weitere Steuersenkungen diskutiert als über ein Zurückdrehen dieses doch üppigen Wahlgeschenks. Selbst wenn die Demokraten nach der diesjährigen Wahl das Oval Office und beide legislative Kammern übernehmen sollten, dürfte sich an dieser grundsätzlich sehr marktfreundlichen Politik nicht viel ändern.

Und in Europa gestaltet sich die Lage anders?

Blümke: Ja. Dem vergleichsweise stringenten US-amerikanischen System steht eine wirtschaftliche und geldpolitische, jedoch keine wirklich politische Union in Europa gegenüber, die darüber hinaus noch durch verschiedene, teilweise asynchrone ökonomische Zyklen und sehr unterschiedliche makroökonomische Fundamentaldaten gekennzeichnet ist. Die daraus resultierenden verschiedenen – und teilweise divergierenden – Interessen der Mitgliedsstaaten erschweren grundsätzlich jede Entscheidung und sorgen auch in dieser Krise dafür, dass eine sowohl zeitnahe als auch ausreichende Fiskal- und Geldpolitik quasi unmöglich ist. Der politische Konsens bedeutet in Europa immer Zeit- und Qualitätsverlust und endet in der Regel in dem allseits bekannten „Muddle Through“. Das aktuelle EU-Budget genügt nicht annähernd, um den mit der COVID-19-Krise verbundenen Herausforderungen zu begegnen.

An dieser Einschätzung ändert auch das geplante Hilfspaket der EU nichts?

Blümke: Das vorgeschlagene Fiskalpaket der Eurozone stellt zwar einen ersten Schritt in Richtung Fiskalunion und mehr Solidarität unter den Teilnehmern dar, jedoch bleibt abzuwarten, ob und wie schnell es wirklich Realität wird. Sollte es zur Umsetzung des Pakets kommen, wird es nur wieder längst notwendige nationale Strukturreformen hinauszögern und zudem zu einer enormen Belastungsprobe für die demokratischen Vertreter der Nettozahler werden. Diese werden nämlich für die Maßnahmen bei der nächsten Wahl zur Rechenschaft gezogen. Dass dies unter anderem ein Hinweis auf die Bundestagswahl in Deutschland in 2021 ist, dürfte klar sein.

Apropos Deutschland. Zu den wahrscheinlichen europäischen Hilfen kommen ja noch die Gelder hinzu, die beispielsweise Deutschland in erheblichen Umfang, ganz unabhängig von Brüssel, zur Verfügung stellt.

Blümke: Natürlich dürfen wir bei dieser Diskussion neben den gesamteuropäischen Maßnahmen nicht die beschlossenen – und durchaus auch umfangreichen – Stimuluspakete der Einzelstaaten vergessen. Diese sind aber weder gesamteuropäisch koordiniert, noch dienen sie Interessen, die über die jeweiligen Ländergrenzen hinausgehen. Bedingt durch die unterschiedlichen Größenordnungen werden sie eher dazu führen, dass Divergenzen zwischen den Staaten weiter zunehmen.

Zurück zu dem Vergleich mit den USA. Sie nannten vorhin als weitere Vorteile der Vereinigten Staaten die Währung sowie die unterschiedliche Sektorengewichtung. Können Sie das näher erläutern?

Blümke: Hier haben wir zum einen den Status des US-Dollars als globale Reservewährung. Die internationale Suche nach „Safe Haven“-Anlagen führt dazu, dass die Vereinigten Staaten ihr Defizit einfacher finanzieren können, ohne ein zu hohes Abwertungsrisiko einzugehen. Damit werden die Finanzierungskosten sowohl für den öffentlichen als auch für den privaten Sektor niedrig bleiben. Der „Alte Kontinent“ dagegen hat weiterhin das Problem, dass seine Währung für einige Länder zu stark und für andere zu schwach ist. Die Gemeinschaftswährung kann nicht ihrer ausgleichenden Funktion für alle Staaten nachkommen.

Zum anderen ist auch die dominierende Rolle der Vereinigten Staaten im Technologiesektor entscheidend für die Geschwindigkeit der wirtschaftlichen Erholung. Hier müssen wir festhalten, dass eine Vielzahl der Tech-Unternehmen im Sektorenvergleich in dieser Krise weitaus weniger anfällig waren und teilweise sogar von ihr profitieren konnten. Beispielhaft seien hier die Bereiche Cloudcomputing und Zahlungsdienstleistung zu nennen, die in Zeiten von Social Distancing zusätzlichen Rückenwind bekommen haben.

Angesichts all dessen sollten Anleger also nun den Fokus auf die USA anstatt auf Europa legen?

Blümke: Ganz so einfach ist es nicht. Die regionale Diversifizierung ist ja nur ein Aspekt eines ausgewogenen Multi-Asset-Portfolios. Zusammenfassend lässt sich aber in der Tat festhalten, dass die Vereinigten Staaten gegenüber der EU einen strukturellen Vorteile haben, dank dem sie die aktuelle Krise mit hoher Wahrscheinlichkeit schneller als der europäische Wirtschaftsraum überwinden werden. Wenn daraus jedoch eine Schlussfolgerung bezüglich zukünftiger Börsenentwicklungen getroffen werden soll, mahnen wir zur Vorsicht. Denn kurzfristig muss berücksichtig werden, wie viel eines zukünftigen Wachstums bereits antizipiert und eingepreist wird. Soll heißen: Eine pauschalisierte Ableitung allein aus den zuvor genannten Faktoren ohne Berücksichtigung der aktuellen Bewertungen wäre zu einseitig. Langfristig allerdings – und damit ist ein Zeithorizont weit jenseits eines Jahres gemeint – werden sich diese fundamentalen Wachstumsvorteile definitiv auch in sich besser entwickelnden Aktienindizes widerspiegeln.

Fotos: Ethenea, Shutterstock

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