6. Mai 2020, 18:10
Teilen bei: Ihren XING-Kontakten zeigen | Ihren XING-Kontakten zeigen

„Coronomics“ – Deutschland sucht den Super-Staat

Der Öffnungsprozess des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens darf nur nach vorne gehen. Denn der Homo oeconomicus ist vergleichbar mit einem Esel, dem man die Karotte vor das Maul hält, damit er wieder bereit ist, zu laufen, den Karren zu ziehen. Diese Logik vom Bauernhof müssen auch Politiker beherzigen. Die Halver-Kolumne

Halver-Robert-Baader-Bank-BBO4957 in „Coronomics“ - Deutschland sucht den Super-Staat

Robert Halver, Baader Bank

Schon Ludwig Erhard wusste: „Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie“. Neue Shutdown-Verschärfungen sind ökonomische Wehrkraftzersetzung. „Flatten the curve“ ja, aber nicht „flatten the economy“. Übrigens, nicht jeder, der einen Mund hat, ist aufgefordert, ihn abseits der Nahrungsaufnahme für Aussagen zu missbrauchen, die nur zu wirtschaftlichen Verwirrungen führen. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. 

Bis die Türen wieder sperrangelweit auf sind, wird es sicherlich noch dauern. Und selbst dann wird es wirtschaftlich nicht im Schweinsgalopp Richtung Vorkrisenniveaus gehen. Viele Firmen, die finanziell schwach auf der Brust sind, werden zunächst ihre von Corona geschlagenen Wunden heilen wollen. Und der Konsument, der nach Jahren des Daueraufschwungs in die Abgründe von Lohnkürzungen, Existenzangst und Arbeitslosigkeit geschaut hat, wird seine Kauflust aus Risikogründen zügeln und zuerst gestundete Mietzahlungen nachholen und Notkredite zurückzahlen. Größere Anschaffungen wie ein neues Auto oder die neue Küche haben auch noch ein, zwei Jahre Zeit und aus der Fernreise wird der Tagesausflug in den Freizeitpark.

Um Konsumenten und Investoren wieder richtig in Stimmung zu bringen, sind neue aphrodisierende staatliche Konjunkturprogramme wohl unausweichlich.  

Die Corona-Krise als kollektive Ohnmachtserfahrung

Aber, je länger der Staat sein großzügiges Herz zeigt, umso mehr könnte man sich an seine „Lösungsfähigkeit“ nicht nur als Ausnahme, sondern als Regel gewöhnen. Wo er uns doch so schön die kollektive Last der Corona-Krise abnimmt, solle er doch bitte auch zukünftig möglichst viele Lebensrisiken übernehmen. Aufgepasst, diese Rufe werden in bestimmten politischen Kreisen mit Rhabarberblatt-großen Ohren wie Gebete erhört, als fromme Wünsche nach viel mehr und längerfristigem Staatseinfluss verstanden.

Dieser Staat, der die Musik bestellt, muss sie zwar auch bezahlen. Aber er bestimmt auch, was gespielt wird. Aus der Popmusik der vielfältigen Marktwirtschaft könnte die Marschmusik der gleichschrittigen Staatswirtschaft werden, sozusagen die „Coronomics“. Wer möglichst viel Verantwortung an den Staat abgibt, darf sich also nicht wundern, wenn der sich breitmacht und persönliche und wirtschaftliche Freiheiten weniger ernstnimmt. Dass die Bundesregierung vor Kurzem tatsächlich kritisierte, dass Gerichte sich um staatliche Eingriffe in demokratische Freiheitsrechte sorgen, halte ich für einen bemerkenswerten Akt.

Hätte der Staat z.B. das Sagen bei Lufthansa, droht eine „Alitalisierung“. Mangelnder Wettbewerbsgeist, Bürokratie und die große Familienpackung politischen Gutmenschentums könnten den stolzen Kranich in einer der weltweit konkurrenzstärksten Branchen zum gerupften Huhn machen. Entwickelt sich Staatseinfluss gar zum landesweit streuenden Virus, nimmt die gesamte Volkswirtschaft Schaden.     

Wir sind doch keine kleinen unmündigen Kinder, denen Mutti und Vati aus erzieherischen Gründen die Süßigkeiten wegnehmen oder das WLAN abdrehen muss. Wir müssen nicht zu guten obrigkeitshörigen Staatsdienern erzogen werden, damit wir dem bösen Kapitalismus wie dem Teufel entsagen. Dieser ach so verwerfliche Kapitalismus, der in Deutschland im Vergleich zu den USA oder Großbritannien Soziale Marktwirtschaft heißt und ist, hat uns erst den heutigen großflächigen Wohlstand ermöglicht. Das dies geneigte Kreise aus ideologischen Gründen anders sehen, ist ihr gutes Recht. Stuss ist es trotzdem.  

Nein, auch eine Pandemie rechtfertigt nicht Staatsräson. Wir brauchen keinen neuen „Klassenkampf“, bei dem das Verhältnis von Freiheit und Kontrolle, Selbstverantwortung und Big Government, zwischen Individuum und Kollektiv neu ausgehandelt wird.

Diesen Kampf hat die Soziale Marktwirtschaft bereits mit k.o. gewonnen.  

Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieranalyse und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums 1990. Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator. Er ist aus Funk und Fernsehen bekannt und schreibt regelmäßig für Cash.

Foto: Baader Bank

Ihre Meinung



 

Versicherungen

Mehr Schutz für die Zähne, ambulant und stationär?

Einfach geregelt. Mit den neuen Zusatzversicherungen der SDK. Als Einzelversicherung für Privatpersonen oder als betriebliche Krankenversicherung für Firmen.

mehr ...

Immobilien

ZIA: Bundesweiter Mietenstopp schadet Mietern

Der Zentrale Immobilien Ausschuss ZIA, Spitzenverband der Immobilienwirtschaft, kritisiert die aktuellen Vorschläge des Deutschen Mieterbundes für einen bundesweiten Mietenstopp.

mehr ...

Investmentfonds

Wie reagieren die Märkte auf den sich verschärfenden US-Präsidentschafts-Wahlkampf?

Die Corona-Krise hat Präsident Trump in eine etwas schwierige Lage gebracht. Dies hat dazu geführt, dass seine Chancen auf eine Wiederwahl im November von einigen Beobachtern in Frage gestellt wird. Wenn man bedenkt, was Präsident Trump während seiner Amtszeit zugunsten des Unternehmenssektors bewirkt hat, gibt es in der Tat guten Grund zur Sorge, sollten einige der von ihm eingeführten Maßnahmen im Falle eines Biden-Sieges rückgängig gemacht werden. Aber ist es so einfach? Genauso wichtig ist es zu berücksichtigen, wie der Kongress aufgeteilt sein wird. Ein Kommentar von François Rimeu, Senior Strategist, La Française AM

mehr ...

Berater

Erbrecht: Wann ist eine Testamentsunterschrift gültig?

Für die Unterzeichnung eines notariell errichteten Testaments genügt es, wenn der Erblasser versucht, seinen Familiennamen zu schreiben und die Unterschrift krankheitsbedingt nur aus einem Buchstaben und einer anschließenden geschlängelten Linie besteht, entschied das OLG Köln in seinem Beschluss vom 18. Mai 2020.

mehr ...

Sachwertanlagen

Deutsche Finance konzentriert institutionellen Vertrieb in der Schweiz

Die DF Deutsche Finance Capital Markets GmbH mit Sitz in Zürich verantwortet zukünftig das Capital Raising bei institutionellen Investoren. Kernaufgabe ist die Koordination und Durchführung der internationalen Distribution aller institutionellen Investitionsstrategien der Deutsche Finance Group.

mehr ...

Recht

Oberstes US-Gericht beendet Streit um Finanzunterlagen Trumps nicht

Der Streit um die Herausgabe von Finanzunterlagen des US-Präsidenten Donald Trump ist auch nach Entscheidungen des Obersten Gerichts der USA nicht beendet. Der Supreme Court sprach Trump am Donnerstag “absolute Immunität” ab und gestand der Bezirksstaatsanwaltschaft in Manhattan das Recht zu, grundsätzlich Finanzunterlagen Trumps einsehen zu können. Eine zweite Entscheidung des Gerichts hindert Ausschüsse des Parlaments aber vorerst daran, ähnliche Dokumente zu erhalten.

mehr ...