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Deutsche Investmentbranche erwartet Konsolidierung und Insolvenzen

Welche langfristigen Folgen wird die durch die Covid-19-Pandemie ausgelöste Krise auf die globalen Kapitalmärkte haben? In einer weltweiten Umfrage hat das CFA Institute dazu 13.278 Verbandsmitglieder, davon 258 aus Deutschland, befragt. Die Ergebnisse lassen das Schlimmste befürchten.

Erholung von der Rezession

Die Umfrage wurde im Zeitraum 14. bis 24. April 2020, vornehmlich unter Portfolio und Wealth Managern sowie Finanzanalysten, online durchgeführt. Nur jeder zehnte deutsche Umfrageteilnehmer (12 Prozent) hält eine schnelle, V-förmige, wirtschaftliche Erholung für wahrscheinlich. Damit liegen die Deutschen fast gleichauf mit den Marktteilnehmern weltweit (10 Prozent). Die Mehrheit der deutschen Investmentmanager (39 Prozent) erwartet eine längere Abschwungphase mit einer U-Erholung. Ein Drittel (37 Prozent) ist etwas pessimistischer und rechnet mit einem sogenannten „Hockey Stick“-Szenario, welches eine zwei- bis dreijährige Stagnation impliziert. „Unsere Mitglieder bilden einen Querschnitt der Investmentbranche weltweit. Insgesamt legen die Ergebnisse der Umfrage nahe, dass das Sentiment deutlich weniger bullish ist, als es die hohen Bewertungen der Aktienmärkte im Moment suggerieren“, kommentiert Olivier Fines, CFA, Head of Advocacy des CFA Institute für die EMEA-Region und Autor der Studie.

Konsolidierungen erwartet

Fast jeder zweite deutsche Umfrageteilnehmer (43 Prozent) geht davon aus, dass der Asset Management-Branche Insolvenzen sowie eine Konsolidierungswelle infolge der Corona-Krise bevorstehen. „Weltweit erwartet immerhin ein Drittel der Finanzexperten Konsolidierungen. Ebenso rechnen die Deutschen mit mehr Unternehmenspleiten als ihre internationalen Kollegen. Angesichts düsterer Wirtschaftsprognosen und wegbrechender Einnahmen gehen die Deutschen offenbar von entsprechenden Narben aus“, kommentiert Susan Spinner, CFA, Geschäftsführender Vorstand der CFA Society Germany. Mit Blick auf die langfristigen, strukturellen Effekte der Krise wird global ein Trend zu mehr Skalierung und Automatisierung von Prozessen zwecks Hebung von Kostensenkungs- und Effizienzsteigerungspotenzialen erwartet.

Rolle der Regierungen und Zentralbanken

Bei der Frage nach der Alternativlosigkeit fiskal- und geldpolitischer Reaktionen auf die Krise gab es erhebliche regionale Unterschiede. So besteht zwar weitgehend Konsens darüber, dass milliardenschwere (nationale) Konjunktur- sowie (internationale) Hilfs- und Zentralbankprogramme (inklusive quantitativer Lockerung) kurzfristig stabilisierend wirkten. Darüber, wie es nun weitergehen soll, bilden sich jedoch zwei Lager heraus. Die eine Hälfte (49 Prozent) hält die bisherigen Maßnahmen für nicht ausreichend, um die Wirtschaft nachhaltig zu stützen. Die andere Hälfte (49 Prozent) fordert ein Rückfahren der Programme und ein schnelles Abtragen der damit verbundenen Schulden. Die Deutschen ordnen sich mehrheitlich diesem zweiten Lager zu (55 Prozent). Mehr noch: In keinem anderen Land wird monetäre Finanzierung skeptischer gesehen und häufiger die Ansicht vertreten, dass die Kosten hoher Staatsverschuldungen letztlich zu Staatsbankrotten führen könnten. Dies meinen vier von zehn deutschen Teilnehmern (42 Prozent), international sind es nur 28 Prozent (Mehrfachnennungen waren möglich).

Regulierung und professionelle Standards in Krisenzeiten

Im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Lockdown verloren Wertpapiere weltweit seit Mitte Februar zwischenzeitlich rund 20 bis 30 Prozent an Wert. Die Volatilitäten erreichten ähnliche Niveaus wie während der Finanzkrise im Jahr 2018. Alarmierend: Fast die Hälfte der deutschen Teilnehmer (46 Prozent) befürchtet vor dem Hintergrund dieser Marktverwerfungen eine Zunahme unethischen Verhaltens in den Finanzhäusern. „Wenn die Investmentbranche ethische Standards, auf die sie sich in Nicht-Krisenzeiten verpflichtet hat, nun relativiert oder gar aussetzt, dann wäre dies ein fatales Signal. Sparer und Anleger, die Finanzdienstleistungen nachfragen, müssen Vertrauen in den Anbieter haben. Dieses Vertrauen speist sich aus der Kompetenz und Ehrlichkeit des Anbieters“, so Susan Spinner.

Die Mitglieder des CFA Institute, die sich für ethische und professionelle Standards in der Finanzindustrie engagieren, sind der Meinung, dass aufsichtsrechtliche Pflichten und Verhaltensregeln nicht als Reaktion auf die Krise gelockert werden sollten. Bei der Frage, welche Instrumente den Regulierungsbehörden zur Verfügung stehen, stimmten 88 Prozent der deutschen Teilnehmer (weltweit: 75 Prozent) zu, dass Investmentfirmen, die während der Krise Nothilfen erhalten, keine Dividenden oder Boni ausschütten sollten. 72 Prozent der Deutschen (weltweit: 83 Prozent) sprechen sich gegen ein Verbot von Leerverkäufen während der Krisenphase aus. Interessanterweise regen 79 Prozent der Deutschen (weltweit: 84 Prozent) eine Überprüfung der Rolle von ETFs während der Krise an, um deren potenziellen systemischen Einfluss auf Marktvolatilität, Liquidität, Preisfindung sowie etwaige Panikverkäufe zu ermitteln.

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