16. Juli 2020, 09:00
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Die eigentliche Frage im Fall Wirecard

Am Ende wird es wohl der größte Bilanzskandal in der Geschichte der Bundesrepublik sein. Allen Fragen um Konten auf den Philippinen, Fehler beim Wirtschaftsprüfer EY und Versäumnisse der Aufsicht BaFin in den kommenden Monaten muss vorangestellt werden: Warum hat niemand hinterfragt, wie Wirecard sein Geld wirklich verdient? Eine Kolumne von Lucas von Reuss, geschäftsführender Gesellschafter der Quant IP GmbH in München. Die steinbeis & häcker vermögensverwaltung gmbh agiert als Haftungsdach für diesen Fondsmanager.

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Lucas Reuss, Quant IP GmbH

Auf dem Höhepunkt, dem Aufstieg in den deutschen Premium-Index DAX, betrug der Börsenwert von Wirecard 25 Milliarden Euro. Die Geschichte war gut: Das aufstrebende Tech-Unternehmen aus Aschheim verdrängte die biedere Commerzbank. Endlich hatte Deutschland ein innovatives Unternehmen im DAX. Zahlreiche Analysten sahen Wirecard schon auf Augenhöhe mit SAP, dem einzigen IT-Unternehmen aus Deutschland mit Weltruf. Diese Geschichte war zu gut, um wahr zu sein – auch abseits von Geldwäschevorwürfen und Ungereimtheiten bei der Abrechnung im Asiengeschäft.

Wachstum ohne Basis

Wirecard war ein Zahlungsdienstleister. Wie lukrativ das langweilige, von Banken verschlafene Geschäft der Zahlungsabwicklung sein kann, sieht man an den Gewinn- und Kursentwicklungen von Visa, Mastercard und PayPal. Doch was sind in diesem Geschäft die Treiber der Profitabilität, die auch Wirecard so lange ausgewiesen hat? Gehen wir die relevanten Kandidaten durch:

1. Netzwerkeffekte spielen eine Rolle (viele Nutzer erhöhen den Wert des Netzwerks für die anderen Nutzer). Je mehr Endkunden, desto interessanter ist ein Dienst für Shops, je mehr Shops angebunden sind, desto attraktiver ist ein Dienst für Endkunden.

2. Vertrauensreiche Marken sind bei allen Finanzdienstleistungen von Vorteil. Und bei der Entscheidung, wem ich mein Geld anvertraue – und sei es nur für einen Einkauf bei Amazon über wenige Euro – gilt das natürlich auch.

3. Technologie kann – wie immer – ein Vorteil sein. Wenn überlegene IT die digitale Abwicklung von Zahlungen schneller, sicherer oder günstiger macht, kann ich Kunden überzeugen, auch wenn ich nur ein kleines Netzwerk und keine starke Marke habe.

Netzwerke und Marke sprechen für Visa und Mastercard, die schon Jahrzehnte rund um den Globus aktiv sind. PayPal schaffte den Durchbruch mit Technologie und schützt seine Innovationen heute mit ca 500 Patenten. Der Konkurrent Square publizierte allein in den vergangen drei Jahren knapp 40 Patente, um Software und Hardwarelösungen zu schützen. Und Wirecard? Die Aschheimer sicherten ihre gesamte Technologie mit gerade einem Patent.

Technologieunternehmen ohne Technologie

Natürlich kann man von dieser Tatsache allein noch nicht auf einen Betrugsfall schließen. Aber wenn ein Unternehmen sich in einem technologisch dynamischen Umfeld auf Wachstumspfad befindet und sich selbst als Technologieunternehmen bezeichnet, sollte das Verhältnis von 25 Milliarden Euro Marktkapitalisierung zu einem einzigen Patent hinterfragt werden: Warum kann Wirecard seine Technologie nicht schützen? Welchen anderen Schutz seiner IP (intellectual property – geistiges Eigentum)  errichtet das Management? Falls IP und Technologie vom Management nicht als wichtig eingeschätzt werden – was ist dann ein strategischer Vorteil gegenüber Visa, Mastercard und Co?

Diese Fragen zum Kern jeder Investmentidee, zum Kern der Wertschöpfung des Unternehmens muss jeder Analyst, jeder Investor eigentlich stellen, insbesondere wenn das Geschäftsmodell komplex ist. Und gerade, wenn die Finanzkennzahlen schwer zu interpretieren sind, sollte man als Anleger Bestätigung von alternativen Informationsquellen einholen – und bei deren Ausbleiben umso vorsichtiger sein. Vielleicht wird ein Blick in die Patentdatenbanken ja irgendwann Standard bei der Beurteilung von selbsternannten Technologieunternehmen.

Fotos: Quant IP GmbH, picture-alliance

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