11. Mai 2020, 17:26
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Die größten Zinsfallen für Anleger

Das niedrige Zinsniveau lässt risikoarme Anleihen vielfach unattraktiv erscheinen. Anleger sollten sich aber darauf besinnen, welche Rolle ihnen im Portfolio zukommt.

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Rund ein Drittel der globalen Staatsanleihen weist derzeit eine negative Verzinsung auf. Nach einem Hoch von 17 Billionen US-Dollar im vergangenen Sommer liegt das Volumen negativ rentierender

Anleihen weltweit bei immer noch stattlichen 13,4 Billionen US-Dollar. In diesen Fällen zahlen Anleger eine Prämie damit sie einem Unternehmen oder einem Staat Geld leihen dürfen.

Und während die Renditen auf Staatsanleihen in Japan, der Schweiz und Deutschland bereits über das gesamte Laufzeiten- spektrum im Minus liegen, geht der Trend auch in vielen anderen Industriestaaten in Richtung Magerzins: Renditen von unter zwei Prozent sind mittlerweile weltweit zur Regel geworden.

Versicherungen und Pensionskassen mit Problemen

Was Schuldner rund um den Globus freut, weil sie sich extrem günstig refinanzieren können, wird für Investoren zu einer immer größeren Herausforderung. Insbesondere institutionelle Investoren wie Versicherungen und Pensionskassen haben zunehmend Schwierigkeiten, ihren langfristigen Verbindlichkeiten über ein Engagement an den globalen Rentenmärkten zu genügen. Aber auch für Privatanleger erweist sich die Entwicklung als anspruchsvoll: Sollten sie künftig einen Bogen um die Rentenmärkte machen und entsprechende Investments gemeinsam mit anderen zinsbasierten Sparprodukten wie Tages- und Festgeldern gänzlich aussortieren?

Bereits seit Jahren heißt es in schöner Regelmäßigkeit, Dividenden seien der neue Zins. Beizeiten sollten Anleihen und andere Zinsprodukte gegen Aktien getauscht werden. Doch so einfach ist es naturgemäß nicht. Vielmehr lautet die Antwort „Nein“. Anleger brauchen auch weiterhin Anleihen. Dass die Antwort eindeutig ausfällt, hat auf der einen Seite mit der langfristigen Historie von Zinsen und Anleiherenditen sowie ihren jüngeren Entwicklungen zu tun und auf der anderen Seite mit der Aufgabe, die Anleihen weitestgehend unabhängig von kurz- bis mittelfristigen Trends an den Kapitalmärkten erfüllen sollten.

Zunächst ist festzustellen, dass die Zinsen auf lange Sicht deutlich gesunken sind: In einer umfangreichen Untersuchung hat der Wirtschaftshistoriker Paul Schmelzing von der US-Universität Yale jüngst dargelegt, dass sich der risikolose Realzins bereits seit dem späten Mittelalter in einem kontinuierlichen, wenn auch nicht linearen Abwärtstrend befindet. Der umfangreichen Auswertung zufolge sind die Realzinsen seit dem 13. Jahrhundert um durchschnittlich 1,6 Basispunkte pro Jahr gesunken, das entspricht 1,6 Prozentpunkten pro Jahrhundert.

Schmelzings Analyse der Entwicklung von Zins und Inflation über die vergangenen acht Jahrhunderte legt somit nahe, dass die aktuell vielfach negativen Zinsen – anders als es das subjektive Empfinden suggeriert – ein neuer Normalzustand sein könnten. Ja, sie könnten durchaus auch noch weiter ins negative Terrain vorstoßen. Das gilt selbst dann, wenn berücksichtigt wird, dass der Abwärtstrend in der Vergangenheit in Zyklen verlief und auf Phasen der Zins-Depression regelmäßig eine Trendumkehr mit teilweise erheblichen Zinsanstiegen folgte.

Bisher keine Signale für Trendwende

Zurzeit deutet nichts auf eine bevorstehende Trendwende an den Rentenmärkten hin. Die jüngste Niedrigzins-Phase wurde von den Zentralbanken bekanntermaßen als Antwort auf die globale Finanzkrise 2008 eingeläutet. Leitzinssenkungen sollten kurzfristige Kredite verbilligen und Unternehmen und Konsumenten so animieren, ihre Ausgaben zu steigern. Firmen sollten in Ausrüstung investieren und vermehrt Arbeitskräfte einstellen, Konsumenten neue Autos und schnellere Computer kaufen, häufiger verreisen und insgesamt mehr Geld ausgeben. Ziel dieser geldpolitischen Maßnahmen war es, der Wirtschaft nach dem starken Konjunktureinbruch neuen Schwung zu verleihen.

Der Erfolg ist angesichts weiter moderater Wachstumsraten und anhaltend geringer Inflationsraten in vielen etablierten Volkswirtschaften bis heute umstritten. Allenfalls durchwachsene Aussichten für die Weltwirtschaft sind denn auch ein Grund dafür, dass ebenfalls Anleihen mit langen Restlaufzeiten vielfach negative Renditen aufweisen. So rentiert selbst die erst im August 2050 fällige deutsche Bundesanleihe mit einem Zinssatz von 0,00 Prozent Ende Februar aufgrund der Kursentwicklung bei minus 0,166 Prozent.

Kursentwicklungen sind der zweite Faktor, der die Renditen weiterhin negativ beeinflusst: Viele Investoren setzen in Erwartung einer weiteren Renditekompression auf Anleihen, um Kursgewinne einzustreichen, die sich zwischenzeitlich vor Laufzeitende einstellen könnten, wenn das Zinsniveau tatsächlich weiter sinkt. Das kann durchaus funktionieren. So glänzten beispielsweise zehnjährige Bundesanleihen trotz ihrer minimalen Kupons im vergangenen Jahr mit einem Plus von sechs Prozent – dank entsprechender Kursgewinne.

Privatanleger sollten sich grundsätzlich darauf besinnen, welche Rolle Anleihen in ihren Depots zukommt

Aber auch wenn es unwahrscheinlich erscheint, dass sich ein solches Szenario 2020 wiederholt, bleiben viele Investoren den Anleihemärkten treu und nehmen lieber Erträge nahe Null in Kauf, als sich den unzweifelhaft gestiegenen Risiken an den Aktienmärkten auszusetzen.

Weitestgehend unabhängig von derartigen Marktentwicklungen und ungeachtet des herausfordernden Rentenmarkt-Umfelds sollten sich Privatanleger allerdings grundsätzlich darauf besinnen, welche Rolle Anleihen in ihren Depots zukommt. Ihre wichtigste Aufgabe ist und bleibt, als Gegengewicht zu risikoreicheren Anlagen für Stabilität zu sorgen. Selbst unter den aktuell ungünstigen Zins-Umständen tragen Anleihen dazu bei, das Risiko des Gesamtportfolios und seine Schwankungen maßgeblich zu beschränken.

Zahllose Studien belegen, dass eine breite Diversifikation und eine angemessene Aufteilung des Vermögens auf unterschiedliche Anlageklassen (Asset Allocation) den wesentlichen Faktor für einen langfristigen Anlageerfolg darstellen. Vergleichsweise kurzfristige Entwicklungen ändern an diesen Erkenntnissen nichts. Es gilt, auch regelmäßig an kurz- bis mittelfristig vermeintlich unattraktiven Anlageklassen festzuhalten, um ein stabiles Korsett aufrecht zu erhalten.

Wie die Aufteilung konkret aussehen sollte, welchen Anteil Anleihen insgesamt und welche Anlagesegmente ihnen im Einzelnen im Depot zukommen sollten, hängt dabei weit stärker vom Anlagehorizont, den Anlagezielen und der Risikotoleranz des Anlegers ab, als von kurzfristigen Marktentwicklungen.

Dies sollten Anleger berücksichtigen, wenn sie über ihre konkrete Anleihen-Allokation nachdenken. Grundsätzlich geht es stets darum, die grundlegenden Prinzipien erfolgreicher Kapitalanlage zu beherzigen, mag das aktuelle Umfeld auch andere Investment-Entscheidungen nahelegen.

So kann es gerade unter den aktuellen Bedingungen verlockend erscheinen, negativ rentierende Anleihen zu Gunsten von Papieren auszusortieren, die auch heute noch eine positive Rendite aufweisen. Ein globales Rentenportfolio sollte indessen in erster Linie der Diversifikation des Portfolios dienen und nicht als Renditequelle angesehen werden.

In diesem Zusammenhang durchaus sinnvoll erscheint – insbesondere vor dem Hintergrund der niedrigen Renditen –, Anleihen in Fremdwährungen gegenüber Währungsschwankungen abzusichern. Denn grundsätzlich gilt, dass Wechselkursentwicklungen Kupons und Kursentwicklung von Rentenpapieren deutlich überlagern und damit die angestrebte defensive Natur des Investments zunichte machen können.

Die feste Fälligkeit macht Anleihen sehr berechenbar

Ohne Währungssicherung garantieren beispielsweise die derzeit bei rund einem Prozent rentierenden US-Treasuries mit fünfjähriger Restlaufzeit Anlegern aus der Eurozone kaum die gewünschte Stabilität: Bricht der Euro gegenüber dem US- Dollar ein, entstehen schnell Verluste, die über das hinausgehen, was im ungünstigsten Fall an Kursverfall droht. Das gilt insbesondere dann, wenn die Papiere bis zur Fälligkeit gehalten werden, zu der sie zum Nennwert zurückgezahlt werden.

Die feste Fälligkeit macht Anleihen sehr berechenbar: Anleger, die ein Papier bis zum Ende dessen Laufzeit halten wollen, können von vornherein den Ertrag kalkulieren, den diese bis dahin erwirtschaften werden. Dies gilt jedoch nur dann, wenn die Rückzahlung auch tatsächlich gewährleistet ist. Anleger sollten daher den Verlockungen widerstehen, die von vermeintlich ertragreicheren Papieren ausgehen: höher verzinste Anleihen und dividendenstarke Aktien stabilisieren ein Portfolio nie im gewünschten Maß. Hier ist die Rückzahlung möglicherweise gefährdet. Weiter können Kurseinbrüche die Dividende zum bloßen Trostpflaster machen. Die Rechnung bleibt auch unter veränderten Marktbedingungen einfach: Mehr Ertrag gibt es nur im Paket mit mehr Risiko.

Was diesen Ertrag betrifft, sollten sich Anleger künftig einschränken. Die Erträge werden in den 2020er Jahren aller Voraussicht nach geringer ausfallen als in den vergangenen Dekaden. Das gilt für Anleihen, insbesondere aber auch für Aktien. Am erfolgversprechendsten ist die Strategie, um seine persönlichen Kapitalanlage-Ziele zu erreichen, mehr zu sparen, anstatt auf stattliche Kapitalmarkterträge zu bauen.

An einer einfachen Stellschraube können Anleger allerdings weiterhin ganz eigenständig drehen: nämlich an der mit ihren Investments verbundenen Kosten. Je geringer der Gesamtertrag, desto stärker wirkt sich die Kostenbelastung aus. Anleger sollten daher regelmäßig überprüfen, ob von ihnen entrichtete Gebühren und Honorare durch das Anlageergebnis überkompensiert werden und dabei sehr bewusst neben den klassischen Perfomance-Ausweisen auch die Risikokennzahlen einer umfassenden Betrachtung unterziehen.

Autor Sebastian Külps ist Leiter für das Geschäft in Deutschland und Österreich bei Vanguard.

Foto: Shutterstock

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