11. August 2020, 05:30
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Digitaler Wandel beschleunigt Chinas Wachstum

Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierungswelle beschleunigt. Was das für Chinas Wachstum bedeutet. Ein Kommentar von Jian Shi Cortesi, Portfoliomanagerin für chinesische und asiatische Aktienstrategien bei GAM Investment.

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Mittlerweile befinden wir uns in der wichtigen Sommersaison und zahlreiche Länder setzen die letzte Phase ihres Covid-19-Erholungsplans um: die Wiederöffnung. Sie nehmen ihre Lockdowns sukzessive mit unterschiedlichem Erfolg zurück. Während einige US-Bundesstaaten erneut Lockdown-Maßnahmen verhängen mussten, konnten Länder wie die Schweiz ihre Infektionsraten niedrig halten, obwohl sie bereits weitgehend zum «Normalbetrieb» zurückgekehrt sind. Einige in Europa und Nordamerika ergriffene Maßnahmen sind jedoch relativ neu und ihre längerfristige Wirksamkeit muss sich noch zeigen. China wurde als erstes Land von der Krise getroffen und wird diese logischerweise auch zuerst überwinden. Untersucht man das ehemalige Epizentrum des Coronavirus genauer, erkennt man einige langfristige Trends, die sich zunehmend auch im Rest der Welt zeigen werden.

Als Europa im März den ersten Lockdown verhängte, begann China bereits, seinen über Monate andauernden Lockdown aufzuheben. Die Zeit der strengen Beschränkungen dauerte in China kürzer an als die Lockdowns in anderen Ländern. Dies lässt sich zum Teil auf die Erfahrung Chinas mit früheren Pandemien zurückführen. SARS und MERS waren im asiatischen Raum stark verbreitet. Daher war die chinesische Regierung besser vorbereitet als die Regierungen der meisten anderen Länder, um der zunehmenden Gefahr durch Covid-19 entgegenzuwirken. Auf den kürzeren Lockdown folgte logischerweise eine schnellere Konjunkturerholung.

Luxus- und Online-Unterhaltungssektor profitieren von Konsumerholung

Obwohl der Konjunktureinbruch im Vergleich zum Westen nur von kurzer Dauer war, kehrte das Leben in China bei weitem noch nicht zur Normalität zurück. Die Reisebeschränkungen bestehen weiter, und selbst wenn sie aufgehoben werden, verspüren die Konsumenten vermutlich wenig Lust, ins Ausland zu reisen, solange kein Impfstoff verfügbar ist. Daher erwarten wir – vor allem im Luxussektor – eine signifikante Erholung des Konsums in China. Chinesische Konsumenten kaufen Luxusprodukte üblicherweise im Ausland, da die Preise im Inland aufgrund von Zöllen höher sind. Der Wunsch nach Luxusgütern ist unverändert stark ausgeprägt. Derzeit müssen die Konsumenten ihre Einkäufe jedoch im Heimatmarkt anstatt im Ausland tätigen.

Ein weiterer Sektor, der davon profitieren dürfte, dass die Konsumenten zu Hause bleiben, ist die Online-Unterhaltung – insbesondere der Bereich Videospiele. Videospiele entwickeln sich in wirtschaftlich schwierigen Zeiten häufig überdurchschnittlich gut, da die Konsumenten versuchen, Geld zu sparen. Abgesehen davon, dass sie nicht verreisen können, dürften alle Konsumenten von den Folgen der virusbedingten Marktschwäche betroffen sein. Daher nutzen sie möglicherweise günstigere Unterhaltungsangebote, anstatt viel Geld für Kinobesuche oder risikoreiche Familienferien auszugeben.

Der entscheidende Vorteil der Online-Unterhaltung erklärt sich bereits aus ihrem Namen – sie ist online verfügbar. Da die Konsumenten Menschenansammlungen meiden, bevorzugen sie sämtliche über das Internet verfügbare Angebote. Dieser Trend zum Online-Konsum bestand bereits vor der Pandemie, wurde jedoch durch die abrupten Lockdowns und die lang anhaltende soziale Distanzierung beschleunigt. Dies resultierte in einer digitalen Infrastruktur, die dauerhaft fortbestehen dürfte. Die chinesischen Gesundheits- und Bildungssektoren zählen zu den Pionieren dieses Trends, denn sie waren aufgrund ihrer Unentbehrlichkeit dazu gezwungen, moderne Technologie zu nutzen.

Digitalisierung als langfristiger Treiber für Gesundheits- und Bildungssektor

Das chinesische Gesundheitssystem hatte bereits seit einigen Jahren Versuche unternommen, die kulturell verwurzelte Reaktion zu überwinden, bei Krankheitssymptomen direkt in ein Krankenhaus zu gehen. Häufig warteten Patienten stundenlang, um anschließend lediglich zehn Minuten mit einem Arzt zu sprechen. Es existierten nahezu keine Online-Angebote. Die Regierung hat die Verbreitung von Online-Hausarztdiensten gefördert, die gegen eine Gebühr rund um die Uhr die Möglichkeit bieten, online einen Arzt zu konsultieren. Apotheken liefern im Anschluss die benötigten Medikamente innerhalb weniger Stunden. Auch nach dem Abflauen der Coronavirus-Krise können Gesundheitsleistungen für zu Hause dazu beitragen, die Überfüllung von Krankenhäusern zu verringern und die Effizienz des gesamten Sektors zu verbessern.

Darüber hinaus spielt die Kultur auch bei der Entwicklung des Bildungssektors eine Rolle. In China ist Bildung ein potenziell lebensveränderndes Instrument, das Bedürftige nutzen können, um sozial aufzusteigen. Da viele Schulen nach wie vor geschlossen sind, ist Online-Bildung zur Notwendigkeit geworden. Daher wird sie von den Konsumenten bereitwillig als Alternative angenommen, die es ihnen ermöglicht, dass die Schule Teil ihres Lebens bleibt. Mit der Unterstützung großer Bildungsunternehmen wurden verschiedene Maßnahmen eingeführt, um einen effektiven virtuellen Unterricht sicherzustellen. In Online-Klassen werden unangekündigte Tests durchgeführt, mit denen die Lernergebnisse und -fortschritte nahezu unmittelbar benotet werden können. Damit werden Daten gewonnen, die die Beurteilung der Aufmerksamkeit und des Verständnisses der Schüler ermöglichen. Das sind Vorteile, auf die sich insbesondere die Eltern stützen und die sie vermutlich auch dann noch nutzen möchten, wenn alle Lockdown-Beschränkungen aufgehoben sind.

Nach unserer Einschätzung wird sich der Trend in China zu einem zunehmend digitalen Leben auch in anderen Ländern der Welt widerspiegeln. Online-Unterhaltung, Online-Bildung, Online-Gesundheitswesen – jeder Sektor verkörperte bereits vor der Corona-Pandemie bestehende Trends, die durch die Krise beschleunigt wurden. Während die globale Konjunkturerholung voranschreitet, dient China als Vorreiter für jene Trends, die sich langfristig zu tragenden kulturellen Säulen entwickeln werden.

Foto: Shutterstock

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